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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein literarisches Mammutwerk

Vor 150 Jah­ren war Frank­reich nach der mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge im deutsch-fran­zö­si­schen Krieg von 1870/​71 und der gewalt­sa­men Nie­der­schla­gung der Pari­ser Kom­mu­ne bis ins Mark erschüt­tert. In die­sen beweg­ten Mona­ten, im Som­mer 1871, ver­öf­fent­lich­te der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Émi­le Zola (1840-1902) mit »Das Glück der Fami­lie Rou­gon« den ersten Band sei­nes monu­men­ta­len zwan­zig­bän­di­gen Zyklus »Die Rou­gon-Mac­quart – Natur- und Sozi­al­ge­schich­te einer Fami­lie unter dem zwei­ten Kai­ser­reich«. In sei­nem Vor­wort, das mit »Paris, am 1. Juli 1871« datiert ist, erläu­ter­te er sein Vor­ha­ben: »mit den per­sön­li­chen Dra­men der Fami­lie Rou­gon-Mac­quart die Geschich­te des Zwei­ten Kai­ser­reichs, von der Hin­ter­häl­tig­keit des Staats­streichs Napo­le­on Bona­par­tes bis zum Ver­rat von Sedan« zu schil­dern. Als der Auf­takt­ro­man erschien, war das Kai­ser­reich jedoch schon Geschich­te. Bis 1893 ließ der unge­heu­er dis­zi­pli­niert arbei­ten­de Zola im Jah­res­takt die wei­te­ren Roma­ne die­ses prä­zi­sen Sit­ten­bil­des der fran­zö­si­schen Gesell­schaft in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts fol­gen. Neben­her arbei­te­te der poli­ti­sche Zola auch noch für Tageszeitungen.

Über drei Jah­re hat­te Zola Doku­men­te und Mate­ri­al zu dem ehr­gei­zi­gen Groß­pro­jekt gesam­melt. In sei­nem bereits 1869 auf­ge­stell­ten Plan, den Zola sei­nem Ver­le­ger Albert Lacroix vor­leg­te, hat­te er den Zyklus zunächst auf zehn Roma­ne kon­zi­piert und bereits den Stamm­baum der Fami­li­en­zwei­ge fest­ge­legt. Auch wenn der Schau­platz der han­deln­den Per­so­nen und ihr Auf­tre­ten im Ein­zel­nen noch nicht fest­ge­legt waren, hat­te Zola hier bereits ihre Lebens­da­ten und Cha­rak­te­ri­sti­ken fixiert. Zola, medi­zi­nisch-natur­wis­sen­schaft­lich inter­es­siert, war außer­dem bestrebt, die Arbeits­me­tho­de des Roman­schrift­stel­lers einer natur­wis­sen­schaft­li­chen anzu­glei­chen. »Gelei­tet von phy­sio­lo­gi­schen Ent­deckun­gen« woll­te er »in einer Fami­lie die Fra­gen der Ver­an­la­gung und des Milieus stu­die­ren«. Als ein Haupt­ver­tre­ter des lite­ra­ri­schen Natu­ra­lis­mus ver­folg­te Zola das Ziel, neue­ste natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se – wie die Ver­er­bungs­leh­re oder die Milieu­theo­rie – in sein Werk ein­flie­ßen zu las­sen. So gibt es trotz aller Anstren­gun­gen für sei­ne Figu­ren kein Ent­rin­nen aus ihrem sozia­len Milieu oder ihrer erb­li­chen Ver­an­la­gung. Bei der wei­te­ren Aus­füh­rung sei­nes Pro­jek­tes rück­te Zola jedoch immer wei­ter von den pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Vor­ga­ben ab, statt­des­sen tra­ten sozi­al­kri­ti­sche Aspek­te stär­ker in den Vor­der­grund. Die Wirk­lich­keit setz­te sich durch, und die spä­te­ren Roma­ne – wie »Der Tot­schlä­ger« (1877), »Ger­mi­nal« (1885) oder »Die Erde« (1887) – wur­den umso rea­li­sti­scher und künst­le­risch wirk­sa­mer. Die in die­sen Roma­nen dar­ge­stell­ten Ver­hält­nis­se ent­spre­chen daher auch mehr den aktu­el­len Umstän­den als der Peri­ode Napo­le­ons III., in der die Roma­ne eigent­lich ange­sie­delt sind.

