Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Couscous und Film

Bernd Schir­mer, kürz­lich acht­zig gewor­den, hat in sei­nem Leben einen dicken Packen an Geschich­ten, Roma­nen und Dreh­bü­chern ver­fasst. Noch immer aber fin­det er »Geschich­ten aus ver­flos­se­ner Zeit«. So heißt ein Bänd­chen in dem klei­nen, fei­nen Gran­seer Ver­lag Edi­ti­on Schwarz­druck, der zum Bei­spiel auch von Stef­fen Men­sching eine umfang­rei­che Gedicht­aus­wahl herausbrachte.

Der Ver­le­ger heißt Marc Ber­ger, der Aus­stat­ter Roland Ber­ger, die Nach­wort­schrei­be­rin für Schir­mer Chri­stel Ber­ger. Ein Fami­li­en­un­ter­neh­men, das dem Erzäh­ler Bernd Schir­mer bestens gerecht wird. Er hat­te mit dem Roman »Schleh­weins Giraf­fe« 1992 einen klei­nen Best­sel­ler, mit »Sil­ber­blick« 2017 ein auto­bio­gra­fi­sches Werk von Rang ver­öf­fent­licht. Mit sieb­zig Fol­gen der ZDF-Serie »Der Land­arzt« gehör­te er auch nicht zu den Autoren, die am Hun­ger­tuch nagen mussten.

Den­noch, so scheint mir, wer­den sei­ne klug gespon­ne­nen, humor­vol­len, atmo­sphä­risch dich­ten Geschich­ten unter­schätzt. Wie genau er eine ver­gan­ge­ne Welt wie­der­zu­ge­ben weiß, dafür zwei Bei­spie­le aus die­sem Band. »Der gro­ße Cous­cous« erin­nert an Schir­mers Lek­to­ren­zeit in Alge­ri­en. Immer mal wie­der tau­chen spä­ter im Ber­li­ner Heim alge­ri­sche Freun­de auf, die mal gen Kom­mu­nis­mus, gen Islam oder gen jun­gen Natio­nal­staat ten­die­ren, ara­bisch oder fran­zö­sisch sich ver­wirk­li­chen wol­len. Sie wun­dern sich, wenn die Frau des Hau­ses Kopf­tuch trägt, ohne dies einer Krank­heit zurech­nen zu können.

Die sati­ri­sche Gro­tes­ke »Der Film« wie­der­um nimmt all den Blöd­sinn hopp, der die deut­sche, demo­kra­ti­sche, sozia­li­sti­sche Film­pro­duk­ti­on kenn­zeich­ne­te. Man muss kein Ken­ner der ein­sti­gen Kul­tur­po­li­tik sein, um oft herz­haft lachen zu kön­nen – und gele­gent­lich wenig hei­te­re, eher bit­te­re Gefüh­le beim Abschied des Sozia­lis­mus aus dem Lan­de DDR zu empfinden.

Bernd Schir­mer: »Das lei­se Ticken der Son­nen­uhr. Geschich­ten aus ver­flos­se­ner Zeit«, Bele­ge wie­der­ge­fun­de­ner Lese­stof­fe Nr. 25, Edi­ti­on Schwarz­druck, 116 Sei­ten, 14 €