Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Corona und Afrika

»Nie­mand auf die­sem Glo­bus ist sicher, bevor nicht alle sicher sind« – so bringt der Gene­ral­di­rek­tor der WHO, Dr. Tedros Ghe­breyesus, die Tat­sa­che zum Aus­druck, dass der beste Weg, um aus die­ser Pan­de­mie her­aus­zu­kom­men, ist, sicher­zu­stel­len, dass die Men­schen welt­weit Zugang zu Impf­stof­fen haben. Das ist aber tat­säch­lich noch längst nicht der Fall. Wäh­rend in vie­len Län­dern Euro­pas im Som­mer mehr als 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung voll­stän­dig geimpft sind, hat­ten etwa im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka bis Mit­te 2021 erst maxi­mal drei Pro­zent der Bevöl­ke­rung Zugang zu einer ersten Imp­fung. Nach jet­zi­gem Stand wird – im Hin­blick auf die Ver­füg­bar­keit von Impf­stoff – in Afri­ka frü­he­stens ab 2023 eine Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät mög­lich sein. Bis dahin bleibt viel Zeit, dass sich die Pan­de­mie in wei­te­ren Wel­len durch afri­ka­ni­sche Län­der frisst und sich dadurch auch neue Virus­mu­ta­tio­nen bil­den werden.

Die­se Lage legt gleich meh­re­re struk­tu­rel­le Pro­ble­me offen: Einer­seits hat sich der glo­ba­le Nor­den bei den Impf­stoff­her­stel­lern früh den Löwen­an­teil der ver­füg­ba­ren Pro­duk­ti­on gesi­chert. Dabei hät­te die Coro­na-Pan­de­mie auch die Chan­ce gebo­ten, die glo­ba­le Gesund­heits­ar­chi­tek­tur neu aus­zu­rich­ten: Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on hat zusam­men mit Part­nern – dar­un­ter auch die EU-Kom­mis­si­on und Deutsch­land – im Febru­ar 2020 den »Access to COVID-19 Tools Acce­le­ra­tor (ACT-A)« ins Leben geru­fen. Teil die­ses Koope­ra­ti­ons­me­cha­nis­mus ist auch die COVAX-Initia­ti­ve, mit der Impf­stof­fe armen Ent­wick­lungs­län­dern zur Ver­fü­gung gestellt wer­den sol­len. Obwohl Län­der wie Deutsch­land bereits hohe Sum­men inve­stiert haben, kommt der Mecha­nis­mus nur schlep­pend in Gang. Zwar hat COVAX im Febru­ar 2021 mit der Aus­lie­fe­rung erster COVID-19 Impf­stof­fe begon­nen und seit­dem mehr als 90 Mil­lio­nen Impf­do­sen an 133 Län­der gelie­fert, dar­un­ter 69 Nied­ri­ge­in­kom­mens­län­der. Geplant ist, bis Ende 2021 20 Pro­zent des Bedarfs in den teil­neh­men­den Län­dern abzu­decken (das sind immer­hin fast 2,3 Mil­li­ar­den Impf­stoff­do­sen). Die Her­aus­for­de­run­gen jedoch sind gigantisch.

In Afri­ka wer­den nur etwa ein Pro­zent der dort ein­ge­setz­ten Impf­stof­fe lokal pro­du­ziert (etwa Gelb­fie­ber­impf­stof­fe im sene­ga­le­si­schen Insti­tu­te Pasteur), wodurch sich der Kon­ti­nent in einer kri­ti­schen Abhän­gig­keit befin­det. Das haben auch afri­ka­ni­sche Regie­run­gen erkannt: Beim Impf­gip­fel der Afri­ka­ni­schen Uni­on Mit­te April 2021 haben die afri­ka­ni­schen Staa­ten ihren Wil­len bekräf­tigt, eige­ne Impf­pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten auf­zu­bau­en. Sie haben das Ziel for­mu­liert, bis 2040 60 Pro­zent des afri­ka­ni­schen Impf­stoff­be­darfs auf dem Kon­ti­nent zu pro­du­zie­ren. Das ist die lang­fri­sti­ge Per­spek­ti­ve. Die geht natür­lich weit über COVID hin­aus – und umfasst die Pro­duk­ti­on ver­schie­de­ner Impf­stof­fe, sei es gegen Masern, Polio oder Gelb­fie­ber, per­spek­ti­visch sicher auch gegen Malaria.

