Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Denk ich an Deutschland …«

Die Ruhe Hein­rich Hei­nes ist auch 2021 noch gestört. Nicht aus­schließ­lich auf Grund der dra­ma­ti­schen Coro­na-Epi­de­mie. Die Poli­tik scheint im Toll­haus Quar­tier genom­men zu haben. Die Zere­mo­ni­en­mei­ster der Par­tei­en der Gro­ßen Koali­ti­on schau­en mit ban­gen Blicken auf die kom­men­den Lan­des- und Bun­des­tags­wah­len 2021.

Die Medi­en­bei­trä­ge der letz­ten Mona­te haben es nicht ver­mocht, im Nach­den­ken über das Land Ruhe ein­keh­ren zu las­sen. Es sind nicht nur Phan­tom­schmer­zen, die die Spal­tung zwi­schen Ost und West oder zwi­schen Oben und Unten ver­ur­sacht. Das Unbe­ha­gen ist eben­so real wie die Sor­ge, die der Kli­ma­wan­del verursacht.

Die Hartz-Geset­ze wer­den vom Par­la­ment wie rohe Eier behan­delt. Trotz hef­ti­ger Kri­ti­ken wer­den sie nicht auf­ge­ho­ben. Sie brach­ten vor allem Fle­xi­bi­li­tät für die Unter­neh­men, Arbeit­neh­mer zu ent­las­sen und so das Land zu spal­ten. Die Lohn­ta­rif- und Ren­ten­ein­heit in allen deut­schen Bun­des­län­dern kommt nicht auf die Tages­ord­nung des Par­la­ments und wird in die fer­ne Zukunft verschoben.

Die Pan­de­mie schafft ein Bün­del neu­er Sor­gen für alle Eta­gen der Gesell­schaft. Das Kri­sen­ma­nage­ment der Regie­rung zur Über­win­dung von Coro­na kann nicht über­zeu­gen. Ret­tungs­fonds und Kauf­prä­mi­en zu Gun­sten der Wirt­schaft wer­den über höhe­re Staats­schul­den beschlos­sen. Divi­den­den kön­nen so bei VW, der Luft­han­sa u. a. wei­ter­hin gezahlt wer­den. Kurz­ar­beit ver­rin­gert sofort die Ein­nah­men der Betrof­fe­nen. Der Ver­tei­lungs­schlüs­sel, wie die Rück­zah­lung der stei­gen­den Staats­schul­den erfolgt, wird nicht ver­än­dert. Der Sou­ve­rän wird auch nicht infor­miert, wer die Gel­der für neue Schul­den und zu wel­chen Zins­be­din­gun­gen und Fri­sten bereit­stellt. Viel­leicht Black­Rock durch freund­li­che Ver­mitt­lung von Herrn Merz (CDU).

Es bleibt so wie bis­her, die Unte­ren tra­gen die Last. Die Unru­he kommt aus einer alten Quel­le, die Hei­ne schon nicht schla­fen ließ. Höhe­re Steu­er­sät­ze der »Ein­pro­zent­deut­schen« und ordent­li­che Bei­trä­ge der »Lei­stungs­lo­sen Erben« könn­ten zur Teil­lö­sung bei­tra­gen. Auch eine Strei­chung der Droh­nen­käu­fe und ande­rer Anschaf­fun­gen des Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­ri­ums wür­den hel­fen. Stei­gen­de Lebens­mit­tel­prei­se und höhe­re Gebüh­ren wer­den schon 2021 von den Unte­ren abverlangt.

Der Arbeits­mi­ni­ster, der die Vor­schlä­ge der Links­par­tei zum Grund­ein­kom­men und zur Erhö­hung des Min­dest­loh­nes auf­ge­grif­fen hat und auf die Tages­ord­nung des Par­la­ments brach­te (dan­ke dafür), küm­mert sich um die Pro­ble­me der Heim­ar­beit. Sicher eine ernst­haf­te Sache für Fami­li­en mit Kin­dern. Die Gewerk­schaf­ten, ja, Deutsch­land hat noch wel­che, prü­fen mög­li­cher­wei­se noch, wie sie tätig wer­den könnten.

Über die AfD wäre Hein­rich Hei­ne sicher nicht erfreut gewe­sen. Ins­be­son­de­re weil es der deut­sche Rechts­staat nicht ver­mocht hat, die stän­di­gen Glut­ne­ster des Neo­na­zis­mus dau­er­haft zu besei­ti­gen. Bei der Trup­pe glimmt auch so ein Nest. Die AfD gehört eben zum kon­ser­va­ti­ven Lager Deutsch­lands, bestehend aus CDU/​CSU und FDP mit ihren inter­nen rechts­ge­rich­te­ten Platt­for­men. Die Auf­re­gun­gen aller Par­tei­en der letz­ten Mona­te haben ihre Grün­de eher dar­in, dass das Beschaf­fungs­we­sen im Kampf gegen Coro­na hin und wie­der zu einem Geschäfts­mo­dell gewor­den ist.

