Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die EU als Dystopie

Wider­sprüch­li­che Signa­le in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Men­schen lösen Kon­fu­si­on aus – beson­ders dann, wenn die Adres­sa­ten in einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis ste­hen und kei­ne Wider­re­de wagen. Wenn etwa Eltern ihr Kind stän­dig hart bestra­fen und dabei sagen, dass sie es nur aus Lie­be tun und nur sein Bestes wol­len, das Kind hin­ge­gen sehr genau spürt, dass die Lie­be nicht echt ist und das »Beste« ihm nicht gut­tut, ent­steht eine emo­tio­na­le Zwick­müh­le; sie kann gera­de­zu ver­rückt machen.

Auch die EU-Obe­ren pfle­gen eine patho­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Men­schen. Wäh­rend Polit-Funk­tio­nä­re nicht müde wer­den, Vor­zü­ge und Ver­dien­ste der Euro­päi­schen Uni­on wie Wohl­stand, Men­schen­rech­te und Frie­den anzu­prei­sen, begeg­nen ihnen gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung mit Miss­trau­en – als wür­den die Leu­te im Chor die Lied­zei­le von Cole Por­ter rufen: »Your story´s so tou­ch­ing, but it sounds like a lie!« Die EU-Bür­ge­rIn­nen ent­zie­hen ihren Ange­stell­ten (die Poli­ti­ker ja sind) zuneh­mend das Ver­trau­en. Die dunk­len Wol­ken – »Rechts­po­pu­li­sten«, Bre­x­it, Auf­stän­de in Frank­reich und Ungarn, aber auch mas­si­ver Streit zwi­schen den Regie­run­gen – bal­len sich zusam­men, und eine Auf­hel­lung ist nicht in Sicht. Es herrscht eine deso­la­te bis bedroh­li­che Stim­mung vor.

Anzei­chen für die Unzu­frie­den­heit gab es schon lan­ge. Bereits bei den letz­ten EU-Par­la­ments­wah­len signa­li­sier­te die gerin­ge Betei­li­gung gera­de in den Län­dern im Osten ent­täusch­te Hoff­nun­gen (vgl. »Wahl­los in Euro­pa«, Ossietzky 13/​2014). Umfra­gen bei jun­gen Leu­ten in Euro­pa zeig­ten eben­falls Pes­si­mis­mus: In der Jugend­stu­die »Genera­ti­on What?« (2017) von euro­päi­schen Rund­funk­an­stal­ten gaben 82 Pro­zent der befrag­ten 18- bis 34-Jäh­ri­gen aus 35 Län­dern Euro­pas an, wenig bis gar kein Ver­trau­en in die Poli­tik zu haben. Schon zu Anfang des Jahr­tau­sends äußer­ten in Deutsch­land reprä­sen­ta­tiv Befrag­te ein alar­mie­ren­des Miss­trau­en gegen­über Poli­ti­kern und Demo­kra­tie: 82 Pro­zent stimm­ten der Aus­sa­ge zu, dass letzt­end­lich die Wirt­schaft das Sagen hat, und sogar 90 Pro­zent ver­tra­ten die Mei­nung, dass Poli­ti­ker Geset­ze umge­hen, wenn es ihnen Vor­tei­le bringt.

Sol­len EU-Bür­ge­rIn­nen den »tou­ch­ing sto­ries« der Juncker, Tusk, Weber, Oettin­ger und Mog­heri­ni glau­ben – oder aber ihren per­sön­li­chen Erfah­run­gen? Der pes­si­mi­sti­schen Stim­mung mag in vie­len Fäl­len kei­ne genaue Ana­ly­se von Wirt­schafts­po­li­tik und Herr­schafts­struk­tu­ren zugrun­de lie­gen; der All­tag und die Lebens­wirk­lich­keit sind Grund genug für Skep­sis – natür­lich je nach sozia­ler Lage.

Die EU hat nicht ver­mocht, eine gerech­te Ver­tei­lung des Wohl­stan­des zu sichern – ganz im Gegen­teil. Der Grund dafür liegt dar­in, dass Gerech­tig­keit gar nicht Absicht der neo­li­be­ra­len Poli­tik ist. Sie »ver­sagt« also nicht, wie Kri­ti­ker oft mei­nen, son­dern strebt die­se Ver­hält­nis­se syste­ma­tisch an. Löh­ne, Ren­ten, Mie­ten, Arbeits­be­din­gun­gen – die sozia­le Siche­rung ins­ge­samt hat sich für vie­le bedroh­lich ent­wickelt; in Tei­len der Bevöl­ke­rung löst das exi­sten­zi­el­le Unsi­cher­heit und Angst aus. Wäh­rend man­che Schu­le nicht hei­zen kann und öffent­li­che Bäder geschlos­sen wer­den müs­sen, zah­len glo­bal agie­ren­de Kon­zer­ne kaum Steu­ern – ohne dass sie von der Poli­tik behel­ligt würden.

