Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Den Lebensinteressen gerecht werden

»Das kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­sy­stem ist den staat­li­chen und sozia­len Lebens­in­ter­es­sen des deut­schen Vol­kes nicht gerecht gewor­den.« Die­se Fest­stel­lung klingt wie eine aus der Zukunft – einer viel­leicht gar nicht so fer­nen Zukunft, in der die Kli­ma­kri­se immer bedroh­li­cher gewor­den ist, in der die Kluft zwi­schen Armut und Reich­tum natio­nal und welt­weit immer hef­ti­ge­re Kon­flik­te her­auf­be­schwo­ren hat, so dass eine Mehr­heit der Bun­des­bür­ger nicht mehr nur das Ver­sa­gen von Poli­ti­kern, son­dern das Wirt­schafts­sy­stem selbst dafür ver­ant­wort­lich macht. Es ist aber eine Fest­stel­lung aus der Ver­gan­gen­heit. Sie stammt aus einem Par­tei­pro­gramm von 1947 – nicht dem einer lin­ken Par­tei, wie man anneh­men könn­te. Es han­delt sich um den ersten Satz des Ahle­ner Pro­gramms der CDU, benannt nach einer klei­nen Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Es gibt ver­schie­de­ne Erklä­run­gen dafür, war­um die CDU damals zu einer sol­chen For­mu­lie­rung griff. Nach 1945 mach­ten sich auch in den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Ten­den­zen bemerk­bar – im Bewusst­sein der Tat­sa­che, dass Hit­ler und sei­ne Bewe­gung schon vor 1933 von Groß­in­du­stri­el­len finan­zi­el­le und poli­ti­sche För­de­rung erhal­ten hat­ten, dass die NS-Dik­ta­tur maß­geb­lich mit ihrer Hil­fe errich­tet wor­den war, dass der Zwei­te Welt­krieg und der Holo­caust ohne Unter­stüt­zung durch »die Wirt­schaft« nicht mög­lich gewe­sen wären. Dar­aus wur­de der Schluss gezo­gen, dass die demo­kra­tie­ge­fähr­den­de Macht von Ban­ken und Kon­zer­nen unter Kon­trol­le gebracht wer­den müs­se. Zudem war inner­halb der CDU der lin­ke Flü­gel noch stark, der einen »christ­li­chen Sozia­lis­mus« for­der­te. Schließ­lich moch­ten es auch tak­ti­sche Erwä­gun­gen sein, die dazu führ­ten, dass die CDU eine »Neu­ord­nung von Grund aus« pro­kla­mier­te: »Inhalt und Ziel die­ser sozia­len und wirt­schaft­li­chen Neu­ord­nung kann nicht mehr das kapi­ta­li­sti­sche Gewinn- und Macht­stre­ben, son­dern nur das Wohl­erge­hen unse­res Vol­kes sein.«

Aus der nach dem Ahle­ner Pro­gramm ange­streb­ten »gemein­wirt­schaft­li­chen Ord­nung« wur­de dann zwar nichts, aber immer­hin blieb das Grund­ge­setz der 1949 gegrün­de­ten Bun­des­re­pu­blik für Ent­wick­lun­gen hin zu einer Wirt­schafts­de­mo­kra­tie offen. Die Sozi­al­pflich­tig­keit des Eigen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und die Mög­lich­keit zu deren Ver­ge­sell­schaf­tung, wenn es dem »Wohl der All­ge­mein­heit« dient, wur­den in Arti­kel 14 und 15 der Ver­fas­sung aus­drück­lich festgeschrieben.

