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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die atomare Schwelle

Juli und August 1914. Kaum jemand nahm damals die Kriegs­ge­fahr wirk­lich ernst. Wie die Schlaf­wand­ler, so der bekann­te Ver­gleich des Histo­ri­kers Chri­sto­pher Clark, schlit­ter­te man in die Kata­stro­phe hin­ein. Könn­te aktu­ell ähn­lich schlaf­wand­le­risch ein Atom­krieg ent­ste­hen, des­sen Fol­gen die Zer­stö­run­gen der bei­den Welt­krie­ge um ein Viel­fa­ches übersteigen?

For­scher um den Kli­ma­wis­sen­schaft­ler Owen Bri­an Toon an der Uni­ver­si­tät von Colorado/​USA ver­öf­fent­lich­ten 2019 eine Stu­die über die mög­li­chen Fol­gen eines eher »klei­nen«, regio­nal begrenz­ten nuklea­ren Schlag­ab­tauschs zwi­schen Indi­en und Paki­stan. Ihre Ergeb­nis­se sind für alle jene des­il­lu­sio­nie­rend, die hof­fen, dass ein sol­ches Ereig­nis zwar schlimm, aber letzt­lich zu ver­schmer­zen wäre (sie­he z. B. https://www.colorado.edu/today/nuclear-war).

Zunächst wür­den die mei­sten Men­schen »nicht an den Explo­sio­nen selbst ster­ben, son­dern an den unkon­trol­lier­ten Brän­den, die fol­gen wür­den«, so die For­scher. Anschlie­ßend käme es auf­grund der rie­si­gen Mas­sen auf­ge­wir­bel­ten Staubs zu einer gra­vie­ren­den Stö­rung des Welt­kli­mas und in des­sen Gefol­ge zu einer bei­spiel­lo­sen glo­ba­len Hun­ger­ka­ta­stro­phe Es bedarf nur gerin­ger Fan­ta­sie, um sich vor­zu­stel­len, dass eine Zivi­li­sa­ti­on, wie wir sie ken­nen, nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten wäre. Ver­tei­lungs­kämp­fe wären unver­meid­lich, Epi­de­mien und die medi­zi­ni­schen Fol­gen des Desa­sters wür­den die Mensch­heit ruinieren.

Doch wis­sen das nicht alle Ver­ant­wort­li­chen? Wer wäre so ver­rückt, es tat­säch­lich zum Ein­satz von Nukle­ar­waf­fen kom­men zu las­sen? Wis­sen­schaft­ler, die sich mit die­sem The­ma befas­sen, sind sich nicht so sicher, dass stets die Ver­nunft sie­gen wür­de. Denn aus wel­cher Situa­ti­on her­aus sich ein nuklea­rer Kon­flikt ent­wickeln könn­te, scheint weni­ger auf­grund ver­nünf­ti­gen Nach­den­kens ent­schie­den zu wer­den, son­dern als Fol­ge von Hand­lungs­zwän­gen, ja, von Auto­ma­tis­men. Zuneh­mend über­nimmt dabei die Tech­nik eine auto­no­me Steue­rungs­funk­ti­on. Unter­des­sen wird dis­ku­tiert, den Schritt in den Nukle­ar­krieg voll­kom­men an Syste­me der Künst­li­chen Intel­li­genz abzu­ge­ben, die mensch­li­che Inter­ven­tio­nen nicht mehr benötigt.

