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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das System Ratzinger

Über ein Vier­tel­jahr­hun­dert hat er die die katho­li­sche Kir­che ent­schei­dend geprägt: Joseph Ratz­in­ger, ali­as Papst Bene­dikt XVI. Doch wel­che Rol­le spiel­te er bei ihrem Ver­sa­gen in der Miss­brauchs­kri­se? Was wuss­te er? Was hät­te er tun kön­nen? Was tat er? Was tat er nicht, und vor allem, warum?

Doris Rei­sin­ger und Chri­stoph Röhl suchen nach Ant­wor­ten. In ihrem Buch »Nur die Wahr­heit ret­tet. Der Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che und das System Ratz­in­ger« zie­hen die Autoren eine ver­nich­ten­de Bilanz. Sie zeich­nen ein Bild die­ses Man­nes, das ganz anders aus­fällt als die Kli­schees vom schüch­ter­nen Gelehr­ten, vom stil­len Hel­den oder vom »Mozart der Theo­lo­gie«. Vor die­sem Hin­ter­grund wirkt nicht nur das Schei­tern sei­nes Pon­ti­fi­kats unver­meid­lich, son­dern womög­lich sogar das Schei­tern sei­ner Kirche.

Nicht um die Opfer sei es ihm gegan­gen, son­dern vor allem um den Schutz der Kir­che, so die Autoren. Rei­sin­ger, eine frü­he­re Ordens­frau, die heu­te als Theo­lo­gin arbei­tet und einem ehe­ma­li­gen Mit­bru­der vor­wirft, sie in ihrer Zeit als Non­ne ver­ge­wal­tigt zu haben, und ihr Co-Autor Chri­stoph Röhl, ein preis­ge­krön­ter deutsch-bri­ti­scher Film­re­gis­seur, wer­fen Bene­dikt zudem vor, neue geist­li­che Bewe­gun­gen, in denen es zahl­rei­che Fäl­le von sexu­el­lem oder geist­li­chem Miss­brauch gab, lan­ge unkri­tisch geför­dert zu haben.

Das Buch ist gewis­ser­ma­ßen die Fort­set­zung zu Röhls viel beach­te­tem Doku­men­tar-Film über Ratz­in­ger mit dem Titel »Ver­tei­di­ger des Glau­bens«, der 2019 für Dis­kus­sio­nen sorg­te. Die zen­tra­le The­se des Films: Ratz­in­ger war maß­geb­lich ver­ant­wort­lich für ein System, das Opfern kein Gehör schenk­te und den Ruf der hei­li­gen Kir­che über alles stell­te. Rei­sin­ger und Röhl begin­nen ihr Buch mit dem Kapi­tel »Ratz­in­gers Geschich­te als die eines Hel­den«. Dar­in neh­men sie die Per­spek­ti­ve sei­ner Anhän­ger ein und schrei­ben bei­spiels­wei­se: »Selbst Geg­ner beschei­ni­gen dem (…) Papst, dass er den Ernst der Lage und das Leid der Opfer frü­her als ande­re gese­hen und ver­stan­den hätte.«

Die bei­den Autoren kom­men zu einem gänz­lich ande­ren Schluss. Sie kri­ti­sie­ren bei­spiels­wei­se, dass Papst Bene­dikt sich nicht zu Wort mel­de­te, als Miss­brauch und Gewalt bei den Regens­bur­ger Dom­spat­zen bekannt wur­den, dem Chor, den Papst­bru­der Georg Ratz­in­ger jahr­zehn­te­lang gelei­tet hat­te. Und sie zitie­ren aus einem Brief Ratz­in­gers, den die­ser an eine Kir­chen­ge­mein­de in den USA geschickt hat – als Ant­wort auf die Bit­te, einen Prie­ster, der Kin­der miss­braucht hat­te, aus dem Kir­chen­dienst zu ent­las­sen: Die ange­führ­ten Grün­de für die Dis­pens sei­en zwar schwer­wie­gend, »doch, zugleich mit dem Wohl des Bitt­stel­lers« müs­se »auch das Wohl der Gesamt­kir­che in Betracht« gezo­gen wer­den. Ein Dis­pens wür­de Scha­den unter den Gläu­bi­gen anrich­ten. Ratz­in­ger tra­ge zwar nicht allein die Schuld an einem Kir­chen­sy­stem, in dem Miss­brauch über Jahr­zehn­te weit­ge­hend unbe­hel­ligt mög­lich war, aber er ist als ober­ster Reprä­sen­tant ver­ant­wort­lich für ein kri­mi­nel­les Kle­rus-System, so die Autoren. Ihr Buch, ein Plä­doy­er gegen die Mär vom Ein­satz für Miss­brauchs­op­fer. Ver­tu­schen statt Auf­klä­rung sei das Mar­ken­zei­chen sei­nes Pontifikats.