In einem Inter­view, das unter dem Titel »Kein Markt­ver­sa­gen, son­dern Staats­ver­sa­gen« in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung vom 1. August erschien, for­der­te Mar­co Busch­mann als Par­la­men­ta­ri­scher Geschäfts­füh­rer der FDP-Bun­des­tags­frak­ti­on jetzt die Strei­chung des Grund­ge­setz­ar­ti­kels, der Ver­ge­sell­schaf­tun­gen erlaubt. Der sei ein »Relikt aus der Nach­kriegs­zeit« und die­ne nur noch dazu, »popu­li­sti­sche Debat­ten anzu­zet­teln«: »Den­ken Sie etwa an die Idee, BMW zu ver­staat­li­chen.« Auch die von Mie­ter­initia­ti­ven erho­be­ne For­de­rung, die Pri­va­ti­sie­rung ehe­mals kom­mu­na­ler Woh­nungs­un­ter­neh­men rück­gän­gig zu machen, um den hor­ren­den Miet­preis­stei­ge­run­gen ent­ge­gen­zu­steu­ern, sieht Busch­mann als Gefahr für die Eigen­tü­mer­frei­heit: »Kom­man­do­wirt­schaft ohne pri­va­tes Eigen­tum macht alle arm und geht beson­ders zu Lasten der Schwächsten.«

An der Argu­men­ta­ti­on des FDP-Poli­ti­kers ist sicher­lich rich­tig, dass es kei­ne Ver­bes­se­rung brin­gen wür­de, wenn man Pri­vat­ei­gen­tum ein­fach nur ver­staat­li­chen wür­de. Es geht dar­um, ob die gro­ßen Unter­neh­men weit­ge­hend demo­kra­tiefreie Zonen blei­ben sol­len, es geht um die Demo­kra­ti­sie­rung der Ver­fü­gungs­ge­walt über Pro­duk­ti­ons­mit­tel, es geht um den Aus­bau und die För­de­rung der »Gemein­gü­ter« (Com­mons) und einer »Gemein­wohl­öko­no­mie« – nichts ande­res kann heu­te im wohl­ver­stan­de­nen Sinn mit Ver­ge­sell­schaf­tung gemeint sein, wie sie das Grund­ge­setz ermöglicht.

An der Aus­sa­ge des Ahle­ner Pro­gramms von 1947, dass das kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­sy­stem den Lebens­in­ter­es­sen des deut­schen Vol­kes nicht gerecht gewor­den sei, ist der Begriff der Lebens­in­ter­es­sen bemer­kens­wert. Wört­lich genom­men besagt er, dass die herr­schen­de Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung nicht nur kei­nes­falls die beste aller Wel­ten dar­stellt, weil sie Wachs­tum, Wohl­stand, Frei­heit und demo­kra­ti­sche Ver­hält­nis­se ermög­li­che, son­dern dass sie den Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Men­schen ekla­tant wider­spre­chen, ja ihr Leben selbst gefähr­den kann.

Das gegen­wär­tig bri­san­te­ste Bei­spiel dafür ist der durch unse­re Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­ti­ons­wei­se beding­te Kli­ma­wan­del mit dro­hen­den kata­stro­pha­len Fol­gen für Mensch und Natur.

Dazu ein nach­denk­lich gewor­de­ner ehe­ma­li­ger Ver­tre­ter der Unter­neh­mer­sei­te: Peter H. Gra­ss­mann war jahr­zehn­te­lang in Füh­rungs­po­si­tio­nen tätig, unter ande­rem in den 1980er und 1990er Jah­ren als Vor­stands­mit­glied beim Tech­no­lo­gie­kon­zern Sie­mens. Seit­her hat er sich zu einem Kri­ti­ker der finanz­markt­ge­trie­be­nen neo­li­be­ra­len Markt­wirt­schaft ent­wickelt und pro­pa­giert in sei­nem in die­sem Jahr im Frank­fur­ter Westend Ver­lag erschie­ne­nen Buch »Zähmt die Wirt­schaft!« wirt­schafts­ethi­sche Posi­tio­nen und system­tran­szen­die­ren­de Reformvorschläge.