Dabei ist die gesam­te ato­ma­re Abschreckungs­stra­te­gie durch die Ein­schrän­kung des mensch­li­chen Blick­felds und damit von Hand­lungs­op­tio­nen cha­rak­te­ri­siert. Gehe stets davon aus, dass der Geg­ner die schlech­te­sten Absich­ten hat! Auf die­ser ersten Ein­engung der Rea­li­tät beruht das gan­ze System. Die zwei­te Fest­le­gung liegt im logisch dar­auf fußen­den Zwang, auf­zu­rü­sten. Denn ist der Geg­ner grund­sätz­lich »böse«, so kommt es dar­auf an, dass mei­ne eige­ne Auf­rü­stung die sei­ne über­trifft. Im ato­ma­ren Zeit­al­ter bedeu­tet das vor allem, dass ich selbst über eine Zweit­schlags­ka­pa­zi­tät ver­fü­ge. Wer­de ich ato­mar ange­grif­fen, so muss ich den­noch in der Lage sein, den Geg­ner zu ver­nich­ten. Auch die­se Opti­on ist ein Zwang, den damit befass­te Akteu­re kaum aus­he­beln kön­nen. Das ato­ma­re Spiel hat sei­ne Regeln, und wer am Spiel teil­nimmt, muss sie ein­hal­ten. Wie der Publi­zist Leon Wie­sel­tier ein­mal fest­stell­te, han­delt es sich frei­lich um ein selt­sa­mes Spiel. Als poli­ti­sches Kon­zept ver­sagt es bereits total, »wenn es zu 99, 9 Pro­zent erfolg­reich ist«. Auch nur ein ein­zi­ges Mal zu ver­lie­ren, sei es jetzt oder in hun­dert Jah­ren, führt zu einer Situa­ti­on, bei der die Leben­den die Toten benei­den werden.

Wer Atom­waf­fen besitzt, liegt auf der Lau­er. Wird eine Aus­ein­an­der­set­zung, an der Atom­mäch­te teil­neh­men, wahr­schein­li­cher oder hat sie mili­tä­risch kon­ven­tio­nell bereits begon­nen, so stellt sich eine dop­pel­te Fra­ge: Wird der Geg­ner als erster Nukle­ar­waf­fen ein­set­zen oder soll­te ich es sel­ber tun? Denn auch sofern der Geg­ner zur­zeit ato­mar fried­lich bleibt, könn­te es viel­leicht sinn­voll sein, ihm mit einem ato­ma­ren Prä­ven­tiv­schlag zuvor­zu­kom­men. Auch hier wie­der ist der Hand­lungs­spiel­raum der Akteu­re dra­ma­tisch ein­ge­engt. Ver­häng­nis­voll ist dabei der Trend der tech­ni­schen Ent­wick­lung. Fast alle ihre Inno­va­tio­nen im Bereich der Waf­fen­tech­nik zwin­gen die ato­ma­ren Spie­ler zu raschem, gera­de­zu plötz­li­chem Han­deln. Mit viel­fa­cher Schall­ge­schwin­dig­keit her­an­ra­sen­de Nukle­ar­spreng­köp­fe ver­kür­zen die Vor­warn­zei­ten so dra­stisch, dass Men­schen letzt­end­lich über­for­dert sind.

Auf die­sen Tat­be­stand macht eine wis­sen­schaft­li­che Exper­ten­grup­pe aus Infor­ma­ti­kern und Frie­dens­for­schern mit der Bezeich­nung »Atom­krieg aus Ver­se­hen« (https://atomkrieg-aus-versehen.de/) auf­merk­sam. Die ver­netz­ten Früh­warn­sy­ste­me sol­len geg­ne­ri­sche Angrif­fe mel­den – aber sie kön­nen ver­sa­gen und haben das schon mehr­fach getan. Die Ent­schei­dung über den Ein­satz von Nukle­ar­waf­fen kann daher an das Ver­fah­ren launch on warning dele­giert wer­den. Mel­den die Syste­me einen Angriff, ist es die Tech­nik, die inner­halb von Sekun­den vor­schlägt, dass ein augen­blick­li­cher Gegen­schlag erfol­gen soll­te, noch bevor der Angriff sei­ne Zie­le erreicht hat. »Sol­che Alarm­mel­dun­gen sind dann beson­ders gefähr­lich« – so der Infor­ma­ti­ker und Spe­zia­list für Künst­li­che Intel­li­genz Prof. Karl Hans Blä­si­us von der Arbeits­grup­pe Atom­krieg aus Ver­se­hen –, »wenn poli­ti­sche Kri­sen­si­tua­tio­nen vor­lie­gen, even­tu­ell mit gegen­sei­ti­gen Dro­hun­gen, oder wenn in zeit­li­chem Zusam­men­hang mit einem Fehl­alarm wei­te­re Ereig­nis­se ein­tre­ten, die zur Alarm­mel­dung in Zusam­men­hang gesetzt wer­den kön­nen.« Eben­so gefähr­lich sei eine Situa­ti­on, in der ein ato­mar bewaff­ne­ter Kon­tra­hent vor einer kon­ven­tio­nel­len Nie­der­la­ge steht. Auf die­se Mög­lich­keit sei Russ­lands Nukle­ar­dok­trin sogar aus­drück­lich ausgelegt.

