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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Aufstieg der Giorgia Meloni

Wer ist die neue star­ke Frau in Ita­li­en? Begin­nen wir von vorn: Als Kind hat­te es Gior­gia Melo­ni nicht leicht. Gebo­ren 1977 in dem eher her­un­ter­ge­kom­me­nen Stadt­teil La Garba­tel­la in Rom, wächst sie vater­los auf. Die Eltern tren­nen sich, als sie gera­de ein­mal 1 Jahr alt ist. (Übri­gens, für Hob­by­psy­cho­lo­gen inter­es­sant, war der Vater ein über­zeug­ter Athe­ist mit kom­mu­ni­sti­schen Idea­len, der nach der Tren­nung auf die kana­ri­schen Inseln über­sie­del­te und dort offen­bar nicht nur eine Bar betrieb; 1995 wird er wegen Dro­gen­han­dels ver­haf­tet, als die Poli­zei auf sei­nem Boot 1500 Kilo Haschisch sicher­stellt, eine für den Eigen­be­darf wohl etwas zu gro­ße Men­ge.) Sol­che frü­hen Erfah­run­gen und Erleb­nis­se der klei­nen Gior­gia – um nicht zu sagen: Trau­ma­ta – trei­ben die gro­ße Melo­ni bis heu­te um.

Mit Erfolg, wie wir nun fest­stel­len müs­sen. Ihr Auf­stieg beginnt früh: Mit 15 mel­det sich Gior­gia in der post­fa­schi­sti­schen Par­tei MSI (»Movi­men­to Socia­le Ita­lia­no«) in der Abtei­lung ihres Stadt­teils an, kurz dar­auf, mit 19, wird sie Natio­nal­spre­che­rin der Jugend­ab­tei­lung der Par­tei. Die MSI war kurz nach dem Krieg von Mit­glie­dern des ehe­ma­li­gen PNF (»Par­ti­to Nazio­na­le Fasci­sta«: Natio­na­le Faschi­sti­sche Par­tei) gegrün­det wor­den. Als Logo wur­de eine drei­far­bi­ge (Grün, Weiß, Rot, wie die ita­lie­ni­sche Fah­ne) Flam­me gewählt. Die Bedeu­tung des Bil­des ist umstrit­ten. Offi­zi­ell han­delt es sich um die Flam­me der »Ardi­ti«, ita­lie­ni­schen Sturm­trup­pen aus dem ersten Welt­krieg. Für die älte­ren Anhän­ger stellt sie aller­dings ein neu­es Auf­blü­hen des faschi­sti­schen Gei­stes dar. Die unter der Flam­me gezeich­ne­te geo­me­tri­sche Form sym­bo­li­siert für sie Mus­so­li­nis Sarg und soll die Kon­ti­nui­tät mit der Ver­gan­gen­heit signalisieren.

Der bekann­te­ste Ver­tre­ter der Par­tei war vom Ende der 1960er bis zum Ende der 1980er Jah­re Gior­gio Almi­ran­te, der unter Mus­so­li­ni als Jour­na­list tätig war und für das anti­se­mi­ti­sche und ras­si­sti­sche Blatt La Dife­sa del­la Raz­za (Die Ver­tei­di­gung der Ras­se) schrieb. In der MSI sam­mel­ten sich in der Nach­kriegs­zeit die ehe­ma­li­gen Faschi­sten und jün­ge­re Neo­fa­schi­sten. Mit der Demo­kra­tie woll­ten sie nichts zu tun haben. Gleich­zei­tig kämpf­ten sie auf den Stra­ßen gegen Lin­ke und Kom­mu­ni­sten, und, wenn »es sein muss­te«, ver­üb­ten sie Bom­ben­an­schlä­ge – so zum Bei­spiel 1969 den Bom­ben­an­schlag auf der Piaz­za Fon­ta­na in Mai­land, mit 17 Toten und 88 Ver­letz­ten. Die rech­te Ter­ror­stra­te­gie ver­folg­te das Ziel, die Ver­ant­wor­tung für die Mord­ta­ten auf die Lin­ken zu schie­ben und Angst in der Öffent­lich­keit zu schü­ren, um einen reak­tio­nä­ren Kurs in der Poli­tik einzuschlagen.

1987 wird Gian­fran­co Fini Par­tei­se­kre­tär und bringt die MSI mit neu­em Namen auf einen neu­en Kurs. Die neue Par­tei (»Alle­an­za Nazio­na­le«) gibt sich geläu­tert; man lehnt die faschi­sti­sche Ver­gan­gen­heit ab und ver­ur­teilt die Ras­sen­ge­setz­te der 1930er Jah­re. Die Wen­de ist aber umstrit­ten, und Fini wird aus den eige­nen Rei­hen attackiert. In die­sen par­tei­in­ter­nen Krie­gen kämpft sich Gior­gia Melo­ni wei­ter nach oben. Fini ernennt sie zur Koor­di­na­to­rin der Jugend­ab­tei­lung »Azio­ne Gio­va­ni«, 2006 zieht sie, mit 29, ins Par­la­ment ein, 2008 wird sie als Jugend­mi­ni­ste­rin in der Ber­lus­co­ni-Regie­rung zur jüng­sten Mini­ste­rin in der Geschich­te der ita­lie­ni­schen Republik.

