Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Dem Widerstand eine Stimme

Der deut­sche Wider­stand gegen das Nazi­re­gime braucht eine Stim­me. 76 Jah­re nach dem Ende der Gewalt­herr­schaft besteht die Gefahr, dass das huma­ni­sti­sche Erbe des deut­schen Wider­stan­des in Ver­ges­sen­heit gerät. Bald wer­den die letz­ten Zeit­zeu­gen ver­stummt sein, die einst um den Preis des eige­nen Lebens für die Frei­heit und die Wür­de des Men­schen gekämpft haben.

Dem Ver­ges­sen muss ein Rie­gel vor­ge­scho­ben wer­den. Mit dem Geden­ken an die Opfer am 27. Janu­ar, dem Jah­res­tag der Befrei­ung des Ver­nich­tungs­la­gers Ausch­witz, darf es nicht getan sein. Im Lau­fe der Zeit sind aus unter­schied­li­chen Grün­den fast vier­zig Bun­des­be­auf­trag­te beru­fen wor­den. War­um nicht end­lich auch ein Bun­des­be­auf­trag­ter für den deut­schen Wider­stand gegen das Nazi­re­gime? Sei­ne oder ihre Auf­ga­be wäre es unter ande­rem, den Namen der Vie­len, die in den Lagern der Nazis in den Gas­kam­mern, am Gal­gen oder unter dem Fall­beil star­ben, einen ehren­den Platz im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis des deut­schen Vol­kes zu verschaffen.

»Wie wir der Luft bedür­fen, um zu atmen, des Lichts, um zu sehen, so bedür­fen wir edler Men­schen, um zu leben«, schrieb die Schrift­stel­le­rin Ricar­da Huch 1946 im Geden­ken an die ermor­de­ten Wider­stands­kämp­fe­rin­nen und Wider­stands­kämp­fer. Win­s­ton Chur­chill rief der Welt in Erin­ne­rung: »In Deutsch­land leb­te eine Oppo­si­ti­on, die zu dem Edel­sten gehört, was in der Geschich­te der Völ­ker je her­vor­ge­bracht wor­den ist.« In der Tat war der deut­sche Wider­stand gegen das Nazi­re­gime das ein­zi­ge Gut­ha­ben, das Deutsch­land 1945 vor­wei­sen konn­te. Auf dem Grün­dungs­kon­gress der nord­rhein-west­fä­li­schen Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes sag­te der Zen­trums­po­li­ti­ker und spä­te­re Lan­des­mi­ni­ster Rudolf Ame­lun­xen, nie­mand habe das eige­ne Volk und die Mensch­heit mehr geliebt als die Ver­folg­ten, Ver­fem­ten und Verachteten.

Die Müt­ter und Väter des Grund­ge­set­zes kon­zi­pier­ten die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als demo­kra­ti­schen Gegen­ent­wurf zur Gewalt­herr­schaft des brau­nen Abschaums der Mensch­heit. Lei­der gerie­ten vie­le gute Vor­sät­ze schnell unter die Räder des Kal­ten Krie­ges zwi­schen Ost und West, und selbst unter den gebrann­ten Kin­dern von gestern leb­ten die alten Gra­ben­kämp­fe wie­der auf. Zehn Jah­re nach dem demo­kra­ti­schen Neu­be­ginn stuf­te die Bun­des­re­gie­rung die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes als kom­mu­ni­sti­sche Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on ein und bean­trag­te beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt deren Ver­bot. Das Gericht wider­setz­te sich dem Ver­lan­gen mit der Begrün­dung, staat­li­che Zwangs­maß­nah­men gegen eine Orga­ni­sa­ti­on von Opfern des Nazi­ter­rors ver­trü­gen sich nicht mit dem Süh­ne­ge­dan­ken des Grundgesetzes.

Den Makel der Aus­gren­zung wur­den die Betrof­fe­nen aber nicht los. Richard von Weiz­säckers muti­ger Schritt, den kom­mu­ni­sti­schen Wider­stand bei der Aner­ken­nung des 8. Mai 1945 als Tag der Befrei­ung erst­mals in das offi­zi­el­le Geden­ken an die Opfer des NS-Ter­rors ein­zu­be­zie­hen, änder­te dar­an nur wenig. Inzwi­schen war sich die Finanz­be­hör­de im sozi­al­de­mo­kra­tisch regier­ten Ber­lin nicht zu scha­de, auf der Grund­la­ge eines Gut­ach­tens der Ver­fas­sungs­schüt­zer aus Bay­ern der Ver­folg­ten­or­ga­ni­sa­ti­on die Gemein­nüt­zig­keit zu ent­zie­hen und sie damit finan­zi­ell zu rui­nie­ren. Ihr Bekennt­nis zum »Schwur von Buchen­wald«, in dem die befrei­ten Häft­lin­ge des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers auf dem Etters­berg bei Wei­mar die Aus­rot­tung des Faschis­mus mit sei­nen Wur­zeln ver­lang­ten, war der ein­zi­ge Grund. Das wur­de als ver­kapp­ter Auf­ruf zum Sturz der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und somit als Ver­stoß gegen die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten für die Aner­ken­nung der Gemein­nüt­zig­keit gedeutet.

Die­sem Den­ken in den Kate­go­rien der Inqui­si­ti­on ent­ge­gen­zu­tre­ten, wird zu den Auf­ga­ben des Bun­des­be­auf­trag­ten für den deut­schen Wider­stand gegen das Nazi­re­gime gehö­ren. Sei­ne Beru­fung soll­te von allen Betei­lig­ten, ins­be­son­de­re vom Bun­des­tag, ange­sichts der zuneh­men­den Bedro­hung von rechts, als eben­so dring­li­che wie ehren­vol­le Auf­ga­be betrach­tet wer­den. Den rich­ti­gen Mann oder die rich­ti­ge Frau dafür zu fin­den, soll­te nicht schwer­fal­len. Die Viren kom­men und gehen, die Pflicht der Nach­ge­bo­re­nen, sich der Geschich­te ihres Vol­kes zu stel­len, bleibt.