Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der schöne Schein des Gedenkens

Es ist jedes Jahr das­sel­be. Weih­rauch wabert durch den Ple­nar­saal, wenn der Bun­des­tag der Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus gedenkt. Der Gast­red­ner lobt die Deut­schen für die gelun­ge­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit, und der Gast­ge­ber erin­nert dar­an, dass die Leug­nung des Holo­caust in Deutsch­land ver­bo­ten ist. Aber das ist nur die hal­be Wahr­heit. Im Bun­des­tag gab es dafür erst eine Mehr­heit, als die Sache rela­ti­viert und auch die Leug­nung von Ver­bre­chen an Deut­schen unter Stra­fe gestellt wor­den war.

Bun­des­tags­prä­si­dent Schäub­le dürf­te das wohl noch im Hin­ter­kopf gehabt haben, als er sei­ne Rede bei der dies­jäh­ri­gen Gedenk­stun­de hielt, aber die Erin­ne­rung an die unrühm­li­che Ver­rech­nung von Schuld hät­te den schö­nen Schein getrübt, in dem die deut­sche Erin­ne­rungs­kul­tur gern daher­kommt, wenn es mal wie­der so weit ist, den geläu­ter­ten Sün­der zu geben. Es gab kein deut­sches Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­wun­der. Was es an Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit gab, muss­te müh­sam erkämpft wer­den. Die »ewi­ge Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung als gesell­schafts­po­li­ti­sche Dau­er­auf­ga­be«, wet­ter­te der CSU-Vor­sit­zen­de Franz Josef Strauß 1986, läh­me das deut­sche Volk.

Er bedien­te damit Res­sen­ti­ments, die heu­te einer wie Björn Höcke von der AfD bedient, wenn er von »däm­li­cher Bewäl­ti­gungs­po­li­tik« spricht und nach einer »erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Wen­de um 180 Grad« ver­langt. Was unter­schei­det eigent­lich den Satz, die Deut­schen hät­ten das Recht, »stolz zu sein auf die Lei­stun­gen deut­scher Sol­da­ten in zwei Welt­krie­gen«, von der Aus­sa­ge, der Angriff auf die Sowjet­uni­on sei nur des­halb abzu­leh­nen, weil er als Angriffs­krieg und nicht als Befrei­ungs­krieg geführt wor­den sei? Der erste stammt vom AfD-Vor­sit­zen­den Alex­an­der Gau­land, der zwei­te von Alfred Dreg­ger, ehe­mals Vor­sit­zen­der der CDU/C­SU-Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag (Alfred Dreg­ger: »Der Preis der Frei­heit«, Uni­ver­si­tas Ver­lag, Mün­chen 1985, S. 11).

Denk­wei­sen, die heu­te als Zei­chen eines Rechts­rucks gedeu­tet wer­den, gehör­ten seit jeher zum Stan­dard­re­per­toire des rech­ten Flü­gels der CDU und natür­lich der CSU. Erst unter Ange­la Mer­kel änder­te sich der Ton. Eini­ge Jah­re ging das gut, dann schall­te es aus der baye­ri­schen Ecke Rich­tung Ber­lin: Mer­kel muss weg. Da war die ein für alle Mal »bewäl­tig­te« Ver­gan­gen­heit wie­der da, kon­sta­tier­te die Süd­deut­sche Zei­tung. Bei einer EU-wei­ten Umfra­ge gaben im Jahr 2017 etwa 40 Pro­zent der Deut­schen im Alter von 18 bis 24 Jah­ren an, nur wenig oder über­haupt nichts von der Ver­nich­tung der Juden wis­sen. 81 Pro­zent der Deut­schen möch­ten die Geschich­te der Juden­ver­fol­gung gern hin­ter sich las­sen. 58 Pro­zent wün­schen sich gar einen Schluss­strich. Zu ihnen gehört auch Fried­rich Merz, des­sen Genera­ti­on sich, wie er sag­te, für die deut­sche Ver­gan­gen­heit nicht mehr in Haf­tung neh­men las­sen will.

Hei­ko Maas (SPD) hat neue Ansät­ze des Geden­kens gefor­dert. Geschich­te muss nach sei­nen Wor­ten von einem Erin­ne­rungs­pro­jekt zu einem Erkennt­nis­pro­jekt wer­den. Kei­ne schlech­te Idee. Und war­um hat sei­ne Par­tei dann ihre Histo­ri­sche Kom­mis­si­on auf­ge­löst, von der doch ent­spre­chen­de Denk­an­stö­ße zu erwar­ten gewe­sen wären? Mit offi­zi­el­len Gedenk­re­den ist der Unwis­sen­heit über das Gesche­hen wäh­rend der NS-Zeit nicht bei­zu­kom­men. Das ist eine Bin­sen­weis­heit. Wie wäre es denn, wenn die Beschäf­ti­gung mit Ausch­witz und den Anfän­gen der Nazi­herr­schaft zu einem festen Bestand­teil der schu­li­schen Erzie­hung gemacht wür­de? Könn­ten nicht, wie in Frank­reich, an einem bestimm­ten Tag in den Klas­sen letz­te Brie­fe ermor­de­ter Wider­stands­kämp­fer ver­le­sen wer­den? Die Fähig­keit, zu trau­ern und sich zu erin­nern, ist erlernbar.