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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die vergessene Feministin

»Wenn jeder Mensch – aus­ge­hend von der Ide­al­vor­stel­lung, dass es bei der Beur­tei­lung einer Per­son kei­ne Unter­schie­de von Mann und Frau braucht –, wenn also jeder Mensch den eige­nen Talen­ten ange­mes­se­ne Berei­che aus­wählt und dar­in tätig wird, dann müss­ten doch wohl Frau­en wie Män­ner in allen Wis­sen­schaf­ten und in den mei­sten Beru­fen in glei­cher Wei­se erfolg­reich sein.«

Wer ver­mu­tet, die­ses Zitat stammt aus einem femi­ni­sti­schen Par­tei­pro­gramm zu einer bevor­ste­hen­den Wahl, der liegt völ­lig dane­ben. Es ist eine Pas­sa­ge aus einem Essay, den die japa­ni­sche Dich­te­rin Yosa­no Aki­ko (1878-1942) schon vor mehr als hun­dert Jah­ren ver­fasst hat. Sie war nicht nur eine Vor­kämp­fe­rin für Frau­en­rech­te, son­dern auch eine Schlüs­sel­fi­gur des kul­tu­rel­len Lebens ihres Lan­des in der ersten Hälf­te des 20. Jahrhunderts.

Bemer­kens­wert ist ihre Bio­gra­fie. Aki­ko stamm­te aus einer Kauf­manns­fa­mi­lie aus Sakai nahe Osa­ka. Mit elf Jah­ren führ­te sie bereits die Geschäf­te der Fami­lie und begann schon früh mit dem Schrei­ben. Spä­ter küm­mer­te sie sich als drei­zehn­fa­che Mut­ter um ihren arbeits­los gewor­de­nen Ehe­mann und sicher­te durch ihr Schrei­ben den Lebens­un­ter­halt der gro­ßen Fami­lie. Bekannt wur­de sie zunächst mit ihren Gedich­ten und Roma­nen, ehe sie spä­ter vor allem als Publi­zi­stin her­vor­trat. Ihre essay­isti­schen Tex­te erschie­nen in unun­ter­bro­che­ner Fol­ge über rund drei­ßig Jah­re hin­weg in den ver­schie­den­sten Frau­en­ma­ga­zi­nen. So ent­stan­den bis 1934 fünf­zehn Pro­sa-Antho­lo­gien, von tage­buch­ar­ti­gen Noti­zen über Glos­sen bis zu län­ge­ren Abhandlungen.

Ihre frü­hen Essays aus den 1910er-Jah­ren zei­gen eine pro­gres­si­ve Sicht auf die Rol­le der Frau in der Gesell­schaft. Aki­ko ver­tei­dig­te dar­in die Idee einer Gesell­schaft, in der Frau­en finan­zi­ell unab­hän­gig sein soll­ten. Selbst­be­wusst und radi­kal stell­te sie drän­gen­de Fra­gen zur Gleich­stel­lung von Mann und Frau und gab Ant­wor­ten, die noch heu­te ins Schwar­ze treffen.

Mit dem Essay­band »Män­ner und Frau­en« macht der Manes­se Ver­lag erst­mals auf Deutsch mit der ver­ges­se­nen japa­ni­schen Femi­ni­stin bekannt. In den drei­zehn Tex­ten, unter­teilt in vier Kapi­tel, wer­den Aki­kos wich­tig­ste The­men vor­ge­stellt – ange­fan­gen von per­sön­li­chen Bei­trä­gen über ihre Situa­ti­on als Schrift­stel­le­rin und Mut­ter bis hin zu Fra­gen der Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft, des Frau­en­wahl­rechts oder des Erzie­hungs­we­sens. Den Abschluss bil­den aus aktu­el­lem Anlass zwei Fund­stücke »Aus der Grip­pe­sta­ti­on« (1918) und »Angst vor dem Tod« (1920), in denen Aki­ko ihre Pan­de­mie­er­fah­run­gen wäh­rend der Spa­ni­schen Grip­pe schil­der­te, die vor hun­dert Jah­ren auch in Japan wütete.

Eine umfang­rei­che bio­gra­fi­sche Chro­nik und ein Nach­wort des Her­aus­ge­bers Edu­ard Klop­fen­stein ergän­zen die Aus­wahl, die für die deut­sche Leser­schaft eine Ent­deckung der cou­ra­gier­ten Demo­kra­tin und Femi­ni­stin ist. Der bekann­te Japa­no­lo­ge gibt einen kom­pak­ten Über­blick zur Ent­wick­lung und Wir­kung der Schrift­stel­le­rin, wobei ihr essay­isti­sches Schaf­fen im Mit­tel­punkt steht.

Yosa­no Aki­ko: Män­ner und Frau­en – Essays, Manes­se Ver­lag, Mün­chen 2022, 22 €.