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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Doppelmoral und Kriegsgefahr

Die US-ame­ri­ka­ni­sche Wis­sen­schaft­le­rin Sharon Squas­so­ni erklär­te am 20.01.2022, anläss­lich der Pres­se­kon­fe­renz zum Stand der »Welt­un­ter­gangs­uhr«, die Mensch­heit ste­he ein­ein­halb Minu­ten vor dem fina­len Infer­no. Die kri­ti­schen Nukle­ar­wis­sen­schaft­ler sehen einen Infor­ma­ti­ons­krieg: »Es wird ver­sucht, die Men­schen so zu ver­wir­ren, dass sie nicht mehr in der Lage sind, Fak­ten von Falsch­in­for­ma­tio­nen zu unter­schei­den. Das ist beson­ders bedrohlich.«

Genau eine sol­che Ver­wir­rung ist regel­mä­ßig als Vor­stu­fe zu Krie­gen zu beob­ach­ten. Sie wird auch aktu­ell und das seit Jah­ren in den Tages­nach­rich­ten aus­ge­löst. Das ein­sei­ti­ge Bild der Nato-Pro­pa­gan­da trans­por­tiert das Nar­ra­tiv, sie sei der mili­tä­ri­sche Arm der Demo­kra­tie und der regel­ba­sier­ten Ord­nung gegen­über dem Feind im Osten. Die Nato, die Bun­des­re­gie­rung und die G 7-Staa­ten benut­zen in die­sem Zusam­men­hang den Begriff der »regel­ba­sier­ten inter­na­tio­na­len Ordnung«.

Unbe­leg­te, aber umso mas­si­ve­re Anschul­di­gun­gen vor allem gegen Russ­land und Chi­na len­ken davon ab, dass die Nato das­je­ni­ge Staa­ten­bünd­nis ist, von des­sen Gebiet nicht erst seit dem Ende des Kal­ten Krie­ges die mei­sten und die mas­siv­sten Völ­ker­rechts­ver­let­zun­gen aus­ge­gan­gen sind und ausgehen.

Mit die­ser Mani­pu­la­ti­on über­decken sie ihre Kriegs­vor­be­rei­tung: 2014 erklä­re die Nato-Stra­te­gie­schmie­de Joint Air Power Com­pe­tence Cent­re in ihrer Herbst­ta­gung »Future Vec­tor«, es sei anzu­zwei­feln, dass es zu kei­nem gro­ßen Krieg (major war) mehr in Euro­pa kom­men wer­de. Im Tagungs­ma­nu­skript wur­den Gebie­te an der rus­si­schen West­gren­ze als Aus­gangs­punkt aus­ge­macht. Die Stra­te­gen for­dern des­halb einen adäqua­ten (appro­pria­te) Mix nuklea­rer und kon­ven­tio­nel­ler Poten­tia­le. Die­se bau­en Nato und der mili­tä­ri­sche Sek­tor der EU seit­her syste­ma­tisch und pro­pa­gan­di­stisch auf und aus, so etwa die EU-Batt­le­groups für schnel­le Kampf­fä­hig­keit mit über 20 000 Sol­da­ten; die Nato schult par­al­lel bewaff­ne­te Ein­hei­ten unter ande­rem in Mam­mut­ma­nö­vern wie »Defen­der« und »Seab­ree­ze« unter Ein­be­zie­hung der Ukrai­ne sowie in Atom­kriegs­übun­gen wie »Cold Igloo« und »Stead­fast Noon«.

Dage­gen gibt es nicht den erfor­der­li­chen Wider­stand, unter ande­rem, weil die Bünd­nis­grü­ne Füh­rung und Pro­gram­ma­tik auf Nato-Kurs sind. Mit­te Janu­ar erklär­te der Bünd­nis­grü­ne Außen­po­li­ti­ker und dama­li­ge Aspi­rant auf den Par­tei­vor­sitz Omid Nou­ri­pour der Fun­ke Medi­en­grup­pe, es sei »von gro­ßer Bedeu­tung, eine Part­ner­schaft auf der Basis gemein­sa­mer Wer­te zu pflegen«.

Kurz zuvor hat­te Anna­le­na Baer­bock erklärt: »Je schwie­ri­ger die Zei­ten, desto wich­ti­ger sind star­ke Part­ner­schaf­ten – und als Euro­pä­er haben wir kei­nen stär­ke­ren Part­ner als die USA. (.…) Die Stär­ke der trans­at­lan­ti­schen Alli­anz misst sich dabei (…) in aller­er­ster Linie dar­in, dass wir an einem Strang zie­hen, wenn es dar­auf ankommt – also, wenn Grund­nor­men des Völ­ker­rechts zu ver­tei­di­gen sind.« Immer häu­fi­ger weicht die Nato vom Bezug auf das Völ­ker­recht ab – für die Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­merkt. Der Begriff von der regel­ba­sier­ten Ord­nung klingt so ähn­lich, er bie­tet aber genug Raum für Auf­wei­chun­gen des Rechts durch Abwei­chun­gen von der UNO-Charta.