Über meh­re­re Gene­ra­tio­nen ver­folg­te Zola das Schick­sal der Fami­li­en Rou­gon und Mac­quart, was ihm ermög­lich­te, ein breit­ge­fä­cher­tes Pan­ora­ma der ver­schie­den­sten Schich­ten und Berufs­grup­pen zu ent­wer­fen. Alle Schich­ten der Gesell­schaft sind ver­tre­ten: Napo­leo­ni­sten und Repu­bli­ka­ner, Adel, Bür­ger­tum und Kle­rus. Kaum ein Beruf oder ein Milieu blei­ben unbe­rück­sich­tigt – vom Mini­ster bis zum Fisch­händ­ler, von der Wasch­frau bis zur Pro­sti­tu­ier­ten. Zola recher­chier­te fast jour­na­li­stisch vor Ort: in den Koh­le­re­vie­ren und in Lour­des, in den Bor­del­len und an der Bör­se, in Miets­ka­ser­nen oder im Kauf­haus, was ihm den Bei­na­men »lite­ra­ri­scher Inge­nieur« ein­brach­te. Er ent­führ­te sei­ne Leser­schaft in dröh­nen­de Werk­hal­len, Bahn­hö­fe, Dockanlagen,
Thea­ter, Kauf- und Kran­ken­häu­ser, in die moder­nen Zweck­bau­ten aus Stahl und Glas. Die­ser doku­men­ta­ri­sche Cha­rak­ter sei­ner Roma­ne, in die Zola aber auch ohne Beden­ken Melo­dra­ma­ti­sches, Pathos oder Kitsch ein­bau­te, ist ein wesent­li­cher Bestand­teil sei­ner Kunst.

Der Auf­takt­ro­man »Das Glück der Fami­lie Rou­gon« basiert zum Teil auf wah­ren Bege­ben­hei­ten. Beschrie­ben wer­den die Ereig­nis­se um den Staats­streich Napo­le­ons III., Sohn von Lou­is Bona­par­te und Abgott der klei­nen Bür­ger, im Dezem­ber 1851 in der Klein­stadt Plass­ans in Süd­frank­reich. Mit der Auf­lö­sung der Natio­nal­ver­samm­lung und der Ver­haf­tung poli­ti­scher Geg­ner setzt er der Repu­blik ein Ende; die Wie­der­errich­tung des Kai­ser­reichs ein Jahr spä­ter wird danach nur noch eine Form­sa­che sein. Außer­dem gibt Zola hier einen detail­lier­ten Über­blick zur Her­kunft und Vor­ge­schich­te der Fami­lie Rou­gon. Der Roman ist gewis­ser­ma­ßen die Keim­zel­le des Zyklus, denn ein Groß­teil der Fami­li­en­mit­glie­der, die in den spä­te­ren Roma­nen agie­ren, wird hier vor­ge­stellt. Kunst­voll wie in kei­nem ande­ren Roman hat Zola in »Das Glück der Fami­lie Rou­gon« die mensch­li­chen Schick­sa­le und die histo­ri­schen Ereig­nis­se mit­ein­an­der ver­wo­ben. Das Pro­vinz­städt­chen Plass­ans wird zu einem Brenn­spie­gel, in dem die Geschicke der Nati­on und einer Fami­lie verschmelzen.

Die Ein­zel­ro­ma­ne des Zyklus erreich­ten durch­weg Rekord­auf­la­gen. Beson­ders erfolg­reich war der 19. Band »Der Zusam­men­bruch« (1892), in dem sich Zola mit dem Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg und dem poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Zusam­men­bruch des Zwei­ten Kai­ser­reichs auseinandersetzte.

Mit sei­nem ehr­gei­zi­gen »Rougon-Macquart«-Projekt schaff­te es Zola, zum bedeu­tend­sten fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler sei­ner Gene­ra­ti­on und zur zen­tra­len Figur des euro­päi­schen Natu­ra­lis­mus zu avan­cie­ren. Erfüllt vom Geist eines fort­schritt­lich-huma­ni­tä­ren Sozi­al­re­for­mers beein­fluss­te er die nach­fol­gen­den Schrift­steller­ge­nera­tio­nen. Obwohl in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren die Lite­ra­tur des Sym­bo­lis­mus und der Deka­denz mit ihrem »anti­na­tu­ra­li­sti­schen« Cha­rak­ter die Ober­hand gewann, tra­ten Hen­rik Ibsen, August Strind­berg, Ger­hart Haupt­mann oder Maxim Gor­ki in sei­ne Fuß­stap­fen. Doch Zola hat nicht nur das sozia­le Gewis­sen sei­ner Zeit wach­ge­ru­fen, auch nach 150 Jah­ren ist der Ruf nach Gerech­tig­keit immer noch untrenn­bar mit sei­nem Werk verbunden.

Die erste deut­sche Gesamt­aus­ga­be von Zolas »Rougon-Macquart«-Romanzyklus wur­de von der bekann­ten Roma­ni­stin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Rita Scho­ber (1918-2012) im Ost-Ber­li­ner Ver­lag Rüt­ten & Loe­ning von 1952 bis 1976 meist in Neu­über­set­zun­gen her­aus­ge­ge­ben. Jeder Band war zudem mit einem umfang­rei­chen Nach­wort der Zola-Spe­zia­li­stin ver­se­hen. Bis heu­te ist die Aus­ga­be ein Klassiker.