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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Digitaler Unterricht

Geplant war Hybrid-Leh­re. Halb Prä­senz, halb digi­tal. Dar­aus wur­de nichts. Anstei­gen­de Inzi­denz­wer­te ver­hin­der­ten sie. Nun nur noch digi­ta­ler Fern­un­ter­richt. Ver­wai­ste Semi­nar­räu­me, allein ich dar­in und die elek­tro­ni­sche Tafel. Die Stu­den­ten sit­zen vor ihren häus­li­chen Com­pu­tern. Sie sehen mich nicht. Ich sehe sie nicht. Sie sehen nur die vir­tu­el­le Tafel, an der ich arbei­te. Wir sind über das Inter­net ver­bun­den, hören uns, könn­ten »inter­ak­tiv kom­mu­ni­zie­ren«, das heißt, mit- oder unter­ein­an­der reden. Meist spre­che ich. Die Stu­den­ten hören zu. Ver­mu­te ich ver­trau­ens­voll. Die Tafel – fabel­haf­te Tech­nik. Die Admins öff­nen mir den Zugang zu den vir­tu­el­len Räu­men. Die Bedie­nung ist ein­fach, die Mög­lich­kei­ten beein­druckend: Ich kann schrei­ben, malen, geo­me­tri­sche Figu­ren ent­wer­fen, unter­schied­li­che Schrift­stär­ken und -far­ben nut­zen. Eine Radier­gum­mi­funk­ti­on ermög­licht es, Schreib­feh­ler mühe­los und sau­ber zu besei­ti­gen. Unend­lich viel Platz, man muss das Tafel­bild nicht abwi­schen, kann immer neue Sei­ten auf­ru­fen, um sie zu beschrif­ten. Gefüll­te Sei­ten wer­den auto­ma­tisch gespei­chert. Man kann auf frü­he­re zurück­grei­fen, wenn man Brücken zwi­schen den The­men schla­gen und Zusam­men­hän­ge ver­deut­li­chen will. Fas­zi­nie­ren­de Alter­na­ti­ve zum uner­setz­ba­ren Prä­senz­un­ter­richt und zur klas­si­schen Krei­de­ta­fel, im digi­ta­len Zeit­al­ter nach wie vor mein Lieblingsinstrument.

Aber der tech­ni­sche Fort­schritt hat eine Kehr­sei­te. Wo Vor­tei­le sind, gibt es Nach­tei­le. Alles Gute hat sei­nen Preis. Die Stu­den­ten sit­zen nicht mehr vor mir wie im gelieb­ten Fron­tal­un­ter­richt, ich sehe nicht mehr den Glanz und das Stau­nen in ihren Augen, wenn ich ihnen atem­be­rau­ben­de Glei­chungs­sy­ste­me vor­füh­re. Ich ver­mis­se ihre auf mich über­flu­ten­de Empa­thie, wenn ich For­meln ent­wicke­le, sie umstel­le und in ande­re ein­set­ze, spü­re nicht mehr den Dank, wenn ich sie in sen­sa­tio­nel­le wis­sen­schaft­li­che Geheim­nis­se ein­wei­he. Erhe­ben­de Gefüh­le – für immer ver­lo­ren? Ich spü­re den Ver­zicht. Er ist groß und schmerzt.

Aber die Vor­tei­le über­wie­gen: Mei­ne geschun­de­ne Pau­ker­see­le erholt sich lang­sam vom jah­re­lang ange­stau­ten Ärger. Ich muss kei­ne müden Augen mehr sehen, die schwe­ren Lider der vor mir Sit­zen­den, mich grä­men über die, die den Kopf in bei­de Hän­de gestützt, sich erho­len von der nächt­li­chen Fete, wäh­rend ich ihnen die Lei­stun­gen der Wis­sen­schaft offen­ba­re. Ich muss kei­nen ermah­nen, der die Vor­le­sung stört, nie­man­den auf­for­dern, das lau­te Gespräch mit dem Nach­barn zu been­den. Ich muss nicht mehr mora­li­sie­ren: »Schal­ten Sie das Han­dy aus!« »Sie sur­fen doch schon wie­der im Inter­net!« »Wenn Sie so wei­ter­ma­chen, fal­len Sie durch die Prü­fung!« Ich brau­che mich nicht mehr zu bemit­lei­den, wenn die Ersten eine hal­be Stun­de vor Ende den Vor­le­sungs­raum ver­las­sen. Mit den Stu­den­ten ist alles Unan­ge­neh­me weg. Ich füh­le mich sau­wohl, muss mich nicht käm­men, nicht rasie­ren, nicht mit Eau de Colo­gne beträu­feln. Ich kann die aus­ge­latsch­ten Schu­he anzie­hen, die ich bei der Gar­ten­ar­beit tra­ge, das befleck­te Hemd, dass ich anha­be, seit ich vor Wochen die Lau­be und Per­go­la strich. Ich muss mir kei­ne zig Geburts- und Ster­be­da­ten berühm­ter Gelehr­ter mehr ein­prä­gen, um so zu tun, als sei es die nor­mal­ste Sache der Welt, sie aus­wen­dig zu ken­nen. Jetzt kann ich mich auf den Stuhl set­zen, die Bei­ne auf den Tisch legen und die Zah­len ein­fach vom Blatt able­sen. Gemüt­lich, ent­span­nend. Ich kann in der Nase popeln, muss kei­nen Furz mehr unter­drücken oder ver­su­chen, ihn sanft, unge­hört ent­wei­chen zu las­sen. Wild und frei, ent­bun­den aller Kon­ven­tio­nen, las­se ich nach Her­zens­lust einen fah­ren. Der befrei­en­de Luft­zug knat­tert durch die Po-Backen und ich den­ke an den alten Mann im erz­ge­bir­gi­schen Dorf, der sei­nen Haus­arzt mit der Nach­richt emp­fängt, er kön­ne, wenn er eine rohe Zwie­bel geges­sen habe, das Stei­ger­lied fur­zen. Ach, wie lie­be ich die digi­ta­le Welt und das ein­sa­me Klas­sen­zim­mer, das allein mir gehört. Mit Johann Wolf­gang von Goe­the jubi­lie­re ich: Hier im lee­ren Raum bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!