Die Wirt­schaft sei heu­te gefan­gen »zwi­schen Bör­se und Lob­by­is­mus«, sag­te er in einem Inter­view in der Frank­fur­ter Rund­schau am 20./21. Juli. Er benann­te die »Skan­da­le der letz­ten Jahr­zehn­te – zum Bei­spiel die Kor­rup­ti­ons­skan­da­le oder den Gebäu­de­ein­sturz der Tex­til­fa­brik Rana Pla­za in Ban­gla­desch«. Und den Skan­dal neo­ko­lo­nia­ler oder neo­feu­da­ler Aus­beu­tung: »Bei sozia­len Fra­gen, etwa bei der Tex­til­pro­duk­ti­on in den ärm­sten Län­dern, sor­gen die Kon­zer­ne, die das in der Hand hät­ten, nicht für fai­re Löh­ne. Sie fol­gen nicht ein­mal so ein­leuch­ten­den Vor­schlä­gen wie dem des Sozio­lo­gen Peter Spie­gel in sei­nem Buch ‚Die 1-Dol­lar-Revo­lu­ti­on‘, der einen Dol­lar pro Stun­de als Min­dest­lohn vor­schlägt. Das bräch­te einen enor­men Rück­gang der welt­wei­ten Armut … Alles, was Kosten spart, wird getan, alles, was fair, aber nicht ganz so preis­wert wäre, wird vermieden.«

Gra­ss­mann führt das auf die »Gier nach Geld und Gold« und auf eine »feh­len­de Wer­te­ori­en­tie­rung« zurück, nicht auf die Ori­en­tie­rung am Tausch­wert, an der Gewinn­ma­xi­mie­rung, die für das kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schafts­sy­stem nun ein­mal cha­rak­te­ri­stisch sind. Er will, dass die Poli­tik dem Gren­zen setzt, dass sie »stren­ge­re Regeln erzwingt«, »ver­pflich­ten­de Leit­li­ni­en zu den gro­ßen The­men wie Kli­ma­schutz, sozia­le Ver­ant­wor­tung und glo­bal fai­re Pro­duk­ti­ons- und Han­dels­ket­ten«. Inwie­weit das durch die von ihm vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men erreicht wer­den kann – unter ande­rem ver­bind­li­che Selbst­ver­pflich­tun­gen, mehr fach­li­che und wirt­schaft­li­che Kom­pe­tenz bei Poli­ti­kern, mehr Par­ti­zi­pa­ti­on für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Wirt­schaft und Gesell­schaft, Volks­ent­schei­de bei zen­tra­len poli­ti­schen The­men – mag dahin­ge­stellt bleiben.

Den Satz aus dem Ahle­ner Pro­gramm von 1947 aber könn­te Gra­ss­mann wohl heu­te schon oder wie­der unter­schrei­ben, so wie vie­le ande­re, die sich in den Bewe­gun­gen für sozia­le Gerech­tig­keit, gegen impe­ria­le Krie­ge und Umwelt­ver­bre­chen enga­gie­ren. In Gra­ss­manns Wor­ten aus­ge­drückt: Die »erschrecken­de Abwärts­spi­ra­le unse­rer Zivi­li­sa­ti­on«, der »bis­he­ri­ge Kurs« in Wirt­schaft und Gesell­schaft füh­re dazu, dass »die Mensch­heit ihre Lebens­grund­la­gen zerstört«.

Auf die Fra­ge der Frank­fur­ter Rund­schau, wie er die »Chan­cen für eine Erneue­rung der Demo­kra­tie« sieht, ob »aus­ge­löst von den welt­wei­ten Schü­ler­pro­te­sten … ein neu­es 1968« mög­lich sei, ant­wor­te­te er: »Ein Ver­gleich mit 1968 greift zu kurz. Wir brau­chen wesent­lich mehr als das, was damals geschah. Es geht nicht nur um gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen, son­dern auch um einen fun­da­men­ta­len Wan­del in der Art und Wei­se, wie wir pro­du­zie­ren und konsumieren.«

Das Inter­view war mit dem Satz über­schrie­ben: »Wir brau­chen eine fai­re, kei­ne freie Wirt­schaft.« Eine, die den Lebens­in­ter­es­sen der Men­schen gerecht wer­den könnte.