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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Gedächtnis der Menschheit

Krieg wird stän­dig bewer­tet: Ob er die Sache wert sei, ob er sein müs­se, wer an ihm schuld sei? Einen der­ar­ti­gen Dis­kus­si­ons­be­darf gibt es heu­te aller­dings nicht mehr, ange­sichts des­sen, dass Russ­land den Angriff auf die Ukrai­ne began­gen hat – und das ist natür­lich tat­säch­lich so; ange­sichts des­sen, dass der Krieg brand­akut ist, erscheint ein Hin­weis dar­auf, dass der Krieg eine Vor­ge­schich­te hat, als frucht­lo­ses whata­bou­ti­sti­sches Sezie­ren von mitt­ler­wei­le evi­dent Über­hol­tem: Russ­land ist schuld, der Krieg ist jetzt! Was tun?

Bei­de Sei­ten, die Ukrai­ne, die USA, Nato, EU etc. auf der einen sowie Russ­land auf der ande­ren Sei­te, bezich­ti­gen die ande­re des Völ­ker­rechts­bruchs. Der dies­be­züg­li­che OSZE-Pas­sus gesteht Staa­ten die Wahl ihrer Bünd­nis­se zu und for­mu­liert: »Kein Teil­neh­mer­staat wird sei­ne Sicher­heit auf Kosten der Sicher­heit ande­rer Staa­ten festi­gen« (OSZE-Char­ta, Istan­bul 1999). Bei­de Sei­ten sehen sich somit im Recht und set­zen die­ses mit dem Umbrin­gen von Leu­ten durch.

Bei­de Sei­ten haben gegen­sätz­li­che »gute Grün­de« für Krieg: Russ­land die Not­wen­dig­keit der »Vor­wärts­ver­tei­di­gung« (ein für Mili­tärs in aller Welt geläu­fi­ges Kon­zept) und die seit 2014 ihre Ost­ge­bie­te, denen kein Selbst­be­stim­mungs­recht zusteht, mit einem Bür­ger­krieg über­zie­hen­de Ukrai­ne die Not­wen­dig­keit von Ver­tei­di­gung, die von hin­ten ange­führt wird. Etwas ande­res ist »undenk­bar« gewor­den. Somit beant­wor­ten die Kriegs­par­tei­en die Fra­ge »Was tun? « gleich­lau­tend: 1. Zu Krieg bis zum Sieg, und sei die­ser auch nur total und ato­mar zu errin­gen, gibt es kei­ne Alter­na­ti­ve. 2. Es darf kei­nen »Dik­tat­frie­den« (mit die­sem Begriff dele­gi­ti­mier­te der deut­sche Faschis­mus den Ver­sail­ler Ver­trag) geben; nur Sieg­frie­den kommt in die Haubitze.

Offi­zi­ell aus­ge­drückt: »Heu­te ver­tei­di­gen Sie das, wofür Ihre Väter, Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter gekämpft haben. Der höch­ste Sinn ihres Lebens war immer das Wohl­erge­hen und die Sicher­heit unse­rer Hei­mat. (…) Ruhm unse­ren tap­fe­ren Streit­kräf­ten! Auf Russ­land! Auf den Sieg! Hur­ra!« (Putin, 09.05.2022).

»Einen rus­si­schen Dik­tat­frie­den(!) soll es nicht geben. (…) Putin wird den Krieg nicht gewin­nen. Die Ukrai­ne wird bestehen. Frei­heit und Sicher­heit wer­den sie­gen – so wie Frei­heit und Sicher­heit vor 77 Jah­ren über Unfrei­heit, Gewalt und Dik­ta­tur tri­um­phiert haben. (…) Nie wie­der! (Der Schwur von Buchen­wald) Dar­in liegt das Ver­mächt­nis des 8. Mai« (Scholz, 08.05.2022).

Augen gera­de­aus!

Die­sen Dik­ta­ten kriegs­be­schicken­der Staa­ten­len­ker, die die vita­len Inter­es­sen von Bevöl­ke­run­gen schä­di­gen, letz­te­re ver­hei­zen, soll­ten sich Staats­bür­ger hüben wie drü­ben nicht unter­wer­fen. Aus »gerech­ter Empö­rung« (die dabei immer »das Gebot der Stun­de« sein soll) Krieg patrio­tisch zu wol­len, ist ein töd­li­cher Fehler.

Das ein­zig berech­tig­te Inter­es­se besteht dar­in, nicht umzu­kom­men. Wer deser­tie­ren und flüch­ten kann und das tut, hat noch Glück; die, denen nur bleibt, sich weg­zu­ducken, brau­chen mehr Glück als es gibt.

