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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dracula ist hier!

Eine Buka­re­ster Künst­le­rin, die Ich-Erzäh­le­rin des Romans, kehrt aus Paris zurück nach Rumä­ni­en, in die Wala­chei, nach B. Im Klap­pen­text ist das der »Feri­en­ort ihrer Kind­heit bei Trans­sil­va­ni­en«. Das ist unge­fähr so prä­zi­se, wie wenn man sag­te: Wolfs­burg liegt bei Sach­sen-Anhalt. Schaut man die Kapi­tel­über­schrif­ten an, in denen fol­gen­de Wör­ter domi­nie­ren: Tod, Angst, Gruft, gepfählt, Drang zum Tode, Pfäh­ler, Tote, Hin­rich­tung – dann kann es nicht lang dau­ern, und es erscheint Dra­cu­la! Die Ich-Erzäh­le­rin teilt mit: »Es husch­te an mir vor­bei, vom Dach her, eine Krea­tur. Men­schen­ähn­lich, die auf allen vie­ren die Haus­mau­er hin­un­ter­klet­ter­te, den Kopf nach unten, wie eine Eidech­se. Es war in Schwarz geklei­det, sodass ich unwei­ger­lich auf die wei­ßen Hän­de schau­te, lan­ge, blas­se Fin­ger, klau­en­haft verbogen.«

Der pro­mi­nen­te­ste aller Vam­pi­re hat sein histo­ri­sches Vor­bild bekannt­lich in dem wala­chi­schen Für­sten Vlad III. Dra­cu­la, der den Bei­na­men Ţepeş (Pfäh­ler) bekam, weil er die­se beson­ders grau­sa­me Hin­rich­tungs­me­tho­de (Aus­kunft erteilt das Inter­net, auch die Autorin geht durch­aus in medi­as res) schätz­te. Was Wun­der, dass in B. bald eine geschän­de­te Lei­che gefun­den wird, auf dem Grab, das für das Vlads gehal­ten wird. Aber man könn­te aus der Ver­mu­tung eine Tou­ri­sten­at­trak­ti­on machen, was auch gelingt. Denn Geld wäre im Ort will­kom­men, der sich zwar in den Ber­gen befin­det, mit dem es aber berg­ab geht. Inter­net- und Han­dy­emp­fang hat man nur auf einem Hügel außer­halb des Ortes, aber wenn man hat, dann kann man auf der News Site adevarul.ro (über­setzt: »Wahr­heit«) lesen: »Gepfählt in Trans­sil­va­ni­en. Ein myste­riö­ser Tod schafft es in die Weltpresse.«

Gepfählt wur­de ein jun­ger Mann. Dass die Ich-Erzäh­le­rin einst ein Tech­tel­mech­tel mit ihm hat­te, ver­steht sich; noch im Tode schürzt er ihr »die zer­fled­der­ten Lip­pen« wie zu einem Kuss ent­ge­gen. Wäh­rend die ero­ti­schen Sze­nen im Unter­schied zu vie­len ande­ren Wer­ken der rumä­ni­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur eher brav blei­ben, sind die Beschrei­bun­gen von Grau­sam­keit oft profund.

Was ist los im Orte?

Dass man sich der Gespen­ster der Ver­gan­gen­heit nicht so leicht ent­le­di­gen kann, ist eine Bin­sen­wahr­heit. In Rumä­ni­en scheint es aber beson­ders schwie­rig zu sein, denn es sind die kei­nes­falls neu­en rumä­ni­schen Pro­ble­me, die dem Ort zu schaf­fen machen: Kor­rup­ti­on, Betrug, Chau­vi­nis­mus, Deka­denz. Zwar hat die »bür­ger­li­che« Tan­te der Ich-Erzäh­le­rin die kom­mu­ni­sti­sche Dik­ta­tur Ceauşes­cus immer ver­lacht und höch­stens die all­ge­mei­ne Ver­lum­pung beklagt, aber ändern kann sie nichts dar­an, dass die alte Nomen­kla­tu­ra im post­kom­mu­ni­sti­schen Land wei­ter­hin schal­tet und wal­tet. Frei­hei­ten, die zu Ceauşes­cus Zei­ten undenk­bar waren, das Rei­sen etwa, ver­schär­fen die poli­ti­sche und sozia­le Malai­se. Denn vie­le der Ein­woh­ner von B. sind ins Aus­land gegan­gen, wo sie bes­ser ver­die­nen als zu Hau­se. Ent­völ­ke­rung ist die Fol­ge, der einst hoch­ge­mut begon­ne­ne Häu­ser­bau stagniert.

Und wie immer in sol­chen aus­weg­lo­sen Situa­tio­nen wird die Sehn­sucht nach dem star­ken Füh­rer, einem stren­gen, gerech­ten Rich­ter laut. Und da böte sich Vlad Ţepeş, der Pfäh­ler, an. »Ach, Pfäh­ler! Herr­scher! Kämst du doch!«, wird der Natio­nal­dich­ter Mihail Emi­nes­cu zitiert. Auch die Tan­te der Ich-Erzäh­le­rin ruft das aus, und es ist wohl auch das Bekennt­nis der Künst­le­rin. Wenig tröst­lich ist, dass »gepfählt wer­den« im moder­nen Rumä­nisch auch den Rein­fall bezeich­net, an dem man selbst Schuld hat.

Erschreckend sind die rumä­ni­schen Ver­hält­nis­se und der Ruf nach dem Pfäh­ler. Bis auf Platz 4 der »Besten­li­ste« des SWR (Mai 2021) ist der Roman gelangt. Mit der dor­ti­gen Bezeich­nung »schö­ne Schau­er­gro­tes­ke« aber wird man sei­nem Wert nicht ganz gerecht.

Dana Gri­go­r­cea: Die nicht ster­ben, Pen­gu­in Ver­lag, 272 Sei­ten, 22 .