Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Chinas Kampf gegen Korruption

Im Jahr 2020 griff die Zen­tral­bank Chi­nas PBOC hart durch: Ihre Straf­zah­lun­gen in genau 417 Fäl­len erreich­ten die Rekord­hö­he von umge­rech­net 97 Mio. Dol­lar – drei­mal so viel wie im Jahr zuvor und fast fünf­mal so viel wie 2017, zitiert das chi­ne­si­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin Cai­xin Glo­bal die US-ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft Pri­ce­wa­ter­house­Coo­pers am 13. Janu­ar. Geahn­det wur­den Ver­feh­lun­gen, »nicht ange­mes­sen gegen Geld­wä­sche« vor­ge­gan­gen zu sein, was vor allem Ban­ken und ihre Mana­ger betraf.

Ein hoch­ran­gi­ger Mana­ger der Finanz­auf­sicht in der nord­ost­chi­ne­si­schen Pro­vinz Liao­ning bei­spiels­wei­se hat sich der ober­sten Anti-Betrugs-Behör­de CCDI selbst gestellt und damit eine Rei­he von Fäl­len los­ge­tre­ten. Die Pro­vinz­re­gie­rung plant nun­mehr, zwölf loka­le Geschäfts­ban­ken zusam­men­zu­schlie­ßen, um »eine stren­ge inter­ne Risi­ko­kon­trol­le« einzuführen.

Als »Tumor an den Kapi­tal­märk­ten« bezeich­ne­te Yi Hui­man, der Chef der natio­na­len Inspek­ti­ons-Kom­mis­si­on CCDI, kor­rup­te Unter­neh­men. Nach Jack Ma’s Mono­pol-Kon­glo­me­rat Ali­b­a­ba und Ant­Group nahm die Zen­tral­bank PBOC im Janu­ar auch die neu­en Han­dy-Bezahl-Ser­vice-Mono­po­le wie Ali­pay mit 55,39 Pro­zent Markt­an­teil und WeChat­Pay der Ten­cent Hol­dings mit 38,47 Pro­zent Markt­an­teil ins Faden­kreuz. Neue Regu­la­ri­en sol­len syste­mi­sche finan­zi­el­le Risi­ken mini­mie­ren. Die Regu­lie­rungs­be­hör­de für Ban­ken und Ver­si­che­run­gen CBIRC hat – ent­spre­chend den Beschlüs­sen des Polit­bü­ros und der Zen­tra­len Wirt­schafts-Arbeits­kon­fe­renz – für das Jahr 2021 den Finanz­sek­tor im Fokus und plant, das Asset Manage­ment, Hedge­fonds und die Immo­bi­li­en­kre­dit-Bla­se zu regu­lie­ren sowie die Reform und Öff­nung des Finanz­sek­tors wei­ter vor­an­zu­trei­ben, um »finan­zi­el­le Risi­ken zu ent­schär­fen«, wie Cai­xin am 28. Janu­ar berich­te­te. Delik­te wie Bestechung und Ver­un­treu­ung ver­folgt die Zen­tral­bank PBOC nicht, dar­um küm­mert sich hoch­ef­fek­tiv die »Zen­tra­le Inspek­ti­ons-Kom­mis­si­on für Dis­zi­plin« (CCDI), ange­sie­delt beim Polit­bü­ro der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Chinas.

Chi­na ver­zeich­net dabei Rekor­de der ande­ren Art. Die Rekord­sum­me von 277 Mio. Dol­lar Bestechungs­gel­der bei­spiels­wei­se wur­den Lai Xia­min nach­ge­wie­sen, dem frü­he­ren Boss von Hua­rong Asset Manage­ment Co. Ltd., der in den Jah­ren 2008 bis 2018 im Aus­tausch gegen Finan­zie­run­gen oder Beför­de­run­gen die Hand auf­hielt. Hua­rong ist eine der vier größ­ten staat­li­chen Bad-Banks, in denen dubio­se Kre­di­te kon­zen­triert sind. Der »Feind inner­halb des Finanz­sy­stems«, so die »watch­dogs« genann­ten Fahn­der der CCDI, stell­te auch wegen Biga­mie und Abspra­che mit ande­ren zur Ver­un­treu­ung von öffent­li­chen Gel­dern eine »Bedro­hung der finan­zi­el­len Sicher­heit und Sta­bi­li­tät des Lan­des« dar. Am 5. Janu­ar wur­de Lai Xia­min, in Tian­jin zum Tode ver­ur­teilt – für Le Mon­de am 29. die Gele­gen­heit zu behaup­ten, all die Par­tei­ge­nos­sen, die gemaß­re­gelt wur­den, sei­en wegen »Kri­tik an der Par­tei und ihrem Chef« ver­folgt wor­den. Das Todes­ur­teil wur­de am 29. Janu­ar vollstreckt.