Poli­tisch wird in den letz­ten Wochen vor allem die Patent­frei­ga­be inten­siv dis­ku­tiert. Doch machen wir uns nichts vor: Die wäre vor allem sym­bo­li­scher Natur, denn die Paten­te sind nicht der wesent­li­che Eng­pass. Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung für afri­ka­ni­sche Län­dern sind Tech­no­lo­gie­trans­fer, die Ver­füg­bar­keit von Fach­kräf­ten, Qua­li­täts­in­fra­struk­tur, ein funk­tio­nie­ren­des regu­la­ti­ves Umfeld und die noch exi­stie­ren­den Han­dels­bar­rie­ren zwi­schen den Län­dern. Die Afri­ka­ni­sche Frei­han­dels­zo­ne ist zwar poli­tisch beschlos­sen, ihre Umset­zung wird aber noch Jahr­zehn­te brau­chen. Daher wird auch der erste Schritt in der inzwi­schen abseh­ba­ren Pro­duk­ti­on von Coro­na-Impf­stof­fen auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent zunächst die Abfül­lung sein – im Bran­chen­jar­gon »fill & finish« genannt. Im Süd­afri­ka hat das Unter­neh­men Aspen Phar­ma­ca­re im Auf­trag des Impf­stoff­her­stel­lers John­son & John­son bereits mit ent­spre­chen­der Pro­duk­ti­on begon­nen. Man kann davon aus­ge­hen, dass im näch­sten Schritt auch die noch neue Tech­no­lo­gie der mRNA Impf­stof­fe – sicher noch in die­sem Jahr – in aus­ge­wähl­ten afri­ka­ni­schen Län­dern in den Pro­duk­ti­ons­schritt fill & finish gehen wird.

Wir müs­sen uns aber vor Augen füh­ren, dass auch die Ver­füg­bar­keit von genü­gend Impf­stoff­do­sen nicht alle Pro­ble­me lösen wird. Die Imp­fung von gan­zen Bevöl­ke­run­gen ist eine sehr vor­aus­set­zungs­haf­te Unter­neh­mung: Benö­tigt wer­den geschul­tes Gesund­heits­per­so­nal, funk­tio­nie­ren­de Kühl­ket­ten bis in länd­li­che Regio­nen und vor allem das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in die Impf­stof­fe. Afri­ka­ni­sche Län­der haben eini­ge Erfah­rung in der Imp­fung von Kin­dern, sie haben aber wenig Erfah­rung in der schnel­len Imp­fung der gesam­ten Bevöl­ke­rung. Und die Gesund­heits­sy­ste­me in vie­len afri­ka­ni­schen Län­dern sind fra­gil – auch wenn in den letz­ten Jahr­zehn­ten vie­le Fort­schrit­te erzielt wor­den sind und afri­ka­ni­sche Län­der im Manage­ment von Epi­de­mien viel Erfah­rung haben (etwa im Bereich Ebo­la). Vie­le Men­schen – vor allem im länd­li­chen Bereich – sind skep­tisch, über sozia­le Medi­en kur­sie­ren Gerüch­te und Fehl­in­for­ma­tio­nen zu den Coro­na-Imp­fun­gen. Dies führ­te etwa dazu, dass Mala­wi nach sei­ner ersten COVAX-Impf­stoff­lie­fe­rung sei­ne ursprüng­lich geplan­te Prio­ri­sie­rung (Mitarbeiter*innen im Gesund­heits­sy­stem und über 60-Jäh­ri­ge) umge­hend ein­stamp­fen muss­te, da sich nicht genü­gend Impf­wil­li­ge fan­den. Im Mai muss­ten von 450.000 erhal­te­nen Impf­do­sen ins­ge­samt 20.000 ver­nich­tet wer­den, da ihr Ver­falls­da­tum erreicht war. Das glei­che Phä­no­men ließ sich auch im Kon­go beob­ach­ten: Das Land gab einen Groß­teil sei­ner Dosen an COVAX zur Ver­tei­lung an Nach­bar­län­der zurück, da die ver­füg­ba­ren Impf­stof­fe nicht zeit­nah in aus­rei­chen­der Men­ge ver­impft wer­den konnten.