Nun mag Auf­ge­ben nicht gera­de der Königs­weg sein, aber wie wäre es zur Abwechs­lung mit ernst­haf­ten Ver­hand­lungs­ver­su­chen? Viel­leicht wäre es ja dafür noch nicht zu spät, bevor es zu spät ist. Nein, das wäre »Appease­ment«, »Feig­heit vor dem Feind«! Und eine neu­tra­li­sti­sche »Hin­ter­wäld­le­rei« (IPG, 14.05.2022) soll­te man den Öster­rei­chern über­las­sen, die den Schuss nicht gehört haben. Einem Russ­land, von dem »jeder weiß, dass es außen­po­li­tisch nur Destruk­ti­ves anzu­bie­ten hat« (so die FAZschon vor Jah­ren), ist nur eben­falls destruk­tiv zu begegne®n? Dann muss es – Hun­de, wollt ihr ewig leben? – wohl so sein. Den Unein­sich­ti­gen atte­stiert der nicht mit Alters­starr­sinn geschla­ge­ne Wla­di­mir Kami­ner: »Bei alten Men­schen siegt der Pazi­fis­mus über die Logik.«

Was spricht gegen die Auf­nah­me ukrai­ni­scher Flücht­lin­ge? Nichts. Was aber ist, wenn sich der Feind nicht erge­ben will? Dann wer­den wir wei­ter­hin hin­ter Flücht­lin­gen ste­hen, soli­da­risch sein, bis er ver­nich­tet ist. »Ser­bi­en muss ster­bi­en« – das hat­ten wir schon. Nun geht es weiter.

Russ­land hat die Wahl: »Mit einem Win­seln zugrun­de gehen« oder mit dem »gro­ßen Knall«. Auch Staa­ten kön­nen – »wenn das deut­sche Volk unter­geht, so hat es das nicht anders ver­dient« (Hit­ler) – zu erwei­ter­tem Selbst­mord grei­fen, die­ses Mal auch ato­mar. Na und? Wir jeden­falls wer­den im Recht gewe­sen sein. Nur dar­auf kommt es an. Ist das nun – »Ban­ge machen gilt nicht!« – »alar­mi­stisch«, oder was? Schön wärs. Die Hee­res­zü­ge fah­ren in den Abgrund. Unse­re Hei­zer, denen sich die Ver­tre­ter von Arbeit und Reli­gi­on mit Aus­nah­me des untrag­ba­ren Pap­stes hin­zu­ge­sel­len, befeu­ern sie nach ihren und mit unse­ren Kräf­ten. Dann sind wir schnel­ler dort, End­sta­ti­on Apokalypse.

Das pazi­fi­sti­sche, »seni­le, unsin­ni­ge« (Kami­ner) somit »zyni­sche« und »aus der Zeit gefal­le­ne« (Scholz) Beden­ken wird zu spät kom­men. »Ich habe es immer gewusst. Wenn die Über­le­ben­den des letz­ten gro­ßen Krie­ges ster­ben, wer­den die Ahnungs­lo­sen wie­der Krieg füh­ren, unwis­send, gleich­gül­tig« (Die­ter For­te 1999).

Ver­wei­gern wir die­sen unse­re Zustimmung!

*

Rede für den Frie­den (1952). Von Ber­tolt Brecht.

Das Gedächt­nis der Mensch­heit für erdul­de­te Lei­den ist erstaun­lich kurz. Ihre Vor­stel­lungs­ga­be für kom­men­de Lei­den ist fast noch gerin­ger. Die Beschrei­bung, die der New Yor­ker von den Gräu­eln der Atom­bom­be erhielt, schreck­ten ihn anschei­nend nur wenig. Der Ham­bur­ger ist noch umringt von Rui­nen, und doch zögert er, die Hand gegen einen neu­en Krieg zu erhe­ben. Die welt­wei­ten Schrecken der vier­zi­ger Jah­re schei­nen ver­ges­sen. Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen viele.

Die Abge­stumpft­heit ist es, die wir zu bekämp­fen haben, ihr äußer­ster Grad ist der Tod. All­zu vie­le kom­men uns schon heu­te vor wie Tote, wie Leu­te, die schon hin­ter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon über­zeu­gen, dass es aus­sichts­los ist, der Ver­nunft gegen ihre Fein­de bei­zu­ste­hen. Lasst uns das tau­send­mal Gesag­te immer wie­der sagen, damit es nicht zu wenig gesagt wur­de! Lasst uns die War­nun­gen erneu­ern, und wenn sie schon wie Asche in unse­rem Mund sind!

Denn der Mensch­heit dro­hen Krie­ge, gegen wel­che die ver­gan­ge­nen wie arm­se­li­ge Ver­su­che sind, und sie wer­den kom­men ohne jeden Zwei­fel, wenn denen, die sie in aller Öffent­lich­keit vor­be­rei­ten, nicht die Hän­de zer­schla­gen werden.