Mit einer lebens­lan­gen Stra­fe kam der ehe­ma­li­ge Chef der größ­ten poli­ti­schen Bank Chi­nas, der Chi­na Deve­lo­p­ment Bank (CDB) davon. Hu Huai­bang hat­te in der Zeit von 2009 bis 2019 13,2 Mio. Dol­lar Bestechungs­gel­der ange­nom­men. Er hat­te sei­ne Macht genutzt, um Fir­men zu schmie­ren, Finan­zie­run­gen und Beför­de­run­gen zu erleich­tern, heißt es in der Begrün­dung des Gerichts. Hu habe das Urteil akzep­tiert, das den Ent­zug der poli­ti­schen Rech­te auf Lebens­zeit und die Kon­fis­ka­ti­on sei­nes gesam­ten per­sön­li­chen Eigen­tums beinhal­te. Der Pro­zess deck­te eine gan­ze Seil­schaft auf: Dar­in ver­wickelt war auch der frü­he­re Chef der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei in der Pro­vinz Gan­su, Wang Sanyun, der zu 12 Jah­ren ver­ur­teilt wurde.

Nach Chi­nas Prä­si­dent Xi Jipings Mot­to sol­len »Flie­gen ver­scheucht« (aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen) wer­den, »aber Tiger im Käfig« lan­den. Eine kur­ze Zwi­schen­bi­lanz ist auf der Web­site der Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung vom 31. Juli 2019 zu fin­den. Im Vor­feld der 5. Ple­nar­sit­zung der 19. Anti-Kor­rup­ti­ons-Kom­mis­si­on CCDI vom 22. bis 24. Janu­ar gab die CCDI bekannt, dass vier wei­te­re gefan­ge­ne »Tiger«, regio­na­le Par­tei­chefs, aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen und im letz­ten Halb­jahr den Unter­su­chungs­be­hör­den über­stellt wur­den. Deng Hui­lin, frü­her Poli­zei­chef und stell­ver­tre­ten­der Bür­ger­mei­ster der Mega-City Chong­qing, habe Cli­quen auf Par­tys gebil­det und Schmier­gel­der akzep­tiert; Wen Gudong, frü­her Vize-Gou­ver­neur der Pro­vinz Quin­hai, zog Vor­tei­le vor allem aus ille­ga­len Koh­le­mi­nen; Luo Jia­mang, der frü­he­re Chief accoun­tant der größ­ten staat­li­chen Nah­rungs­mit­tel-Grup­pe COFCO Corp., akzep­tier­te unter ande­rem Ein­la­dun­gen in Nobel­re­stau­rants und ließ sich Rei­sen finan­zie­ren. Hu Wen­ming, ehe­ma­li­ger Kom­man­deur von Chi­nas Flug­zeug­trä­ger-Ent­wick­lungs­pro­gramm, Par­tei­chef und Boss eines der zwei größ­ten staat­li­chen Schiffs­bau­er, der Chi­na Ship­buil­ding Indu­stry Corp. (CSIC), wird eine lan­ge Rei­he von Fehl­ver­hal­ten, Macht­miss­brauch und Bestech­lich­keit vor­ge­wor­fen. Er habe ein aus­schwei­fen­des Leben geführt, »ille­gal Golf gespielt, pri­va­te Clubs und Ban­ketts besucht, Geschen­ke und Gra­tis­lei­stun­gen angenommen«.

Fazit: Der Kampf gegen Kor­rup-tion, auch wenn er noch so kon­se­quent geführt wird, bleibt eine Dau­er­auf­ga­be, solan­ge bür­ger­li­che Ideo­lo­gie den Ego­is­mus beför­dert. Das Aus­mi­sten die­ses Stalls ist nicht einem Hera­kles vor­be­hal­ten, son­dern dem stän­di­gen Bemü­hen eines Sisy­phos über­las­sen – der in Chi­na nicht nur von einem Komi­tee, son­dern durch die mas­sen­haf­te Unter­stüt­zung von Whist­leb­lo­wern und die unei­gen­nüt­zi­ge Akti­vi­tät von Gewerk­schaf­tern und Kom­mu­ni­sten in den PCC-Betriebs­grup­pen beglei­tet wird. Schließ­lich gilt es, die Supre­ma­tie der Poli­tik gegen­über der Öko­no­mie sicher­zu­stel­len – gestern gegen den Hun­ger, heu­te gegen die Armut, mor­gen für eine beschei­den wohl­ha­ben­de Gesell­schaft – für den Sozia­lis­mus chi­ne­si­scher Art.