Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Der Rüdenhof

Er muss blei­ben. In der Nähe von Schloss Moritz­burg bei Dres­den gele­gen, bewahrt er »das Andenken an eine Frau, die von Tokio bis New York zu den bedeu­tend­sten Künst­le­rin­nen ihres Jahr­hun­derts zählt«, so heißt es in einem »Offe­nen Brief für den Erhalt der Käthe-Koll­witz-Gedenk­stät­te in Moritz­burg-Rüden­hof«, ver­fasst von der Schrift­stel­le­rin Jut­ta Schlott und der Sän­ge­rin Sophia More­no, unter­zeich­net von 30 Künst­lern und Kunst­hi­sto­ri­kern, Schrift­stel­lern, Muse­ums­di­rek­to­ren und ande­ren Per­sön­lich­kei­ten aus Deutsch­land und der Schweiz, ver­schickt an die Kul­tur­po­li­ti­schen Spre­cher von Frak­tio­nen des Bun­des­ta­ges, an den Prä­si­den­ten des Säch­si­schen Land­ta­ges und an Frau Pro­fes­sor Moni­ka Grüt­ters, Staats­mi­ni­ste­rin für Kul­tur der BRD. Dem Rüden­hof droht auf län­ge­re Sicht aus finan­zi­el­len Grün­den das Aus.

Frau Grüt­ters (CDU) hat­te nichts Bes­se­res zu tun, als eine För­de­rung durch den Bund mit der faden­schei­ni­gen Begrün­dung abzu­leh­nen, Käthe Koll­witz habe nur weni­ge Mona­te in die­sem »eher zufäl­li­gen letz­ten Wohn­ort« gelebt. Dann waren wohl die Bom­bar­die­run­gen, vor denen sie aus Ber­lin und Nord­hau­sen geflo­hen war, eben­so »zufäl­lig«? Der Rüden­hof ist der ein­zi­ge authen­ti­sche Ort, in dem an das Erbe die­ser Künst­le­rin erin­nert wer­den kann; ihr Geburts­haus in Königs­berg (Kali­nin­grad) und ihr Wohn­haus in Ber­lin wur­den zer­stört. Und um das ihr gewid­me­te Muse­um in Ber­lin gab es schon vor Jah­ren einen wür­de­lo­sen Streit.

Käthe Koll­witz, die kon­se­quent gegen den Krieg auf­trat, die den Sohn im ersten Welt­krieg und den Enkel im zwei­ten ver­lor, deren Kunst von den Faschi­sten als »ent­ar­tet« gebrand­markt wur­de, darf auch von den kom­men­den Genera­tio­nen nicht ver­ges­sen wer­den. In der Pra­xis ihres Man­nes, des Armen­arz­tes Dr. Karl Koll­witz, sah sie die Welt des Pro­le­ta­ri­ats, das Kin­der­ster­ben. In ihren Gra­fi­ken »Nie wie­der Krieg!«, »Krieg dem Krie­ge«, »Die Über­le­ben­den« und in vie­len ande­ren klag­te sie an und for­der­te Frie­den. Das The­ma »Müt­ter« nahm in ihrem Schaf­fen einen gro­ßen Raum ein, Müt­ter, die sich schüt­zend vor ihre Kin­der stel­len, die sich wei­nend abwen­den, weil sie den hun­gern­den Kin­dern kein Brot geben kön­nen. Sie stell­te das Arbei­ter­le­ben dar, weil ihr – wie sie in ihren Tage­bü­chern notier­te – »das gan­ze bür­ger­li­che Leben pedan­tisch erschien. Dage­gen einen gro­ßen Wurf hat­te das Proletariat«.

In der Neu­en Wache in Ber­lin wur­de eine ver­grö­ßer­te Fas­sung ihrer Skulp­tur »Mut­ter mit totem Sohn« auf­ge­stellt, weil sie – wie es offi­zi­ell hieß – »der Grund­hal­tung des deut­schen Staats­we­sens Aus­druck gibt, Frie­den und Frei­heit­lich­keit ver­pflich­tet zu sein«. Wäre das nicht ein wei­te­rer Grund, das Andenken an die­se groß­ar­ti­ge Künst­le­rin auch in Moritz­burg zu schützen?

Die Staats­mi­ni­ste­rin für Kul­tur und Tou­ris­mus des Lan­des Sach­sen, Bar­ba­ra Klepsch, sicher­te den Erhalt der Gedenk­stät­te für das lau­fen­de Jahr zu. Doch das ist kei­ne Garan­tie für ihre dau­er­haf­te Exi­stenz. Eine Offe­ne Inter­net-Peti­ti­on, die schon am 26. Novem­ber 2020 eröff­net wur­de, fand bis jetzt mehr als 6000 Unter­stüt­zer aus Deutsch­land und dem Aus­land. 12000 Unter­schrif­ten müs­sen es wer­den; jede zählt: openPetition.de/Kollwitzhaus.

Der Rüden­hof bewahrt wich­ti­ge Doku­men­te und Arbei­ten der Künst­le­rin und macht sie der Öffent­lich­keit zugäng­lich. Aus­stel­lun­gen regio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Künst­ler wer­den im unte­ren Teil des Hau­ses gezeigt. Auch Lesun­gen und klei­ne Kon­zer­te fin­den statt. Die­ser Ort des Erin­nerns und des kul­tu­rel­len Aus­tauschs darf nicht ver­schwin­den. Der Rüden­hof muss bleiben.