Die Pro­pa­gan­da der Regel-basier­ten Poli­tik koexi­stiert mit dem ille­ga­len Gefan­ge­nen­la­ger der USA in Guan­ta­na­mo auf Kuba, des­sen Errich­tung sich im Janu­ar 2022 zum 20. Mal jähr­te. Regeln und die Men­schen­wür­de wer­den schon dadurch ver­letzt, dass dort Opfer jah­re­lang und ohne kon­kre­te Ankla­ge, ohne Urteil sowie ohne eine Idee von der Dau­er ihrer Pein psy­chisch und phy­sisch gefol­tert werden.

Die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen des US-Geheim­dien­stes CIA, die bei soge­nann­ten Ver­hö­ren zur Anwen­dung kom­men, nennt die US-Admi­ni­stra­ti­on ver­harm­lo­send »robust«, sie sind ein jahr­zehn­te­lang anhal­ten­der fla­gran­ter Bruch der Men­schen­rech­te, den die Bünd­nis­part­ner der USA gesche­hen las­sen und mit Pro­pa­gan­da-Begrif­fen ver­schlei­ern. In sei­ner Ver­öf­fent­li­chung »Com­pa­ny Man« hat der ehe­ma­li­ge CIA-Mit­ar­bei­ter John Riz­zo die ent­spre­chen­den kon­kre­ten Details – von Schlaf­ent­zug, Ent­blö­ßung des Kör­pers in soge­nann­ten robu­sten Ver­hö­ren mit allen mög­li­chen Gewalt­an­wen­dun­gen bis Water­boar­ding und Eis­bä­dern – bekannt gemacht.

Wer sol­che Ver­bre­chen pro­pa­gan­di­stisch ver­schlei­ert, ver­liert jede Glaub­wür­dig­keit beim Bezug auf Wer­te, Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te. Schlim­mer noch: Die Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te wird von der Nato als Legi­ti­ma­ti­on für krie­ge­ri­sches Han­deln miss­braucht, was Josef Fischer und Rudolf Schar­ping beim völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krieg gegen Jugo­sla­wi­en vor­mach­ten, als sie ihn mit der irre­füh­ren­den Losung »Nie mehr Ausch­witz!« begrün­de­ten. Den Kampf gegen Flücht­lin­ge an Außen­gren­zen von Staa­ten der soge­nann­ten Wer­te­ge­mein­schaft mit Push­backs und Lagern ohne Bewe­gungs­frei­heit nennt die US-Armee »bor­der manage­ment« (bor­der heißt Grenze).

Die gebets­müh­len­ar­ti­ge Infil­tra­ti­on der Gehir­ne der Men­schen erfolgt durch die ein­sei­ti­ge Bericht­erstat­tung über Pro­zes­se im Osten, unter Aus­blen­dung der Rechts­brü­che in und von Nato-Staa­ten, durch die Dar­stel­lung von Ver­dachts­mo­men­ten als Fak­ten bei Gift­an­schlä­gen, die Russ­land zuge­schrie­ben wer­den. Die Pro­pa­gan­da macht Ver­bre­chen ver­ges­sen, wie den erwie­se­nen Mord am Regie­rungs­kri­ti­ker Jamal Khashog­gi in der sau­di-ara­bi­schen Bot­schaft in der Tür­kei oder die Droh­nen­mor­de der USA in der Golf­re­gi­on – und nicht zuletzt das Schick­sal von Juli­an Assan­ge, der über Wiki­leaks Ver­bre­chen der US-Kriegs­füh­rung öffent­lich gemacht hat­te. Auch die west­li­che Unter­stüt­zung des Staats­streichs in Kiew Mona­te vor der Krim-Kri­se wird medi­al aus­ge­blen­det, wenn Russ­land als ein­zi­ger Ver­let­zer von Wer­ten hin­ge­stellt wird. Wie Sharon Squas­so­ni erklär­te, wird hier ver­sucht, die Men­schen so zu ver­wir­ren, dass sie die Pro­pa­gan­da der dop­pel­ten Stan­dards kri­tik­los hinnehmen.

Die Frie­dens- und die Öko­lo­gie-Bewe­gung sind gefor­dert, den Gefah­ren für die Zukunft ent­ge­gen­zu­tre­ten, die die­se heuch­le­ri­sche und Recht bre­chen­de Poli­tik bedeu­ten. Krie­ge begin­nen mit Pro­pa­gan­da, und sie enden nicht im Frieden.