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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Kaiser hielt Hof

Er hat das Wort benutzt. Gleich zum Ein­gang. »Abrü­sten« hat er gefor­dert. Aller­dings bezog er sich dabei nicht auf die Welt­la­ge, son­dern auf sei­ne Titu­lie­rung. Der Appell ging an den Mode­ra­tor, der in den fol­gen­den andert­halb Stun­den mit per­ma­nent gebeug­tem Kreuz und gesenk­tem Blick auf dem Podi­um saß. Die Anre­de »Herr Bun­des­prä­si­dent« sei zwar kor­rekt, aber er wäre ja in Pen­si­on und wür­de dar­um vor­schla­gen, abzu­rü­sten und die bür­ger­li­che Anre­de »Herr Gauck« zu benut­zen. Nun, das kam gut an im Kai­ser­bä­der­saal zu Herings­dorf, einem der drei soge­nann­ten Kai­ser­bä­der auf Usedom.

Der Saal, der eini­gen hun­dert Men­schen Platz bie­tet, war eher dünn besetzt. Das wohl mäßi­ge Inter­es­se an der Audi­enz war geschickt dadurch kaschiert wor­den, dass jeder zwei­te Stuhl nicht besetzt wer­den durf­te. Wegen Coro­na. Bis auf die bei­den Her­ren auf dem Podi­um muss­ten dar­um auch alle Zuhö­rer Mas­ken tra­gen. Eini­ge Dut­zend Men­schen waren bereit und finan­zi­ell auch in der Lage, 18 oder 25 Euro für den Auf­tritt des Bür­gers Gauck aus­zu­ge­ben. Dem Augen­schein nach: mehr­heit­lich nach­öster­lich urlau­ben­de Pen­sio­närs-Paa­re aus dem Westen.

Die Visi­te muss­te wohl kurz­fri­stig zu einem gesell­schaft­li­chen Ereig­nis von über­re­gio­na­ler Bedeu­tung erklärt wor­den sein, was die Use­do­mer Lite­ra­tur­ta­ge für gewöhn­lich kaum sind. Der NDR war mit einem Über­tra­gungs­wa­gen vor­ge­fah­ren und bat zuvor den Herrn Bun­des­prä­si­den­ten a. D. zu einem Live-Inter­view. Und der neben mir sit­zen­de Kol­le­ge von dpa erwähn­te, dass er ursprüng­lich zu einer Demon­stra­ti­on nach Dem­min hat­te fah­ren sol­len, dann aber von sei­nem Arbeit­ge­ber tele­fo­nisch nach Herings­dorf beor­dert wor­den sei.

Gauck pre­dig­te, wie er stets zu pre­di­gen pflegt. Der Ukrai­ne-Krieg ver­half ihm zum aktu­el­len Ein­stieg, womit er ein­mal mehr den Medi­en-Pro­fi offen­bar­te: Nur das, was man in den ersten fünf­zehn Minu­ten sagt, besitzt die Chan­ce, als Nach­richt ver­brei­tet zu wer­den. Und erst die Nach­richt macht aus Stamm­tisch-Platt­hei­ten staats­män­ni­sche Ansa­gen. (Wenig spä­ter schon ver­brei­te­ten die Online-Redak­tio­nen der wich­tig­sten Blät­ter des Lan­des, Gauck habe erklärt, dass Putin nicht Part­ner, son­dern Geg­ner sei und Law­row die Welt mit der Dro­hung eines Drit­ten Welt­kriegs nur habe ein­schüch­tern wol­len.) Nach­dem die »aggres­si­ve impe­ria­li­sti­sche Poli­tik Putins« pflicht- und nach­rich­ten­schul­dig ver­ur­teilt wor­den war – deren Weg­be­rei­ter von Bahr bis Brandt ein­ge­schlos­sen, über Schrö­der wol­le er gar nicht erst reden –, sag­te Gauck dem Mode­ra­tor, dass er nun über sein Buch reden wol­le und for­der­te eine Fra­ge ein. Sofern bis dato noch Zwei­fel bestan­den, wer auf dem Podi­um Regie führ­te – sie wur­den damit end­gül­tig ausgeräumt.