2009 grün­den Fini und Ber­lus­co­ni gemein­sam eine neue rechts­kon­ser­va­ti­ve Par­tei: »Il Popo­lo del­le Liber­tà« (Das Volk der Frei­hei­ten). Ber­lus­co­nis »For­za Ita­lia« und Finis »Alle­an­za Nazio­na­le« ver­ei­nen sich. Die Tra­di­ti­on des Post­fa­schis­mus scheint ans Ende zu kom­men. Doch die Riva­li­tät zwi­schen Ber­lus­co­ni und Fini um die Par­tei­füh­rung bringt letz­te­ren 2010 dazu, der Par­tei wie­der den Rücken zu keh­ren. Melo­ni bleibt, ihrem sich ent­wickeln­den Macht­in­stinkt fol­gend, bei Ber­lus­co­ni. Fini »hat­te«, wie er auf Deutsch gesagt haben wür­de, fer­tig. Als Ber­lus­co­ni dann wegen der Wirt­schafts­kri­se in Schwie­rig­kei­ten gerät und Ende 2011 als Regie­rungs­chef zurück­tre­ten muss, ent­schei­det sei­ne Par­tei, die vom Staats­prä­si­den­ten ernann­te Regie­rung des Finanz­ex­per­ten und »Inter­na­tio­nal Advi­sors« der Gold­man Sachs group, Mario Mon­ti, zusam­men mit der PD (»Par­ti­to Demo­cra­ti­co«: Demo­kra­ti­sche Par­tei) zu unter­stüt­zen. Das ist für Melo­ni und ande­re Anhän­ger der ehe­ma­li­gen MSI und spä­te­ren »Alle­an­za Nazio­na­le« dann doch zu viel. Sie ver­las­sen das »Popo­lo del­le Liber­tà« und grün­den 2013 die »Fra­tel­li d’Italia«, um der post­fa­schi­sti­schen Tra­di­ti­on des »Movi­men­to Socia­le Ita­lia­no« wie­der neu­en Schwung zu geben. Das Pro­gramm ist schlicht: Man ist gegen die Tech­no­kra­ten der Ban­ken und der EU und für Ita­li­ens Sou­ve­rä­ni­tät. Neun Jah­re macht die Par­tei aus die­ser Posi­ti­on her­aus Oppo­si­ti­on. Die letz­ten Wah­len zei­gen, es hat sich für Gior­gia Melo­ni gelohnt, die sich, sehr vor­aus­schau­end, auch aus der von Mario Draghi zuletzt geschmie­de­ten All-Par­tei­en-Koali­ti­on her­aus­ge­hal­ten hat­te und ihrer Par­tei damit, als nahe­zu aus­schließ­li­cher Oppo­si­ti­on, eine Art Allein­stel­lungs­merk­mal ver­schaf­fen konnte.

Über Faschis­mus spricht sie natür­lich nicht. Das sei Ver­gan­gen­heit. Aber die Flam­me bleibt wei­ter­hin im Par­tei­lo­go. Umstrit­ten sind auch eini­ge ihrer Par­tei­gän­ger, die in Skan­da­len zwi­schen Gewalt und Kri­mi­na­li­tät ver­wickelt sind und gern schon mal den »Salu­to Roma­no« (Hit­ler­gruß) zei­gen. Des­halb hat Melo­ni vor und nach den jüng­sten Wah­len die Par­tei­an­hän­ger zur Vor­sicht auf­ge­for­dert. Es dür­fe nichts Auf­fäl­li­ges pas­sie­ren. Alle Augen der Welt sei­en auf sie gerich­tet. Und ent­spre­chend agiert sie selbst auch. Schon im Wahl­kampf wie auch unmit­tel­bar danach scheint die für ihre schril­len Töne bekann­te Red­ne­rin Krei­de gefres­sen zu haben – stets dar­um bemüht, die inter­na­tio­na­len Part­ner nicht zu irri­tie­ren. Plötz­lich gibt sie sich EU-freund­lich, sie sei auch für die Nato und unter­stüt­ze die Waf­fen­lie­fe­rung an die Ukrai­ne. An die­ser Front wer­den die USA und die EU erst mal nicht enttäuscht.

Und sie hat ange­kün­digt, ihre Regie­rung aus Poli­ti­kern und Exper­ten (nach dem Vor­bild von Draghi und Mon­ti) zusam­men­zu­set­zen. Es wird sich also vor­erst an der bis­he­ri­gen Poli­tik wenig ändern. Das läuft einer­seits dar­auf hin­aus, die Austeri­ty-Poli­tik der ver­hass­ten Ban­ken­ver­tre­ter wei­ter zu betrei­ben, die in den Augen vie­ler Ita­lie­ner das Land ärmer gemacht hat – denn die Kri­sen (auch die durch den aktu­el­len Krieg ver­ur­sach­te) wer­den immer von den klei­nen Leu­ten bezahlt. Ande­rer­seits aber wer­den Melo­ni und die ande­ren Mini­ster aus Fra­tel­li d’Italia, Lega und For­za Ita­lia die Dyna­mik des Has­ses wei­ter antrei­ben, um ihre Wäh­ler zufrie­den­zu­stel­len. Und das ist eine Flam­me, die mitt­ler­wei­le in ganz Euro­pa lodert.

