Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Durchs Papier streifen

Der Autor Oskar Ansull legt eine papier­ne Ver(w)ortung sei­ner Papier­strei­fen vor, die er ab März 2020 unter dem Titel »Lese Z e i t« digi­tal kur­sie­ren ließ. Jetzt also – wie es das Wort schon sagt – »Papierstrei­fen« im tra­di­tio­nel­len Medi­um, einem Buch, gedruckt auf Papier.

Bücher wer­den geschrie­ben und gedruckt und gebun­den. Bei ihrer Pro­duk­ti­on ent­ste­hen Zu-, Ab-, Rein- und Un-Fäl­le, zum Bei­spiel blei­ben ganz mate­ri­ell Strei­fen von Papier übrig, die ande­rem Gebrauch zuge­führt wer­den kön­nen – durch­aus auch lite­ra­ri­schem. Davon zeugt das jetzt erschie­ne­ne Buch »Papier­strei­fen«, durch das eine Lese­rIn­nen­schaft strei­fen kann – und soll­te! Der Ver­fas­ser Oskar Ansull (der auch Rezi­ta­tor, Kul­tur­for­scher; Her­aus­ge­ber und gelern­ter Buch­händ­ler ist) hat sich »ver­zet­telt« (S. 229) und cha­rak­te­ri­siert sich beschei­dend als jemand, der »Dich­te­rei eher nach­läs­sig« (S. 230) betrie­ben habe und auch kei­ne Tage­bü­cher schrieb (S. 229). Er legt nun einen Mix, eine Viel­zahl von Tex­ten, ein »Blatt­werk« (S. 229) vor, das in sei­ner Sum­me sowohl bei­läu­fig als auch bedeut­sam ist. Der Autor streift kol­le­gi­al durch Papie­re auch ande­rer Autorin­nen und Autoren und hält eigen­sin­nig Ohren und Augen offen für Töne und Tönun­gen des All­tags­le­bens. Das »Neben­bei« ist Oskar Ansull nicht unwich­tig, notiert zu wer­den. Ganz im Ver­ständ­nis von »Zei­tung«; denn das mein­te einst so viel wie Nach­richt, Mit­tei­lung, Kun­de geben, Ereig­nis, bedeu­ten­de Neu­ig­keit, Vor­komm­nis, ja, viel­leicht auch hat die lite­ra­ri­sche Gat­tung »Novel­le« dar­in einen Ursprung.

So ent­steht nun im Buch des Autors und Kom­po­si­teurs Oskar Ansull ein gekonn­tes »Kun­ter­bunt«. Das Grimm­sche »Deut­sche Wör­ter­buch« lie­fert uns einen alten Vers zum Ver­ständ­nis des Wor­tes »Kun­ter­bunt«: »con­ter­bunt war dar­bi zwar, /​ lie­plich gieng es durch ein­an­der gar /​ ganz mit rech­ter kunst und art, /​ als do lert musi­ca die zart.« Und mei­ne Print-Aus­ga­be des »KLUGE. Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che« von 1999 weiß: »kun­ter­bunt (…) Her­kunft unklar; viel­leicht aus älte­rem kon­tra­bund ›viel­stim­mig‹ (…) Kon­tra­punkt (…) Neben­ein­an­der­füh­ren meh­re­rer Stimmen.«

Natür­lich hat die­ses Buch ein hilf­rei­ches Inhalts­ver­zeich­nis: Es glie­dert das viel­spra­chi­ge »Par­la­ment der Tex­te« in elf »Frak­tio­nen«, die sol­che Namen tra­gen: »Minia­tu­ren«, »Aus dem Dorf«, »Refle­xio­nen«, »Gott und die Welt«, »Men­schen­bil­der«, »Dich­ter & Den­ker«, »Grie­chi­sche Skiz­zen«, »Orte«, »Auf­lö­sung«, »Anfän­ge« – und vie­le, bun­te Text-Mit­glie­der tref­fen sich als Lek­tü­re-Ange­bo­te unter die­sen Namens-Schildern.

Eine krea­ti­ve Um-Gangs-Zu-Gangs-Emp­feh­lung: Der Autor ist ja unter ande­rem auch als Rezi­ta­tor aktiv. Davon zeu­gen eini­ge sei­ner Tex­te durch ihre anspre­chen­de Wirk­wei­se. Des­halb ein Vor­schlag an den Leser, die Lese­rin: Wer­den Sie mit-/co-pro­duk­tiv und lesen Sie (even­tu­ell halb-)laut das vom Autor Geschrie­be­ne (vor). Neh­men Sie es als eine Gabe; gön­nen Sie dem bedruck­ten Papier und sich einen aku­sti­schen Gestalt­wan­del. Etwa mit S. 74 und der Fra­ge: »Was nun, Rim­baud? (…) NUN, ICHWÄREGERN ein Ande­rer gewor­den, nicht, wie Rim­baud sagt, der Ande­re, der ich bin, seit ich nicht mehr ich bin oder (im Gegen­teil) seit ich erst ich bin, was ja ohne­hin kein ganz kla­rer Zustand ist. Wer bin ich schon, wer ist nun wirk­lich wer? Aber der, der ich dann wur­de, das war es – der war ich auch nicht. Ver­wirr­te Jugend eines Sieb­zehn­jäh­ri­gen. Wie gesagt, ich wäre schon gern ein Ande­rer gewor­den, aber die­se Posi­ti­on war ent­we­der schon besetzt von einem Ande­ren, oder ich war es viel­leicht bei genau­em Hin­se­hen bereits, ohne es zu wis­sen. Spä­ter soll­te es noch viel ver­wickel­ter werden.«

Oskar Ansull belegt mit sei­nem Buch das pris­ma­ti­sche Ver­mö­gen von Literatur/​Dichtung auf der Flä­che von Papier. Vie­le, ver­schie­de­ne, unter­schied­li­che Blick­rich­tun­gen sind mög­lich; ver­wun­der­li­che Ein­zel­hei­ten tre­ten – auch apho­ri­stisch, ane©kdotisch – zuta­ge in einem »samt und son­ders«, einem »Gesamt und Beson­ders«. Zivi­le, poe­ti­sche Streif­zü­ge durch und mit­tels »Papier­strei­fen« ermög­li­chen Wel­ter­gän­zung – nicht zuletzt unter sol­chem Mot­to: »Ich ging im Buche so für mich hin …«

 

Oskar Ansull, Papier­strei­fen, Wehr­hahn Ver­lag 2020, 240 Sei­ten (Hard­co­ver), 2. Auf­la­ge 2021 (Klapp­bro­schur), 22 €