Das woll­ten und konn­ten Ratz­in­gers Ver­tei­di­ger nicht akzep­tie­ren. Der Kir­chen­recht­ler Mar­kus Grau­lich etwa wies zen­tra­le Aus­sa­gen des Buches als feh­ler­haft zurück. Da die Autoren kei­nen Zugang zu den vati­ka­ni­schen Archi­ven gehabt hät­ten und die ihnen bekann­ten Doku­men­te in einer Art und Wei­se aus­leg­ten, die ihre Grund­the­se bele­gen sol­le, gelin­ge es ihnen nicht, die Zusam­men­hän­ge kor­rekt her­zu­stel­len, so Kir­chen­mann Grau­lich, der als Unter­se­kre­tär im Päpst­li­chen Rat für die Geset­zes­tex­te tätig ist, in der katho­li­schen Wochen­post. Zugleich räum­te er ein, dass das kirch­li­che Straf­recht in der Ver­gan­gen­heit eigent­lich dar­auf aus­ge­legt gewe­sen sei, nicht ange­wen­det zu wer­den: »In der ›Lie­bes­kir­che‹, ‹wie sie nach dem 2. Vati­ka­ni­schen Kon­zil ver­stan­den wur­de – eine Kir­che, die nicht mehr straft, dage­gen fast aus­schließ­lich von Barm­her­zig­keit spricht – hat­te man für das Recht all­ge­mein wenig Ver­ständ­nis und schon gar nicht für das Strafrecht.«

Es graust einen, ange­sichts der Rhe­to­rik, in der von »Lie­bes­kir­che und Barm­her­zig­keit« schwa­dro­niert wird. Nen­nen es wir es beim Namen: Tole­rier­te Sexu­al­ver­bre­chen und Rechts­staats-Ver­wei­ge­rung. Tat­sa­che ist: Die Für­sor­ge der Kir­chen­füh­rer galt und gilt allein den Tätern, nicht den Opfern. In der außer-kirch­li­chen, der rea­len Welt, gilt das als Behin­de­rung der Strafverfolgung.

Gibt es hier­zu­lan­de zwei par­al­le­le Rechts­sy­ste­me? Kön­nen sich Geist­li­che mit­hil­fe des Kir­chen­rechts dem Staats­recht ent­zie­hen? Genießt die Kir­che eine still­schwei­gen­de Unan­tast­bar­keit? Der Kie­ler Rechts­phi­lo­soph Ino Augs­berg weist dar­auf hin, dass das deut­sche Reli­gi­ons­ver­fas­sungs­recht zwar grund­sätz­lich ein Neben­ein­an­der bei­der Rechts­ord­nun­gen vor­sieht. Es gesteht Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu, ihre Ange­le­gen­hei­ten in einer inter­nen Rechts­ord­nung zu regeln – bis hin zu eige­nen straf­recht­li­chen Bestim­mun­gen. Das geschieht aber nur, soweit Grund­prin­zi­pi­en der staat­li­chen Rechts­ord­nung wie die Grund- und Men­schen­rech­te gewahrt blei­ben. Es gibt also kei­ne Aus­nah­men von der Straf­ver­fol­gung für die Kir­che, wenn es um Miss­brauch und sexu­el­le Gewalt geht. War­um dann die Zurück­hal­tung der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den? War­um ord­nen sie nicht an, dass die Kar­di­nä­le, Bischö­fe und Kir­chen-Ver­wal­ter die Namen der Sexu­al-Täter nen­nen müs­sen? Der Staat hat einen Straf­ver­fol­gungs­an­spruch. Man nennt das Rechtsstaat.

