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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Christkind (m/​w/​d)

Es tre­ten auf: Komi­tee-Engel Gabri­el (Oberen­gel, Bote zu Maria), Uri­el (Oberen­gel), Ari­el, Joja­da, Rapha­el (Ver­kün­di­gungs­en­gel zur Weih­nacht bei den Hir­ten), Dienstengel.

 

In der Advents­zeit häuf­ten sich wie üblich die Mee­tings bei den himm­li­schen Heer­scha­ren. Die Fach­ab­tei­lung für die »Vor­be­rei­tung des Festes«, das heißt für den äuße­ren Rah­men, hat­te eini­ges zu tun. Die Zustän­di­gen: Gabri­el und Uri­el, die zwei Erz­engel, sowie die klei­nen Engel Joja­da und Ari­el muss­ten neben dem Pro­blem des geplan­ten Wet­ters (Schnee oder kein Schnee?) und der Zahl der benö­tig­ten Niko­laus-Dar­stel­ler etwas Unge­wohn­tes bespre­chen: Die Fra­ge der geschlech­ter­ge­rech­ten, der gen­der-rich­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kon­text des Festes war aufgetaucht.

Meh­re­re irdi­sche Gleich­stel­lungs-Beauf­trag­te hat­ten dazu im Namen aller Erd­be­woh­nen­den Peti­tio­nen geschickt: Schluss mit dem mas­ku­li­nen Genus-Getue, die­sem Pri­vi­leg, was angeb­lich »alle Frau­en mit meint«. Von wegen »mit-mei­nen«, wie wär‘s denn zur Abwechs­lung umge­kehrt? Soll­te nicht Gott gesagt haben: Macht euch die Gram­ma­tik unter­tan und herr­schet über sie, 1. Buch Mose, Kapi­tel 1.

Aus dem Büro Mari­as, volks­tüm­lich Mut­ter­got­tes genannt, war auch eine For­de­rung nach sprach­li­cher Reform gekom­men. Gott Vater, Got­tes­sohn, Mut­ter Maria – ziem­lich old school, hieß es von dort. Maria erklär­te sich in die­sem Zusam­men­hang bereit, auf die Bezeich­nung Mut­ter Jesu (weil Mut­ter nichts als ein »sozia­les Kon­strukt« sei) zu ver­zich­ten. Statt­des­sen sol­le man sie ein­fach Got­tes­ge­bä­re­rin nen­nen. Das wäre näm­lich zum einen sach­lich zutref­fend und außer­dem zwei­tens vor 1590 Jah­ren schon mal als Ehren­ti­tel an sie, Maria, ver­ge­ben wor­den – man erin­ne­re sich bit­te-schön der Syn­ode zu Ephe­sos, wo das ein The­ma war!

Die vier Engel amü­sier­ten sich über Mari­as Ein­fall. Die will nur bei ihrer weib­li­chen Kli­en­tel punk­ten, kicher­te Ari­el, der Vor­lau­te. Gabri­el erin­ner­te sich: Als ich zu Maria als der Freu­den­bo­te kam und ihr ver­kün­de­te, dein Sohn wird Sohn des Höch­sten genannt wer­den, und der Herr wird ihm Davids Thron geben usw., da war sie noch nicht so komisch und eigen­sin­nig. Sie sag­te noch ganz fromm: Sie­he, ich bin des Herrn Magd. (Hört, hört!)

»Zur Sache«, mahn­te Uri­el sach­lich, »behan­deln wir jetzt der Rei­he nach die Pro­ble­me Niko­laus,Weih­nachts­mann und dann Mari­as Sohn. Die blei­ben doch alle­samt männ­lich, oder?« Beim hl. Niko­laus, dem ein­sti­gen Bischof von Myra, wur­de man sich schnell einig: histo­risch echt, ein gestan­de­ner Mann, unzwei­fel­haft ein er, also kei­ne Mätz­chen im Plu­ral (kei­ne Nikolaus*innen o. ä.). »Aber wie ist es mit sei­nem Gehil­fen Knecht Ruprecht, dem ollen Kin­der­schreck? Wol­len wir den ein­fach mal strei­chen?«, sprach Joja­da. »Also wart mal, da schaf­fen wir jetzt ein Gegen­stück: statt Knecht die neue Gestalt der Magd Rup­wi­tha. Und die kin­der­feind­li­che Rute las­sen wir natür­lich weg«, ent­schied Uriel.