Eine Gefahr des Faschis­mus sei in Deutsch­land nicht gege­ben, mein­te irri­ger­wei­se der Par­tei­en­for­scher Elmar Wie­sen­dahl (»Par­tei­en«, 2006, Fischer Kom­pakt). Den­noch glimmt die Gefahr des Neo­na­zis­mus in Hanau, Hal­le und ande­ren Orten. Es besteht der Anschein, dass die Macht aus­üben­de Poli­tik sie tole­riert. Dem lin­ken Lager aus SPD, Lin­ken und Grü­nen wer­den vie­le Pro­test­wäh­ler in Rich­tung Rechts ent­zo­gen, die mit der Poli­tik der Gro­ßen Koali­ti­on nicht zufrie­den sind. Die lin­ke Sei­te muss bei Wah­len schon die ver­meint­li­che Hypo­thek der maro­den DDR-Wirt­schaft tra­gen, Von der zwei­ten Lohn­tü­te wur­de und wird kaum berich­tet, also von sub­ven­tio­nier­ten Woh­nungs­mie­ten und öffent­li­chen Ver­kehrs­ta­ri­fen, bil­li­gen Grund­nah­rungs­mit­teln und sozi­al­ver­träg­li­chem Gesund­heits­we­sen. Der hohe sozia­le Wert der Voll­be­schäf­ti­gung wird medi­al nicht thematisiert.

Es geht aber nicht dar­um, die Poli­tik en bloc zu ver­dam­men. Es geht um Gerech­tig­keit und um die Ver­rin­ge­rung der Spal­tung der Gesell­schaft nach 30 Jah­ren Einheit.

Erfreu­lich ist, dass die Jugend inzwi­schen den Coro­na-Schock über­wun­den hat und wie­der öffent­li­chen Druck auf Regie­rung und Oppo­si­ti­on aus­übt, damit »die da Oben« rea­le Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz schnel­ler und wirk­sa­mer ver­an­las­sen. Auch die Sor­gen der Unte­ren in Ost und West blei­ben nicht bei den eige­nen Lebens­be­din­gun­gen ste­hen. Es gibt noch soli­da­ri­sche Hal­tun­gen zu den Flücht­lin­gen in Grie­chen­land, Ita­li­en, der Tür­kei und an den Küsten des Mit­tel­mee­res. Die Ursa­chen von Flucht, Krie­gen und Spal­tung des Lan­des, sind für die Medi­en kein The­ma. Eher sind schon Russ­land, Chi­na und der Iran ein Man­tra wert.

Mit Sor­gen hät­te Hein­rich Hei­ne fest­ge­stellt, dass in Deutsch­land 80 Jah­re nach dem Holo­caust noch immer Anti­se­mi­tis­mus und Frem­den­feind­lich­keit herr­schen. Ableh­nen­de Äuße­run­gen gegen­über frem­den Völ­kern gehen bis in die Par­la­men­te Deutsch­lands. Russ­land, Chi­na, Mus­li­me wer­den nicht mit der gebüh­ren­den Ach­tung behan­delt. In Län­der­be­rich­ten ist die Wahl der Wor­te bedenk­lich. Bei der Beur­tei­lung der Men­schen­rech­te die­ser Län­der wird regel­mä­ßig die Ein­hal­tung der sozia­len Men­schen­rech­te ver­ges­sen. Unse­re Sprach­kul­tur ent­spricht nicht den Anfor­de­run­gen der Einen Welt. Euro­pa wird sich in vie­len Poli­tik­fel­dern künf­tig umstel­len müs­sen. Die Liste des Welt­kul­tur­er­bes der Ver­ein­ten Natio­nen belegt die groß­ar­ti­gen Lei­stun­gen der Völ­ker ande­rer Kon­ti­nen­te. Die Mathe­ma­tik hat mit der Ein­füh­rung der Null durch Chi­na und die Maya/​Olmeken, wie auch die Zah­len­welt über die Ara­ber beacht­li­che Impul­se erhal­ten. Das Schrift­we­sen ent­stand in Meso­po­ta­mi­en, Ägyp­ten, Chi­na, und Latein­ame­ri­kas. Ohne die züch­te­ri­schen Lei­stun­gen von Reis, Mais, Kar­tof­feln, Toma­ten u. v. m. wäre die Welt­ernäh­rung nicht zu sichern. Die erste Atom­waf­fen­freie Zone der Welt wur­de 1967 in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges in Latein­ame­ri­ka geschaf­fen. Das Prin­zip der »Fried­li­chen Koexi­stenz zwi­schen den Völ­kern«, ein Bestand­teil der Liste des Erbes der Welt, kommt aus Russ­land und China.

Der welt­weit bedenk­li­che öko­lo­gi­sche Zustand der Erde und das Chaos­po­ten­ti­al des mili­tä­risch-indu­stri­el­len Kom­ple­xes erfor­dern drin­gend eine Poli­tik­wen­de – mit Abge­ord­ne­ten, die den Namen Homo Sapi­ens ver­die­nen. Die Rüstungs­gel­der wer­den für die For­schung im Gesund­heits­we­sen, der Mate­ri­al­wirt­schaft, der Anhe­bung des Wohl­stan­des vor allem der Län­der der Drit­ten Welt zum Über­le­ben benötigt.

 

Der Autor (ex. Direk­tor des Schwei­zer Insti­tuts für Betriebs­öko­no­mie, der staat­li­chen Plan­kom­mis­si­on, ex. Vor­stand einer Wohn­ge­nos­sen­schaft) schlägt in sei­nem Buch »Hat die Welt eine Zukunft?«, Alter­na­ti­ven vor. Ver­lag am Park.