Tat­sa­che ist: Über­all haben Kar­di­nä­le, Bischö­fe und Pfar­rer Min­der­jäh­ri­gen sexu­el­le Gewalt ange­tan. Der Miss­brauch hat syste­mi­sche Ursa­chen und Fol­gen. Über­all auf der Welt wur­den (und wer­den) Per­so­nal­ak­ten mani­pu­liert und ver­nich­tet, Ver­dachts­fäl­le nicht an Poli­zei und Staats­an­walt­schaf­ten gege­ben, wie es in einem Rechts­staat selbst­ver­ständ­lich sein soll­te. Im Gegen­teil: Die Kir­che hat ihre Täter so lan­ge vor dem Rechts­staat geschützt, bis man sie nicht mehr belan­gen konn­te. Im Mit­tel­punkt steht der Schutz der Kir­che, nicht das Leid der Opfer. Dar­an hat sich bis heu­te wenig geändert.

Von »Stür­men und Hur­ri­ka­nen«, die 2018 die Welt­kir­che getrof­fen hät­ten, hat­te Ratz­in­gers Nach­fol­ger Papst Fran­zis­kus in sei­ner Rede vor der römi­schen Kurie gespro­chen, ganz so, als wäre der welt­wei­te Miss­brauch bereits eine Sache von Gestern. »Nie wie­der« dür­fe Miss­brauch ver­tuscht wer­den, die Täter müss­ten kon­se­quent vor Gericht gebracht wer­den, for­der­te er – und rela­ti­vier­te doch gleich wie­der. Man müs­se »berech­tig­te Anschul­di­gun­gen« von Ver­leum­dun­gen unter­schei­den. Noch am Tag vor Beginn einer »Miss­brauchs­kon­fe­renz«, zu der Papst Fran­zis­kus Bischö­fe im Febru­ar 2019 nach Rom beor­dert hat­te, bezeich­ne­te er all­zu schar­fe Kri­ti­ker der Kir­che, als »Freun­de und Ver­wand­te des Teufels«.

In Deutsch­land erschüt­ter­te der Miss­brauchs­skan­dal 2010 die katho­li­sche Kir­che. Immer mehr Opfer bra­chen ihr Schwei­gen. Die Kir­chen­obe­ren ent­schlos­sen sich zur Flucht nach vor­ne: Gemein­sam mit dem Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tut Nie­der­sach­sen (KFN) wur­de im Juli 2011 ein For­schungs­pro­jekt auf­ge­legt, das die Per­so­nal­ak­ten Geist­li­cher unter­su­chen soll­te. Gera­de mal andert­halb Jah­re spä­ter aber war das Pro­jekt geschei­tert. Der Lei­ter der Unter­su­chung, der Kri­mi­no­lo­ge Chri­sti­an Pfeif­fer, mach­te die Kir­che dafür ver­ant­wort­lich. »Kurz vor dem Start der eigent­li­chen Daten­er­he­bung wur­den wir mit der For­de­rung kon­fron­tiert, dass Stu­di­en­ergeb­nis­se nur mit Bil­li­gung der Kir­che ver­öf­fent­licht wer­den dür­fen. Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht ist das unzu­mut­bar.« Pfeif­fer erhob den Vor­wurf der Zen­sur. »Die katho­li­sche Kir­che woll­te offen­bar ein Gut­ach­ten ganz nach ihrem Geschmack.« Das aber war mit dem Selbst­ver­ständ­nis des Kri­mi­no­lo­gen nicht zu vereinbar.

