Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der angebliche Underdog der Beatles wird 80

Wer war Richard Star­key? Ach­sel­zucken. Auf Anhieb wer­den die mei­sten mit dem Namen nichts anfan­gen kön­nen. Der Künst­ler­na­me »Rin­go Starr« zau­bert dann aber ein Strah­len ins Gesicht. Aaah, der Drum­mer der legen­dä­ren Beat­les. Künst­le­risch blieb er aller­dings immer im Hin­ter­grund, stand stets im Schat­ten der krea­ti­ven Cha­ris­ma­ti­ker John Len­non und Paul McCart­ney. Auch den spi­ri­tu­el­len Höhen­flü­gen von Geor­ge Har­ri­son konn­te er nichts abge­win­nen. Als älte­ster der Band­mit­glie­der stieß Rin­go erst kurz vor dem gro­ßen Durch­bruch als letz­ter zu den Fab Four. Wegen sei­ner fröh­li­chen Art wur­de er als Gute-Lau­ne-Beat­le belä­chelt und oft­mals unter­schätzt; doch ohne ihn hät­te es The Beat­les nie gege­ben. Durch sein unkon­ven­tio­nel­les Schlag­zeug­spiel (als umer­zo­ge­ner Links­hän­der) hat er den Sound der Beat­les ent­schei­dend mit­ge­prägt. Am 7. Juli wird Rin­go Starr 80 Jah­re alt. Grund genug, sei­ne viel­fäl­ti­gen Lei­stun­gen und Talen­te gebüh­rend zu würdigen.

Rin­gos Bio­gra­phie hält dabei mehr Über­ra­schun­gen bereit als die bekann­ten Lebens­läu­fe von John, Paul und Geor­ge. Das liegt dar­an, dass die krea­ti­ven Fab Three schon mehr­fach und gründ­lich unter­sucht wur­den, wäh­rend der zurück­hal­ten­de Rin­go nie eine Auto­bio­gra­phie ver­öf­fent­licht hat und Jour­na­li­sten gegen­über eher abwei­send ist. Der am 7. Juli 1940 als Richard Star­key gebo­re­ne Arbei­ter­sohn wuchs in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen in einem Liver­poo­ler Arbei­ter­vier­tel auf. Sei­ne Kind­heit war durch die Schei­dung der Eltern und eine schwäch­li­che Gesund­heit mit vie­len Kran­ken­haus­auf­ent­hal­ten geprägt. So konn­te er nur fünf Jah­re die Schu­le besu­chen. Als Her­an­wach­sen­der ver­such­te er sich zunächst als Boten­jun­ge, Bar­kee­per und Schrei­ner. 1957 kauf­te ihm sein Stief­va­ter ein Schlag­zeug, und er lern­te als Auto­di­dakt das Instru­ment. Zwei Jah­re spä­ter wur­de er bereits Mit­glied der Band Rory Storm And The Hur­ri­ca­nes, eine der füh­ren­den Bands Liver­pools. Aus die­ser Zeit stammt auch sein Künst­ler­na­me: Rin­go nann­te er sich wegen der vie­len Rin­ge an sei­ner Hand, Starr lei­te­te sich von sei­nem Nach­na­men ab. Bei einem Gast­spiel im Ham­bur­ger Star Club traf er 1960 erst­mals die Beat­les, die ihn zwei Jah­re spä­ter für Pete Best als Schlag­zeu­ger in ihre Band auf­nah­men. Zunächst muss­te sich Rin­go erst ein­mal bewei­sen, doch spä­te­stens mit dem Album »Plea­se Me Plea­se« wur­de er von den Band­mit­glie­dern und den Fans akzeptiert.

Auf dem Höhe­punkt der Beat­le­ma­nia Mit­te der 1960er Jah­re wur­de Rin­go der eigent­li­che Schwarm der Beat­les-Fans, der Mäd­chen­her­zen höher schla­gen ließ. Sei­ne Schlag­zeug-Solos, die soge­nann­ten Starr Times, wur­den legen­där, und auf jedem Beat­les-Album (außer »Let It Be«) sang er trotz sei­nes gerin­gen Stimm­um­fangs einen Titel, der zum Teil extra auf ihn abge­stimmt wur­de – dar­un­ter so legen­dä­re Songs wie »Yel­low Sub­ma­ri­ne« (auf dem Album »Revol­ver« 1966) oder »With a Litt­le Help From My Friends« (auf dem Album »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« 1967). Auch drei Beat­les-Songs stamm­ten aus sei­ner Feder: »What goes on« (in Zusam­men­ar­beit mit John und Paul), »Don’t Pass Me By« und »Octopus’s Gar­den«. In den bei­den Beat­les-Fil­men »A Hard Day’s Night« und »Help!« war Rin­go der unbe­strit­te­ne Star; hier konn­te er sein Slap­stick-Talent zeigen.