Haben die Kon­tra­hen­ten also den Fin­ger am Abzug, wird der nuklea­re Schlag­ab­tausch mög­li­cher­wei­se dann begin­nen, wenn eine bestimm­te Reiz­schwel­le über­schrit­ten wor­den ist. Mehr oder weni­ger auto­ma­tisch und auch im Fal­le eines Fehl­alarms oder wenn sich einer der Akteu­re zu sehr in die Enge getrie­ben fühlt. Bei­des sind Situa­tio­nen der Ver­un­si­che­rung, die kei­ne oder kaum noch Hand­lungs­op­tio­nen offen­las­sen. Daher hängt vie­les von den Umstän­den ab, die aus den vor­aus­ge­hen­den Hand­lun­gen der Akteu­re ent­stan­den sind. Wann ist die Reiz­schwel­le erreicht, durch die sich einer von ihnen zum Erst­ein­satz von Atom­waf­fen genö­tigt sieht? Das bleibt unge­wiss, kann aber aus fast jeder belie­bi­gen Akti­on in die­sem Spiel fol­gen. Die­ses Aus­te­sten, wann die Reiz­schwel­le erreicht ist, fin­det nach Auf­fas­sung von Blä­si­us zur­zeit statt. Jeder klei­ne Ein­satz von Mit­teln – Waf­fen­lie­fe­run­gen, Unter­stüt­zung mit Über­wa­chungs­da­ten, Sank­tio­nen – kön­ne eine Schwel­le errei­chen, die zum Ein­satz von Atom­waf­fen führt. Auch die Wir­kun­gen von klei­nen Maß­nah­men sei nicht kal­ku­lier­bar. »Für jede ein­zel­ne, noch so klei­ne Akti­on kann gel­ten, dass sie Aus­lö­ser eines Ein­sat­zes von Atom­waf­fen sein kann. Jeder wei­te­re Schritt könn­te einer zu viel sein.«

Hat Blä­si­us recht, so ist gera­de die End­pha­se einer Aus­ein­an­der­set­zung, wenn der Druck spe­zi­ell auf die poten­ti­ell benach­tei­lig­te Par­tei am höch­sten ist, beson­ders explo­siv. In der­ar­tig gefähr­li­chen Situa­tio­nen hat der Mensch psy­cho­lo­gisch gese­hen ein bewähr­tes Ver­fah­ren ent­wickelt: Er steckt den Kopf in den Sand. Seit Jahr­zehn­ten beru­hi­gen sich die Stra­te­gen damit, ein Nukle­ar­krieg kön­ne durch­aus auf eine nied­ri­ge Ebe­ne der Eska­la­ti­on begrenzt blei­ben. Dazu gebe es tak­ti­sche Atom­waf­fen und ins­be­son­de­re soge­nann­te Mini-Nukes. Doch steht eine Atom­macht kurz vor der Nie­der­la­ge, oder ent­schließt sie sich zur weit­ge­hen­den Auto­ma­ti­sie­rung ihrer Gegen­re­ak­ti­on durch launch on warning, ist das eher ein Grund, hart zuzu­schla­gen, so Blä­si­us. Denn in bei­den Fäl­len ist es nahe­lie­gend, mit dem gesam­ten Poten­ti­al zu ant­wor­ten und nicht bloß zu kleckern. Nun muss der Geg­ner wirk­lich aus­ge­schal­tet wer­den. Nie­mand kann vor­aus­sa­gen, was wirk­lich pas­sie­ren wird. Unbe­re­chen­ba­rer wird alles auch dadurch, wenn einer der Kon­tra­hen­ten zu irra­tio­na­len, viel­leicht patho­lo­gi­schen Reak­tio­nen neigt.

Das sind, ange­sichts der aktu­el­len Nach­rich­ten­la­ge, kei­ne guten Aussichten.