Das ver­que­re Ver­ständ­nis von der unbe­fleck­ten und unbe­fleck­ba­ren Kir­che war zwar schon lan­ge zer­bröckelt, die Glaub­wür­dig­keit der Kir­chen­ober­häup­ter lädiert, doch in vie­len Bis­tü­mern dröhnt noch immer das lau­te Schwei­gen, wenn es um die Miss­brauchs­fäl­le im eige­nen Spren­gel ging. Wis­sen­schaft­ler – eben­so Staats­an­walt­schaf­ten – dür­fen Akten wei­ter­hin nur ver­ein­zelt aus Archi­ven holen und lesen. Falls über­haupt, tra­fen und tref­fen Anwäl­te der Diö­ze­sen vor­ab eine Aus­wahl. Vie­le Namen und Anga­ben wur­den und wer­den in den Unter­la­gen geschwärzt.

Es brauch­te eine Grup­pe enga­gier­ter Staat­rechts-Pro­fes­so­ren, die im Okto­ber 2018 »Anzei­ge gegen Unbe­kannt« erstat­te­ten und bei Staats­an­walt­schaf­ten im Bezirk jeder Diö­ze­se ein­reich­ten. Die Pro­fes­so­ren erin­ner­ten die Ermitt­ler an ihre »unbe­ding­te Pflicht«, dem offen­sicht­li­chen »Anfangs­ver­dacht« nach­zu­ge­hen. Sie waren über­rascht dar­über, »wie zurück­hal­tend Staat und Öffent­lich­keit (bis­lang) mit dem alar­mie­ren­den Anfangs­ver­dacht schwe­rer Ver­bre­chen umge­hen«. Dies – so die Straf­recht­ler – habe mög­li­cher­wei­se sei­nen Grund in einer in Deutsch­land herr­schen­den »intui­ti­ven Vor­stel­lung von der sakro­sank­ten Eigen­stän­dig­keit der Kir­che«. Dabei ist die Rechts­la­ge ein­deu­tig: »Es gibt für die Kir­che und ihre Prie­ster kei­ne grund­sätz­li­chen Aus­nah­men von der Straf­ver­fol­gung wie etwa bei der Immu­ni­tät von Par­la­men­ta­ri­ern oder Diplo­ma­ten.« Der Rechts­staat müs­se viel­mehr sicher­stel­len, dass »die am Schutz der Men­schen­rech­te ori­en­tier­te Mini­mal-Ethik des Straf­rechts durch­ge­setzt« wer­de, anson­sten ste­he »das Rechts­ver­trau­en der Öffent­lich­keit im säku­la­ren Staat« auf dem Spiel.

Mit scho­nungs­lo­ser Offen­heit und Koope­ra­ti­on darf auch künf­tig nicht zu rech­nen sein. Die irdi­schen Got­tes-Ver­tre­ter, die so ger­ne von Schuld und Sün­de reden, von »Lie­bes­kir­che« und »Barm­her­zig­keit«, sind Spe­zia­li­sten in Sachen Beru­hi­gung durch beharr­li­che Ver­harm­lo­sung, Ver­ne­be­lung und erschöp­fen­des Aus­sit­zen. Ein andau­en­der Skan­dal, irri­tie­rend igno­riert von der Politik.

Die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz hat bei ihrem letz­ten Tref­fen wie­der ein­mal ver­lau­ten las­sen, sie wol­le kon­se­quent auf­klä­ren und neue Maß­stä­be für den inter­nen Umgang ihrer Sexu­al­tä­ter ent­wickeln. Wir soll­ten dar­auf nicht ver­trau­en. Im Rechts­staat gel­ten die­se »neu­en Maß­stä­be« längst – und zwar für alle Täter.

Doris Reisinger/​Christoph Röhl: Nur die Wahr­heit ret­tet. Der Miss­brauch in der katho­li­schen Kir­che und das System Ratz­in­ger, Mün­chen 2021, 22 €.