Es ist eine heik­le Situa­ti­on. Zum ersten Mal in der Geschich­te der Mensch­heit wird eine Maß­nah­me, die Coro­na-Imp­fung, für alle Men­schen auf dem Pla­ne­ten geplant. Dass die­ses Vor­ha­ben auch auf Skep­sis trifft, kann nicht ver­wun­dern. Tat­säch­lich kann das »Impf­ge­sche­hen« in Afri­ka in einer post­ko­lo­nia­len Debat­te auch zur Waf­fe wer­den? Und das auf zwei Argumentationslinien:

Benach­tei­li­gung: Wie gewohnt, nut­zen die Bewoh­ner der indu­stria­li­sier­ten Welt die Fort­schrit­te in der Medi­zin zuerst für sich, und wir, die Bewoh­ner des Südens, haben das Nach­se­hen. Damit wer­den gefähr­li­che Muster in der Bezie­hung zwi­schen Nord und Süd bedient und kön­nen die Debat­te befeu­ern, wonach der Kolo­nia­lis­mus nie auf­ge­hört hat, son­dern in neu­er Mas­ke immer wie­der auftritt.

Miss­trau­en: Die Erin­ne­rung an die HIV/AIDS-Epi­de­mie könn­te leh­ren, dass im Süd­li­chen Afri­ka gegen­über den Ursprungs­ge­schich­ten (woher kommt AIDS?) alter­na­ti­ve Erzäh­lun­gen im Umlauf waren und dass die Medi­ka­men­te, die all­mäh­lich ent­wickelt wur­den, zunächst in den beson­ders betrof­fe­nen afri­ka­ni­schen Län­dern kaum zugäng­lich waren. Das ist nicht ver­ges­sen. Und die im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka ver­brei­te­te Impf­skep­sis (»die Imp­fung macht unfrucht­bar«) knüpft an die Geschich­te bis­wei­len pro­ble­ma­ti­scher Prä­senz west­li­cher Gesund­heits­maß­nah­men im afri­ka­ni­schen Kon­text an.

Es ist nicht hilf­reich, die gerin­ge Impf­be­reit­schaft in Afri­ka als »unauf­ge­klärt« abzu­tun und viel­leicht sogar auf Zwangs­maß­nah­men zu set­zen. Es könn­te gefähr­lich sein, die Ursa­chen für Impf­skep­sis zu über­se­hen. Die Coro­na­imp­fung birgt die Chan­ce, sich mit Lei­den­schaft um eine welt­in­nen­po­li­ti­sche Gerech­tig­keit zu bemü­hen, und dazu wür­de die Bereit­stel­lung von Impf­do­sen eben­so gehö­ren wie die Unter­stüt­zung loka­ler Pro­duk­ti­ons­stät­ten für Impf­stof­fe. Sie schließt auch die Gefahr ein, Aver­sio­nen gegen euro­päi­sche Domi­nanz zu bele­ben, die – mit Miss­trau­en gegen die Imp­fung gepaart – eine glo­ba­le Coro­na­stra­te­gie zum Schei­tern bringt. Euro­pa kann in die­ser Lage alles falsch machen oder Coro­na (unter der Devi­se: Es betrifft uns alle) zum Anlass für einem sym­bo­li­schen Neu­an­fang wer­den lassen.

Der rich­ti­ge oder fal­sche Umgang mit Coro­na wird (wenn nicht alles täuscht) auch über die Zukunft der Zusam­men­ar­beit mit Afri­ka ent­schei­den. Die Mün­che­ner Sicher­heits­kon­fe­renz kommt in ihrem Bericht zur Poly­pan­de­mie zu einem kla­ren kri­ti­schen Schluss: »Die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft hat jetzt die Wahl: Sie kann die Pan­de­mie­fol­gen in ande­ren Tei­len der Welt wei­ter ver­nach­läs­si­gen und damit zulas­sen, dass Covid-19 und sei­ne Kon­se­quen­zen Ungleich­heit und Ver­wund­bar­kei­ten wei­ter ver­schär­fen. Oder sie kann einen Kurs­wech­sel voll­zie­hen und auf eine Poli­tik umschwen­ken, die Soli­da­ri­tät als Eigen­in­ter­es­se begreift und den Schutz ande­rer als eine Inve­sti­ti­on in die Zukunft sieht.« Klar ist bereits jetzt der Ver­lust jah­re­lan­ger Ent­wick­lungs­fort­schrit­te in den Berei­chen Hun­ger- und Armuts­be­kämp­fung. Dazu kommt, dass infol­ge der Pan­de­mie demo­kra­ti­sche Syste­me und Prin­zi­pi­en noch sehr viel stär­ker in Bedräng­nis gera­ten als vor der Pan­de­mie. Der Bericht ana­ly­siert die­sen stär­ker wer­den­den Druck auf demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en welt­weit im Detail, eben­so wie die durch Covid-19 ver­stärk­te Kri­se des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus (Poly­pan­de­mie. Son­der­aus­ga­be des Munich Secu­ri­ty Report zu Ent­wick­lung, Fra­gi­li­tät und Kon­flikt in der Covid-19-Ära, Novem­ber 2020).

