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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Die Anstalt« unter Druck

»Neu­es aus der Anstalt« – so hieß die Vor­gän­ger­sen­dung der »Anstalt«, die nun schon seit acht Jah­ren lin­kes Kaba­rett und zugleich fun­dier­te poli­ti­sche Bil­dung bie­tet. Nach der vor­letz­ten Sen­dung (vom 8.3.) befürch­te ich, wir könn­ten auch in Zukunft »Neu­es« aus der Anstalt bekom­men, was aber gegen­über den Vor­gän­ger­sen­dun­gen einen uner­war­te­ten Rück­schritt bedeu­ten würde.

Kaba­rett, wäh­rend Krieg in Euro­pa herrscht – eine schwie­ri­ge Auf­ga­be, vor der die Zunft aber auch schon 1999 gestan­den hat­te: Der Kaba­ret­tist Vol­ker Pis­pers bemerk­te zu einer CD, die im Juli 1999 erschien: »Als wir die CD auf­nah­men, war der Koso­vo­krieg noch so frisch, dass man kein Kaba­rett dar­über machen konn­te.« Die­ses Pro­blem mein­ten Max Uthoff und Claus von Wag­ner offen­bar nicht zu haben, als sie ihre Sen­dung aufnahmen.

Mar­kant: Wit­ze gegen Putin am lau­fen­den Band, sodass bis­wei­len den bei­den die Stei­ge­rungs­mög­lich­kei­ten für Geschmack­lo­sig­kei­ten und Kla­mauk aus­zu­ge­hen schie­nen. Aber es ließ sich immer noch die Mög­lich­keit zur Fort­set­zung finden.

Dau­er­witz-Beschal­lung: War­um nicht? In Ham­burg fand in Alto­na am Spät­nach­mit­tag des 2. Okto­ber 1990 eine »Anti-Wie­der­ver­ei­ni­gungs-Demo« statt, bei der Anti-DDR-Wit­ze erzählt wur­den, die so däm­lich waren, dass sie nun wie­der zu dem Mot­to pass­ten. In der »Anstalt« illu­strier­ten die Wit­ze die Kriegs­er­eig­nis­se in vor­der­grün­di­ger Wei­se, durch Par­tei­nah­me gegen den rus­si­schen Prä­si­den­ten; die Hin­ter­grün­de wur­den eher auf dem Wege des Bekennt­nis­ses, geirrt zu haben, eingeflochten.

Schon im Herbst 1956 stand ein Kaba­rett in Kriegs­zei­ten vor der Auf­ga­be, ein pas­sen­des Pro­gramm zu lie­fern; es war zu jener Zeit, als sich der Auf­stand in Ungarn und die Suez­kri­se zeit­lich über­la­ger­ten. Das Ber­li­ner Front­stadt­ka­ba­rett »Die Insu­la­ner« ent­schied sich dafür, auf die kaba­ret­ti­sti­schen Mit­tel zu ver­zich­ten und statt­des­sen von melo­dra­ma­ti­scher Musik unter­mal­te Agi­ta­ti­on gegen die Sowjet­uni­on zu brin­gen; von der Suez­kri­se war nicht die Rede. (Das wird mir als damals 12-Jäh­ri­gem aber gar nicht auf­ge­fal­len sein.)

»Die Anstalt« ent­schied sich statt­des­sen für Kla­mauk, ver­bun­den mit der unaus­ge­spro­che­nen Bit­te, ihn nicht ernst zu neh­men. Das konn­te nicht gelin­gen, weil die­ser Kla­mauk die inhalt­li­che Posi­tio­nie­rung nicht kon­ter­ka­rier­te, son­dern illu­strier­te. So wider­sprach sie den Erwar­tun­gen des Stamm­pu­bli­kums. (Die jun­ge Welt kom­men­tier­te die Sen­dun­gen bis dahin stets bei­fäl­lig, die­se jedoch kritisch.)

Anschlie­ßend frag­te ich mich: Wie wer­den sich Uthoff und von Wag­ner nun wohl in der näch­sten Sen­dung (5.4.) aus der Affä­re zie­hen? Zunächst ist fest­zu­stel­len, dass sie kaum auf die vor­an­ge­hen­de ein­gin­gen, was auch nicht zu ver­lan­gen war; als sie dies aber taten, geschah dies in einer über­trie­ben buß­fer­ti­gen Hal­tung. Ande­rer­seits wur­de die gewohn­te Posi­tio­nie­rung dadurch mar­kiert, dass Twit­ter-Angrif­fe auf die ver­ein­zel­ten »lin­ken« Äuße­run­gen der vor­an­ge­gan­ge­nen Sen­dung der »Anstalt« ver­le­sen und dadurch künst­lich wie­der­be­lebt wur­den. Posi­tio­nie­rung wur­de anson­sten tun­lichst ver­mie­den; statt­des­sen wur­den die zitier­ten Angrif­fe aus unter­schied­li­chen Lagern als »Ehre« für den Sati­ri­ker gewer­tet. Die ent­spre­chen­den wie auch ande­re Zita­te hoben sich auf. Uthoff und von Wag­ner spiel­ten sich ihre jeweils gegen­sätz­li­chen Rol­len­bil­der vor, sodass der Ein­druck von neo­li­be­ra­ler Belie­big­keit entstand.

Häme ist an die­ser Stel­le aller­dings nicht ange­sagt, viel­mehr trau­ri­ge Ein­sicht in den Befund, dass auch ein radi­ka­les poli­ti­sches Kaba­rett in Kri­sen­zei­ten – und der Krieg in der Ukrai­ne mar­kiert eine tie­fe Kri­se in allen poli­ti­schen und son­sti­gen Lebens­be­rei­chen – in Dien­sten einer öffent­lich-recht­li­chen »Anstalt« sich nicht mehr frei bewe­gen kann bzw. zu kön­nen meint. Wer sich selbst über eine sol­che Hal­tung in die­ser Situa­ti­on erha­ben wähnt, der wer­fe den ersten Stein.