Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dienstreise in die Dunkelheit

 

 

Ankunft am Bahn­hof. Die Son­ne strahlt im Janu­ar. Schö­ne Urlaubs­ge­gend, Frei­zeit ist aber nicht der Grund mei­ner Rei­se. Mei­ne Auf­ga­be ist die Schu­lung eines Betriebs­ra­tes. Fast 50 Kilo­me­ter ent­fernt von dem Ort, an dem letz­tes Jahr ein Rechts­ter­ro­rist den von vie­len Rech­ten beschwo­re­nen »Bür­ger­krieg« begin­nen und Mit­glie­der der jüdi­schen Gemein­de ermor­den woll­te. Schon der Beginn der Ver­an­stal­tung ist selt­sam. Acht Män­ner sit­zen im Betriebs­rats­raum, die ein­zi­ge Kol­le­gin ver­teilt Kaf­fee und bringt das von ihr gekauf­te Obst her­ein. Der Vor­mit­tag ver­läuft recht ein­sil­big, es wird viel zuge­hört. Gru­se­li­ge Begrif­fe fal­len, statt von der Lösung eines Pro­blems wird von »End­lö­sung« des betrieb­li­chen The­mas gespro­chen. Ein Teil­neh­mer streut ein belang­lo­ses Zitat ein, mit dem er bei allen Erstau­nen erzeu­gen will, indem er sagt, es stam­me von Adolf Hitler.

In der Pau­se am letz­ten Tag wird einer red­se­lig. Bekann­te men­schen­ver­ach­ten­de Sät­ze sind zu hören, wie: Jeder »kann rein, die Gren­zen sind ja offen«. Mein Gegen­ar­gu­ment, dass »gar nichts offen« sei, vie­le im Mit­tel­meer ertrin­ken oder in Liby­en gefol­tert wer­den und es kaum jemand bis zum Asyl­an­trag schafft, bleibt unge­hört. Es sol­le sich »doch jeder an die Regeln hier hal­ten«. Auf mei­ne Fra­ge, was damit gemeint sei, kommt die Schil­de­rung: »Bei uns im Ort« haben vor kur­zem »acht syri­sche jun­ge Män­ner« den öffent­li­chen Nah­ver­kehr ohne Fahr­kar­te genutzt. Dass ich genü­gend Men­schen ken­ne, die gar kei­ne Fahr­kar­te lösen und das schon seit Jah­ren, ohne dass ihnen die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen wur­de, bleibt unwi­der­spro­chen. Die ande­ren schwei­gen. Der Wort­füh­rer schimpft über die vie­len, die kom­men, nicht nur aus Syri­en. Ich ver­su­che mei­ne Wut nicht her­aus­zu­schrei­en, indem ich reagie­re: Dass aus Syri­en nie­mand flüch­ten muss­te, bevor sich die NATO in das Land ein­misch­te, dass die Lebens­be­din­gun­gen mise­ra­bel sind in Afgha­ni­stan und Irak und dort seit Jah­ren EU und USA das Sagen haben, dass die Arbeits­plät­ze in Afri­kas Land­wirt­schaft durch Impor­te per EU-Sub­ven­tio­nen zer­stört wer­den, also dass vie­le Flucht­ur­sa­chen mit uns hier zusam­men­hän­gen, muss er sich anhö­ren. Auch ein Kol­le­ge wider­spricht ihm dann. Die Kol­le­gin kommt vom Kaf­fee­ko­chen zurück und ist erstaunt über die Stim­mung und die The­men. Zum Nach­tisch gibt es Glückskekse.

Nach der Pau­se wird es span­nend. »Das Unter­neh­men will kei­nen Tarif­ver­trag und kei­ne Tarif­er­hö­hun­gen« ist unser erstes The­ma. War­um denn nicht Gewerk­schafts­mit­glie­der wer­ben und mit gemein­sa­mer Kraft für einen Haus­ta­rif­ver­trag kämp­fen, fra­ge ich. »Das klappt bei uns nicht«, ist die – auch von ande­ren Betriebs­rä­ten in West oder Ost schon gehör­te – Ant­wort. Dabei bleibt es aber nicht.

Die Kol­le­gen benen­nen die Pro­ble­me klar. Bei vie­len betrieb­li­chen The­men, die wir an den Tagen gesam­melt haben, hat der Betriebs­rat Mit­be­stim­mungs­rech­te. Er kann die von allen bemän­gel­te Arbeits­zeit­re­ge­lung ändern, kann über eine Betriebs­ver­ein­ba­rung Bela­stun­gen der Beschäf­tig­ten redu­zie­ren, die das Unter­neh­men durch Bereit­schafts­dien­ste erzeugt. Die mit viel Druck durch die Chefs ver­bun­de­nen Beur­tei­lun­gen kön­nen anders gere­gelt wer­den, denn nach Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz läuft nichts ohne Betriebs­rat. Ich stel­le Bei­spie­le aus ande­ren Betrie­ben vor. Lösun­gen wer­den dis­ku­tiert, jeder betei­ligt sich. »Man müss­te hier …«, »das kann so nicht blei­ben«, »wir soll­ten das …« sind häu­fig fal­len­de Wor­te. Bei mei­ner Fra­ge: »Was machen wir jetzt?« ist kurz Stil­le im Raum. Der Pausen-»Wortführer« mel­det sich: »Ja, das kann­ste aber bei uns nicht machen …, das will der Arbeit­ge­ber nicht.« »Aber was wollt ihr?« ver­su­che ich die Dis­kus­si­on erneut anzu­sto­ßen. Ver­geb­lich. Anschei­nend ist es viel leich­ter, nach unten zu tre­ten, als die eige­nen Inter­es­sen zu erken­nen – und gegen die Mäch­ti­gen, etwa im Betrieb, anzu­kämp­fen. Bei der Rück­rei­se schien trotz­dem die Sonne …