Es ist müßig, all die Skan­da­le auf­zu­zäh­len, die wir fast täg­lich ver­fol­gen kön­nen (wenn wir die »rich­ti­gen« Zei­tun­gen lesen): Lux­Leaks, Cum-Ex, Cum-Cum und Cum-Fake, Para­di­se Papers, Die­sel, Gly­pho­s­at, Waf­fen für Mas­sa­ker … Die Rei­chen und Mäch­ti­gen ent­wickeln eine Men­ge kri­mi­nel­ler Ener­gie und stre­ben nach tota­ler Macht. Der Immo­bi­li­en-Mil­li­ar­där René Ben­ko kauft nicht nur Luxus-Immo­bi­li­en und das Kauf­haus Kar­stadt, son­dern auch Antei­le von und Ein­fluss auf Tages­zei­tun­gen. Die Poli­tik kommt nicht dage­gen an? Wie auch, wenn Geset­ze durch mas­si­ve Lob­by beein­flusst oder gar von den Kon­zern­ver­tre­tern ver­fasst wer­den und die Dreh­tür zwi­schen Poli­tik und Wirt­schaft wie geschmiert funktioniert.

Die Men­schen spü­ren die Aus­wir­kun­gen, wenn Kli­ni­ken von Inve­sto­ren als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jek­te behan­delt wer­den: Über­la­stung des Kli­nik­per­so­nals, Ver­schlech­te­rung der Pati­en­ten­ver­sor­gung. Ver­spricht etwa die EU-Kom­mis­si­on eine Ände­rung der Poli­tik, die die deso­la­te Lage der Daseins­vor­sor­ge schafft? Sie wird sich hüten: Pri­va­ti­sie­rung, Dere­gu­lie­rung, Abbau sozia­ler Siche­rung gehö­ren zur DNA der Euro­päi­schen Union.

Trau­rig genug, dass Wolf­gang Schäub­le zum Gesicht der EU wer­den konn­te, beson­ders durch die Austeri­täts­po­li­tik, die ver­schie­de­nen Län­dern der EU unge­ach­tet der Fol­gen für die Men­schen auf­ge­zwun­gen wur­de: Die­se Poli­tik geht über Lei­chen. Die Art, wie Deutsch­land in der Wirt­schafts­po­li­tik eine natio­nal-ego­isti­sche, hege­mo­nia­le Linie durch­setzt, ent­wickelt sich zur Gefahr für die gan­ze EU – und schafft Ver­bit­te­rung und Zorn in betrof­fe­nen Län­dern. Wo blei­ben die beschwo­re­nen Wer­te Ein­heit, Mensch­lich­keit oder Zusam­men­halt? Selbst­ver­ständ­lich strah­len ande­re Spit­zen­po­li­ti­ker der EU genau­so wenig Glaub­wür­dig­keit aus mit ihren Kor­rup­ti­ons­skan­da­len – Rajoy, Sar­ko­zy, Ber­lus­co­ni – und ihrer Abhän­gig­keit von glo­ba­len Finanz­in­sti­tu­tio­nen – etwa Mon­ti, Draghi oder der Mul­ti­funk­tio­när und Black­Rock-Lob­by­ist Merz. Es raubt einem jede Hoff­nung und jede Illu­si­on, stu­diert man etwa die enge Ver­flech­tung poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Insti­tu­tio­nen – detail­liert beschrie­ben etwa von Wer­ner Rüge­mer (»Die Kapi­ta­li­sten des 21. Jahr­hun­derts«, Papy­Ros­sa, 2018). Die in deut­schen Betrie­ben ermit­tel­ten Abwer­tungs­er­fah­run­gen, Äng­ste, Ent­so­li­da­ri­sie­rung, Resi­gna­ti­on und Wut bil­den den Nähr­bo­den für rech­te Gesin­nung und Res­sen­ti­ments, zumal das Gefühl vor­herrscht, dass von der Poli­tik kei­ne Ände­rung zu erwar­ten ist (Die­ter Sau­er et al.: »Rechts­po­pu­lis­mus und Gewerk­schaf­ten«, VSA, 2018). Die­se Ergeb­nis­se gel­ten wohl auch für ande­re EU-Länder.

Die schlech­te Stim­mung in der EU kommt nicht aus hei­te­rem Him­mel. Das neo­li­be­ral-kapi­ta­li­sti­sche Grund­prin­zip der EU nimmt auf mensch­li­che Bedürf­nis­se kei­ner­lei Rück­sicht. Bür­ge­rIn­nen erle­ben stän­dig, wie sehr die »markt­kon­for­me Demo­kra­tie« sie ver­ach­tet. Miss­ach­tet wird das Grund­be­dürf­nis der Men­schen, über die eige­nen Lebens­be­din­gun­gen selbst zu ver­fü­gen und bestim­men zu kön­nen. Der Ein­fluss des »Sou­ve­räns«, also des Vol­kes, ist auf anony­me, demo­kra­tisch nicht legi­ti­mier­te Instan­zen der Ban­ken und Kon­zer­ne über­ge­gan­gen, die mit Hil­fe der EU-Poli­tik eine gera­de­zu dik­ta­to­ri­sche Herr­schaft aus­üben (vgl. Thi­lo Bode: »Die Dik­ta­tur der Kon­zer­ne«, Fischer Ver­lag, 2018).