Nach außen gibt sich Melo­ni vor­sich­tig und mode­rat, nach innen wird die Tra­di­ti­on des Faschis­mus wei­ter kul­ti­viert. Auch ihre inter­na­tio­na­len Ver­bün­de­ten von Orban bis Ste­ve Ban­non wie auch ihre Sym­pa­thie für Trump defi­nie­ren den Hori­zont ihrer poli­ti­schen Anschau­ung. Im Namen von Gott, Vater­land und Fami­lie will »Fra­tel­li d’Italia« eine Welt schaf­fen, in der Zivil­rech­te von Frau­en, Migran­ten und Homo­se­xu­el­len gefähr­det sind. Ihr wei­ter­hin schlich­tes Pro­gramm defi­nier­te sie 2019 bei einer Demon­stra­ti­on in Rom mit dem Titel »Orgo­glio ita­lia­no« (Ita­lie­ni­scher Stolz) gegen die dama­li­ge Regie­rung aus PD und Fünf-Ster­ne-Bewe­gung: »Ich bin Gior­gia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mut­ter, ich bin Ita­lie­ne­rin, ich bin Chri­stin. Sie wer­den es mir nicht weg­neh­men« – »sie«, das sind in ihren Augen Migran­ten und Lin­ke sowie deut­sche und fran­zö­si­sche Regie­rungs­ver­tre­ter, die in der EU das Sagen haben.

Es gehe ihr um die Ver­tei­di­gung der ita­lie­ni­schen Tra­di­tio­nen und Kul­tur, um die Ver­tei­di­gung von Chri­sten­tum und Fami­lie. Die Ita­lie­ner sei­en in Gefahr, ihrer Iden­ti­tät beraubt zu wer­den – die von der letz­ten Regie­rung vor­ge­leg­ten Reform­ent­wür­fe zum The­ma Adop­ti­on für homo­se­xu­el­le Paa­re bei­spiels­wei­se wür­den dar­auf hin­aus­lau­fen, den Ita­lie­nern alles zu neh­men, was sie dazu macht, was sie sind. Nun ja.

Melo­ni bie­tet Ver­ein­fa­chun­gen jeder Art, um der Wut der Leu­te gut sicht­ba­re Sün­den­böcke zu lie­fern. Sie redet von inter­na­tio­na­len Kon­zer­nen, die uns ärmer machen, aber schweigt dar­über, dass Ber­lus­co­ni – der nun in der Regie­rung neben ihr sit­zen wird – über sei­ne poli­ti­sche Kar­rie­re sein Ver­mö­gen ver­drei­facht hat. Sie wen­det sich an die klei­nen Leu­te, die immer ärmer wer­den, und zeigt auf die, die sie dafür für schul­dig hält: Migran­ten und Homo­se­xu­el­le. Kon­kre­te Vor­schlä­ge für eine bes­se­re Res­sour­cen­ver­tei­lung und die Redu­zie­rung sozia­ler Ungleich­heit gibt es nicht.

Ein gefähr­li­cher Popu­lis­mus, der lei­der ver­fängt. Sie will in Zusam­men­ar­beit mit der EU und den berüch­tig­ten liby­schen Behör­den dafür sor­gen, dass Flücht­lin­ge in Afri­ka auf­ge­hal­ten wer­den, um dort ihre Anträ­ge auf Asyl­recht zu bewer­ten. Auch die Gen­der­theo­rie ist für sie eine Art Ver­schwö­rung. Tole­ranz gegen­über den Homo­se­xu­el­len sowie über­haupt sexu­el­le Auf­klä­rung dürf­ten nicht län­ger unter­rich­tet wer­den. Auch so etwas wie Gleich­be­rech­ti­gungs­er­zie­hung sei nicht zu emp­feh­len, weil all das den Bestand der Fami­lie gefähr­de. Das sind fast schon ira­ni­sche Töne.

Ob Melo­ni, die sel­ber geschie­den ist, in unver­hei­ra­te­ter Part­ner­schaft lebt und ein unehe­li­ches Kind groß­zieht, wirk­lich an all das glaubt, darf bezwei­felt wer­den. Fakt ist, sie schafft es, die Angst vor der Zukunft und der Wut der Leu­te oppor­tu­ni­stisch zu schü­ren und dar­aus Kapi­tal zu schla­gen. Mit einer Rechts­ko­ali­ti­on aus Fra­tel­li d’Italia, Matteo Sal­vi­nis Lega und Ber­lus­co­nis For­za Ita­lia errang sie nun mehr als 40 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men. Da bleibt nur die – lei­der schwa­che – Hoff­nung, dass die Zivil­ge­sell­schaft die­ses gespal­te­nen Lan­des in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on einer noch mal erhöh­ten poli­ti­schen Gefahr auf­wacht und zu neu­em Mut fin­den wird.