Hier wur­den sie unter­bro­chen, denn einer der Dien­sten­gel über­gab Uri­el einen Eil­brief aus der Höl­le, vom gro­ßen Ver­su­cher Satan, dem gefal­le­nen Engel: Dem sei zu Ohren gekom­men, dass es Stim­men gäbe der Kri­tik an der Titu­lie­rung Jah­wes des All­mäch­ti­gen, aber auch sei­ner selbst, des Gott­sei­bei­uns. Ob es wohl noch ange­he und recht und bil­lig sei, stän­dig der Gott und der Teu­fel zu sagen?, las Uri­el vor. »Meint der viel­leicht so was wie Go/ö-tt/in? Das gibt‘s doch wohl nicht«, rief Ari­el dazwi­schen. Nein, las Uri­el wei­ter, der Ver­su­cher schlägt Fol­gen­des vor: Bei G+tt ein Kreu­zes­zei­chen ein­fü­gen und bei S;t;n einen zwei­fa­chen Pfer­de­fuß. Zwar nicht ide­al, aber damit hät­te man wenig­stens Pro­blem­be­wusst­sein ange­zeigt, bis zur end­gül­ti­gen Lösung. Satans Brief schloss mit den Wor­ten: Soll­te G+tt nicht schon im ersten Kapi­tel der Bibel, 1. Mose 1,28 gesagt haben: »Macht euch die Spra­che unter­tan und herr­schet über Genus und Modus, über Kasus und Nume­rus«? So sprach also der Verführer.

»Den Brief ein­fach zu den Akten«, ver­füg­te Gabriel.

»Um bei uns selbst anzu­fan­gen«, fiel hier Joja­da, dem Dienst­jüng­sten, ein, »wir kön­nen uns in den offi­zi­el­len Schrei­ben von nun an himm­li­sche Engel­we­sen nen­nen. Da kann sich ja wirk­lich jedX (das heißt: jeder/​jede) sein/​ihr Teil den­ken, auch die trans-, inter-, bi- und ase­xu­el­len Mit-Wesen.« »Nun mach dich nicht lustig über ande­re«, mahn­te Gabri­el (von sei­nen Mit­en­geln gern als Gabrie­le gehän­selt, wegen sei­ner Vor­lie­be für wal­len­de Klei­der), »für Scher­ze haben die Kri­ti­ker – äh, Innen kei­nen Sinn.«

Damit ging es zum näch­sten Punkt, dem Begriff des Weih­nachts­man­nes. Bei dem stand offen­bar kein ech­ter anti­ker Bischof und kei­ne Manns­per­son Pate; außer­dem wird er ja auch häu­fig genug von Frau­en gespielt, die sich einen wei­ßen Rau­sche­bart umbin­den. War­um nicht zum Aus­gleich die­ses Jahr mal die Weih­nachts­frau ins Spiel bringen?

»Ach nö«, wand­te Ari­el ein, da wür­den sich nicht alle gemeint füh­len. »Bes­ser fän­de ich Weih­nachts­per­son, oder?« »Nein, geht nicht, die Per­son ist ja gar nicht neu­tral, viel­mehr ist die femi­nin«, so Joja­da. »Lasst uns was mit das fin­den, z. B. das Weih­nachts­männ­chen.« Und jetzt kam dem klu­gen Gabri­el die defi­ni­ti­ve Idee: »Etwas mit das? Das ist nicht schwer: das Weih­nachts­weib, geht das?« Nach­denk­li­ches Schweigen.

»Muss eigent­lich«, frag­te Gabri­el (um das nach­denk­li­che Schwei­gen zu been­den), »muss Jesus immer mit männ­lich kon­no­tier­ten Wör­tern ver­se­hen wer­den? Als ob das Heil nur von einem Mann kom­men kann: der Erlö­ser und Hei­land, der Ret­ter, Mes­si­as, das klingt doch arg ein­sei­tig und macho­mä­ßig.« – Rich­tig. Wenn es heu­er im Lied Stil­le Nacht, hl. Nacht wie­der hei­ßen wird hol­der Kna­be im locki­gen Haar, dann könn­te Maria meckern. »Wie wär’s denn mit Säug­ling?« (Das war Ari­el.) »Der Säug­ling«, murr­te Gabri­el. »Nein, bes­ser Baby, das wäre sehr neu­tral.« »Aber seht doch mal«, so Ari­el: »Unser Kol­le­ge Rapha­el sprach in der hl. Nacht auf dem Fel­de zu den Hir­ten die Wor­te: ›Ihr wer­det fin­den das Kind in Win­deln gewickelt und in einer Krip­pe lie­gen‹. Wie klingt denn das? Nen­nen wir das Weih­nachts­ba­by ganz neu­tral und gefäl­lig Christ-Kind. Und las­sen wir den Sohn, Got­tes­sohn, Hei­land usw. beiseite.«

»Ja«, mein­te Uri­el, »schön und gut, aber um der Lie­be zu allen Men­schen wil­len müs­sen wir es ein wenig prä­zi­sie­ren: das Christ-Kind (m/​w/​d). Seht ihr, damit ist nie­mand vergessen.«