Zugleich wäre es kurz­sich­tig, zu über­se­hen, dass mit Covid-19 die Fra­ge nach einer künf­ti­gen pla­ne­ta­ren Gesund­heits­po­li­tik gestellt ist, die über das bis­wei­len kurz­at­mig-aktua­li­sti­sche Han­deln hin­aus­weist. Kön­nen Gesund­heits­fra­gen noch unab­hän­gig von der dra­ma­ti­schen Gefähr­dung des Pla­ne­ten betrach­tet und von den öko­lo­gi­schen Zusam­men­hän­gen abge­kop­pelt dis­ku­tiert wer­den? »Was wür­de es bedeu­ten, wenn nicht alles, was der mensch­li­chen Gesund­heit nutzt, als ›gut‹ zu betrach­ten wäre?«, fra­gen Abou Far­man und Richard Rot­ten­burg in einem zukunfts­wei­sen­den Auf­satz in der Zeit­schrift MAT Medi­ci­ne Anthro­po­lo­gy Theo­ry (https://doi.org/10.17157/mat.6.3.569). Wir haben womög­lich die Zukunft mit Hypo­the­ken bela­stet, indem wir davon aus­ge­gan­gen sind, dass jeder Fort­schritt in der Gesund­heits­po­li­tik gut ist und bis ins Unend­li­che fort­ge­setzt wer­den kann, aber das ist nicht mög­lich – so zitie­ren die Autoren die Sicht von Andrew Hai­nes, Pro­fes­sor an der Lon­don School of Hygie­ne and Tro­pi­cal Medi­ci­ne. Die Exter­na­li­sie­rung der Fol­gen von Umwelt­zer­stö­rung und Kli­ma­wan­del tref­fen bekannt­lich vor allem die Armen die­ser Welt, und die Fra­ge nach einer glo­ba­len Impf­ge­rech­tig­keit ist nicht zu tren­nen von der Fra­ge nach »capi­ta­lism, over­con­sump­ti­on, extrac­ti­vism, cor­po­ra­te pro­fits or wars and glo­bal mili­ta­ri­sa­ti­on« (ebd.). Dass die Fort­schrit­te im Bereich »mensch­li­cher Gesund­heit« beträcht­li­che Zer­stö­rungs­fol­gen in ande­ren Berei­chen haben, ist inzwi­schen unüber­seh­bar. Der Hand­lungs­druck, der mit Covid-19 ent­stan­den ist, ist eben­falls unüber­seh­bar. Die glo­ba­len Imp­fun­ge­rech­tig­kei­ten las­sen in den betrof­fe­nen peri­phe­ren Län­dern kolo­nia­le Remi­nis­zen­zen wie­der auf­le­ben. Aber in all dem durch die Pan­de­mie ent­stan­de­nen Hand­lungs­druck darf die Fra­ge nach einer glo­ba­len, öko­lo­gisch sen­si­blen Gesund­heits­po­li­tik nicht zum Schwei­gen gebracht werden.

Mat­thi­as Rom­pel war jah­re­lang Lan­des­di­rek­tor der Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) in Mala­wi und in Äthio­pi­en und Dschi­bu­ti und lei­tet gegen­wär­tig in der GIZ die Abtei­lung Süd­li­ches Afri­ka. Rei­mer Gro­ne­mey­er, Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie, hat zahl­rei­che For­schungs­pro­jek­te in ver­schie­de­nen afri­ka­ni­schen Län­dern durchgeführt.