Der ein­ge­for­der­ten Fra­ge aber bedurf­te es kei­nes­wegs, denn Gauck folg­te sei­nem Pro­gramm. Er mono­lo­gi­sier­te jovi­al und weit­schwei­fig, mit­un­ter poin­tiert, was gele­gent­lich zu Hei­ter­keit im Saa­le führ­te. Nur der hoch­ge­wach­se­ne BKA-Beam­te neben mir, der zu sei­nem Schutz abkom­man­diert war, ver­zog hin­ter sei­ner Mas­ke kei­nen Mus­kel, er kann­te die Plat­ti­tü­den sei­nes Schutz­be­foh­le­nen. Ich hat­te mei­nen Platz für ihn räu­men müs­sen. Wahr­schein­lich wünsch­te der Per­so­nen­schüt­zer aus dem glei­chen Grun­de wie ich ganz außen in der ersten Rei­he zu sit­zen: Von dort gelang­te man am schnell­sten ins Freie. Sein Kol­le­ge saß auf der ande­ren Sei­te des Saa­les, mit dem Rücken zur Wand und mit festem Blick ins Audi­to­ri­um. Er hat­te es weni­ger glück­lich getroffen.

Wäh­rend die Pre­digt über Demo­kra­tie und »kämp­fe­ri­sche Tole­ranz«, Frie­den und Frei­heit, vom gro­ßen Glück hie­nie­den und der Unfä­hig­keit, dies zu begrei­fen, so woh­lig dahin­plät­scher­te, geschah ein Kurz­schluss in mei­nem Kopf. In sei­ner schlich­ten Welt­sicht, mit der merk­wür­dig-kru­den Geschichts­auf­fas­sung und der gott­gläu­bi­gen Zuver­sicht, vor Selbst­be­wusst­sein strot­zend und von kei­ner­lei Selbst­zwei­fel heim­ge­sucht, besaß der Pre­di­ger durch­aus eine gewis­se Ähn­lich­keit aus­ge­rech­net mit dem Man­ne, den er fort­ge­setzt gei­ßel­te. Im Bei­sein des Popen hielt jener zu Ostern in der Mos­kau­er Erlö­ser­kir­che die Ker­ze, wäh­rend uns Gauck mit der Fackel der Frei­heit den Weg leuch­te­te und wir für die­se fro­ren. Spä­te­stens jetzt hät­te ich ihm die Fra­ge stel­len mögen, wer denn in sei­nem Ber­li­ner Quar­tier die gestie­ge­nen Heiz­ko­sten finan­zier­te, denn etwas hei­zen wer­de er wohl schon, ob nun mit oder ohne Rus­sen­gas. Doch Fra­gen waren – wie in Got­tes­dien­sten und bei Audi­en­zen – nicht zuge­las­sen. Viel­leicht wäre dabei die­ser oder jener im Saal auch auf kon­kre­te sozia­le Pro­ble­me zu spre­chen gekom­men, die in Gaucks Reden und damit wohl auch in sei­nem Den­ken nicht mehr vor­kom­men. Viel­leicht noch nie vor­ka­men. Der Bür­ger Gauck scheint jeden­falls dem irdi­schen Dasein der­art ent­rückt, dass er von sei­ner Wol­ke nicht mehr her­un­ter­ge­holt zu wer­den wünscht. Dort lässt sich treff­lich über »die Zer­brech­lich­keit unse­rer Demo­kra­tie« schwa­dro­nie­ren, statt über die Zer­brech­lich­keit sozia­ler Exi­sten­zen und die gesell­schaft­li­chen Ursa­chen ihrer Gefähr­dung nach­den­ken. »Wir sind eine Mischung aus hoch­ge­ni­al und bekloppt«, tümel­te er statt­des­sen, wobei unklar blieb, wer die­ses kol­lek­ti­ve WIR war: wir im Saa­le, wir Deut­schen oder gar die Mensch­heit? Rus­sen natür­lich aus­ge­nom­men. Die haben uns 1945 näm­lich nicht befreit, son­dern die Unfrei­heit gebracht, wie er die Zuhö­rer wis­sen ließ.