Der »auto­ri­tä­re Kapi­ta­lis­mus« küm­mert sich nicht um Men­schen. Beach­tet und aner­kannt sind Bür­ger nur nach Maß­ga­be ihrer Nütz­lich­keit und Ver­wert­bar­keit, unge­ach­tet ihrer Wür­de. Sie sind näm­lich nicht »system­re­le­vant«. Der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Wil­helm Heit­mey­er beschreibt die­sen Pro­zess in »Auto­ri­tä­re Ver­su­chun­gen« (Suhr­kamp 2018). Der auto­ri­tä­re Kapi­ta­lis­mus der EU zer­stört die Wer­te von Fair­ness, Gerech­tig­keit und Soli­da­ri­tät. Rech­te Grup­pen, Regie­run­gen und Par­tei­en nut­zen die­ses gesell­schaft­li­che Kli­ma, die­ses Gefühl von Ohn­macht und Kon­troll­ver­lust, um sie in Rich­tung eige­ner Macht­an­sprü­che zu ver­schie­ben. Die Ent­wer­tung der Men­schen durch Demo­kra­tie-Ent­lee­rung und Ein­fluss­lo­sig­keit schafft Angst; die­se kann aber von staat­li­cher Poli­tik als Dis­zi­pli­nie­rungs- und Kon­troll­in­stru­ment genutzt werden.

Da die Wirt­schafts­zie­le laut EU-Glo­bal­stra­te­gie effi­zi­ent durch­ge­setzt wer­den sol­len, sind mili­tä­ri­sche Auf­rü­stung und Macht­de­mon­stra­ti­on unver­meid­lich, um Zugang zu Res­sour­cen und Han­dels­we­ge zu sichern. Wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Men­schen­rech­te stellt die EU dabei wohl­weis­lich nicht zur Dis­kus­si­on. Und auch die bür­ger­li­chen Rech­te hören an der Gren­ze der EU auf, wie tau­send Kilo­me­ter Zäu­ne gegen Flücht­lin­ge und Inter­nie­rungs­la­ger in Nord­afri­ka ver­deut­li­chen. Erschüt­ternd die Doku­men­ta­ti­on »Todes­ur­sa­che Flucht« über die fata­le Poli­tik der Festung Euro­pa (Hirn­kost 2018, s. Ossietzky 22/​2018). Da die EU die eigent­li­chen Ursa­chen der Flucht­be­we­gung – unglei­che Eigen­tums­ver­tei­lung und neo­ko­lo­nia­le Aus­beu­tung – nicht ange­hen will, ver­legt sie sich auf mili­tär­be­wehr­te Abschot­tung und setzt damit die For­de­run­gen von Rech­ten und Ras­si­sten um. Eine Poli­tik aber, die »rhe­to­risch auf Abwer­tung und Ent­mensch­li­chung setzt, ver­än­dert die Grund­la­gen des all­täg­li­chen Zusam­men­le­bens und wird den Ras­sis­mus in der EU ver­stär­ken« (Son­ja Buckel und Maxi­mi­li­an Pichl: »Euro­pa. Die Poli­tik der Lager«, Blät­ter 8/​18).

Die mani­pu­la­ti­ve Spra­che der EU-Funk­tio­nä­re und ihrer Hel­fer in den Medi­en ver­sucht zwar, durch eine Pola­ri­sie­rung – »über­zeug­te Euro­pä­er« gegen »Euro­pa-Hasser« – Kri­tik an der vor­herr­schen­den Poli­tik zu unter­drücken. Alle Kri­ti­ke­rIn­nen der EU-Poli­tik mutie­ren so zu »Euro­pa-Geg­nern« und Popu­li­sten. Was tun? Der Poli­tik der »kapi­ta­li­sti­schen Land­nah­me« (Klaus Dör­re) ent­kommt man nur durch eige­nes Auf­be­geh­ren und Han­deln. Auf­stän­de wie etwa der fran­zö­si­schen »Gelb­we­sten« kön­nen als Ver­such gese­hen wer­den, die Kon­trol­le über das eige­ne Leben wie­der­zu­er­lan­gen oder – ange­sichts des mas­si­ven Wider­stan­des der Klas­se, die um den Erhalt ihrer Macht bangt – zu erkämp­fen. Wäh­rend in Paris ein kon­kre­ter Anlass (Erhö­hung der Ben­zin­steu­er) die Pro­te­ste aus­lö­ste, ziel­ten die Aktio­nen in der Fol­ge­zeit viel grund­sätz­li­cher auf die Unge­rech­tig­keit und die Ver­ach­tung, die von der Poli­tik à la Macron aus­geht. Die Auf­stän­di­schen sind die eigent­li­chen Euro­pä­er, denn: Will die EU als poli­ti­sches Pro­jekt über­le­ben, kann sie es nur auf der Grund­la­ge von Gerech­tig­keit, Demo­kra­tie und Respekt.