Trotz der Erfol­ge blieb Rin­go der unter­schätz­te Beat­le. John war der begna­de­te Song­wri­ter, Paul der her­aus­ra­gen­de Kom­po­nist und Geor­ge der inno­va­ti­ve Lead-Gitar­rist. Und Rin­go? Er trom­mel­te und sorg­te noch für gute Lau­ne, als die Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen der Fab Four längst begon­nen hat­ten. Im August 1968 hat­te aber selbst der humor­vol­le Rin­go die Nase voll, er ver­ließ die Band wäh­rend der Stu­dio­auf­nah­men zum »White Album«. Schnell merk­ten sei­ne Band­kol­le­gen, dass es ohne Rin­go nicht ging – John schick­te ihm eine Post­kar­te »Du bist der beste Rock-Drum­mer der Welt. Komm nach Hau­se.« Als Rin­go nach zwei Wochen zurück­kehr­te, war sein Schlag­zeug zur Begrü­ßung mit Blu­men geschmückt.

Rin­go, der bereits 1970 mit »Sen­ti­men­tal Jour­ney« und »Beau­coups of Blues« sei­ne ersten eige­nen Stu­dio­al­ben ver­öf­fent­licht hat­te, star­te­te nach der Auf­lö­sung der Band eine zunächst erfolg­rei­che Solo-Kar­rie­re. Mit dem Album »Rin­go« und den Sin­gles »Pho­to­graph« und »You’re Six­teen« stürm­te er die Charts. Für sei­ne Alben konn­te er immer wie­der berühm­te Musi­ker, auch sei­ne ehe­ma­li­gen Beat­les-Kol­le­gen, gewin­nen. Par­al­lel zu sei­nen musi­ka­li­schen Akti­vi­tä­ten ver­such­te sich Rin­go in den 1970er Jah­ren auch als Film­schau­spie­ler. Mit stei­gen­dem Alko­hol­kon­sum ging es jedoch mit der Kar­rie­re berg­ab. So mach­te Rin­go Starr in den 1980er Jah­ren musi­ka­lisch nur wenig auf sich auf­merk­sam, eher durch Schlag­zei­len über Par­ty- und Alko­hol­ex­zes­se. Erst nach einer erfolg­rei­chen Ent­zie­hungs­kur 1988, gemein­sam mit sei­ner zwei­ten Frau Bar­ba­ra, fand Rin­go zurück zu alter Krea­ti­vi­tät. Um sei­ne Kar­rie­re zu reak­ti­vie­ren, grün­de­te er mit Freun­den die »Rin­go Starr and His All-Starr Band«. Das Ergeb­nis waren meh­re­re Alben und zahl­rei­che Tour­ne­en (mit wech­seln­der Beset­zung) quer über den Glo­bus bis 2016. Fast im Jah­res­takt folg­ten neue Solo-Alben – im Okto­ber 2019 mit »What’s My Name« bereits Rin­gos zwan­zig­stes Studioalbum.

Pünkt­lich zum 80. Geburts­tag ist nun die erste deutsch­spra­chi­ge Bio­gra­phie erschie­nen. Der Lite­ra­tur- und Musik­kri­ti­ker Nico­la Bar­do­la, der als exzel­len­ter Beat­les-Exper­te gilt, prä­sen­tiert facet­ten­reich den Aus­nahme­mu­si­ker mit all sei­nen Höhen und Tie­fen, wobei der Schwer­punkt auf des­sen Kar­rie­re nach der Beat­les-Zeit liegt. Neben dem tur­bu­len­ten Leben wird auch Rin­gos Schaf­fen als Fil­me­ma­cher, Foto­graf, Schau­spie­ler und Frie­dens­ak­ti­vist beleuch­tet. Nicht der Ex-Beat­le steht im Vor­der­grund son­dern der Musi­ker und Mensch Rin­go Starr, ein Sym­pa­thie­trä­ger, der inzwi­schen Urgroß­va­ter ist, aber immer noch Kon­zert­sä­le füllt.

 

Nico­la Bar­do­la: »Rin­go Starr. Die Bio­gra­phie«, Edi­ti­on Olms Zürich, 240 Sei­ten, 25