Viel­leicht rech­ne­te er zu den Beklopp­ten auch die Kai­ser­bä­der­ver­wal­tung, denn auf der Ufer­pro­me­na­de hat­te ich zuvor eine Flag­gen­pa­ra­de abge­nom­men. Seit Jahr und Tag wehen dort die Fah­nen der zehn Ost­see-Anrai­ner. Nun jedoch war die rus­si­sche Tri­ko­lo­re durch die ukrai­ni­sche Flag­ge ersetzt wor­den. Soll­te auf die­se Wei­se etwa an Polens ver­gan­ge­nen Traum vom Zwei-Mee­re-Staat erin­nert wer­den? Oder dach­te man an Groß­li­tau­en, das auch mal von der Ost­see bis ans Schwar­ze Meer reich­te? Die Ukrai­ne im Hucke­pack also ein Ost­see-Anrai­ner … Ach, soweit wird man beim Flag­gen­wech­sel wohl nicht gedacht haben, Haupt­sa­che blau­gelb. Wo doch die ukrai­ni­sche Nati­on im Krieg gegen Nazi­deutsch­land mehr Opfer gebracht habe als Russ­land, so Gauck an einer ande­ren Stelle.

Gern hät­te ich noch mehr über die »Anpas­sungs­stra­te­gien« der Ost­deut­schen erfah­ren, die jetzt in einem »Zwi­schen­raum« leben und sich vor der offe­nen Gesell­schaft fürch­te­ten, weil sie doch bis­her erst drei­ßig Jah­re Eigen­ver­ant­wor­tung trai­nie­ren konn­ten – im Unter­schied zu den West­deut­schen, die die­se Hal­tung seit über sieb­zig Jah­ren beherrsch­ten. Aber auch wir Ost­deut­schen kön­nen nun end­lich Bür­ger sein. »Das unter­schei­det uns von der frü­he­ren Zeit in der DDR, wo wir nicht wäh­len und nicht offen mit­ein­an­der reden durf­ten.« Wir soll­ten doch mal ver­glei­chen, wie es woan­ders zuge­he, etwa in Russ­land oder in der Türkei …

Nun, ich als Ewig­gest­ri­ger ver­glei­che immer gern mit der Ver­gan­gen­heit. Und so erin­ne­re ich mich bei­spiels­wei­se an eine ADN-Mel­dung, die am 20. Juni 1988 auf der zwei­ten Sei­te im Neu­en Deutsch­land stand, sei­ner­zeit »Organ des Zen­tral­ko­mi­tees der Sozia­li­sti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands«. Dar­in wur­de der Abschluss des Evan­ge­li­schen Kir­chen­ta­ges in Rostock gemel­det, und der letz­te Satz lau­te­te: »Der Vor­sit­zen­de des Lan­des­aus­schus­ses der Lan­des­kir­che Meck­len­burgs, Joa­chim Gauck, dank­te den staat­li­chen Orga­nen für die groß­zü­gi­ge Unter­stüt­zung des Kir­chen­ta­ges und sprach sich für ein enga­gier­tes Wir­ken der Chri­sten in der Gesell­schaft aus.«

Der Heim­gang auf der Ufer­pro­me­na­de in lau­er Früh­lings­luft war das Beste am gan­zen Abend. Neben der Tat­sa­che, dass mir Dank des Pres­se­aus­wei­ses der Kauf eines Tickets erspart geblie­ben war. Wenig­stens das.