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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Scheinleben mit Ritualen

Hans Ticha, der 1990 aus dem Prenz­lau­er Berg in Ber­lin nach Mainz und drei Jah­re spä­ter nach Main­tal-Hoch­stadt bei Hanau über­ge­sie­delt ist, hat als Buch­ge­stal­ter und Illu­stra­tor in mehr als 30 Jah­ren über 90 Bücher aus­ge­stat­tet und dafür vie­le Prei­se erhal­ten. Der Gale­rist Johan­nes Ziel­ke betreut seit mehr als 10 Jah­ren sein bild­ne­ri­sches Werk und zeigt jetzt Arbei­ten in unter­schied­li­chen Tech­ni­ken: Blei­stift, Farb­stift, Aqua­rel­le und Zeich­nun­gen, auch Misch­tech­ni­ken aus den 1970er bis 1990er Jah­ren, meist Vor­ar­bei­ten für grö­ße­re Gemäl­de. Was an Tichas Arbei­ten auf­fällt, das ist ihre pro­vo­kant pla­ka­ti­ve Far­big­keit, die sich meist auf die Grund­far­ben Rot, Gelb und Blau beschränkt, die Domi­nanz run­der, norm­ge­rech­ter For­men und geo­me­tri­scher Figu­ren, gesichts­lo­ser Mario­net­ten mit varia­blen Gerüst­struk­tu­ren und sym­bo­li­schen Ver­satz­stücken, die Dis­kre­panz von klei­nen Köp­fen und gro­ßen Kör­pern bezie­hungs­wei­se rie­si­gen Hän­den. Buch­sta­ben wer­den zei­chen­ar­tig in die Kom­po­si­ti­on ein­ge­fügt, auch Ele­men­tar­for­men wie Kreis, Drei­eck und Vier­eck. So ent­steht ein Schein­le­ben mit lau­ter Ritualen.

Seit 1976 hat­te Ticha die Nach­rich­ten der Aktu­el­len Kame­ra auf­merk­sam ver­folgt und Zei­tungs­fo­tos gesam­melt: Fah­nen­über­ga­ben, Ordens­ver­lei­hun­gen, das Aus­tau­schen von Bru­der­küs­sen, Fähn­chen­schwen­ken, Bei­falls­kund­ge­bun­gen, Vor­bei­mär­sche von Marsch­blocks vor Tri­bü­nen mit hohen Par­tei- und Staats­funk­tio­nä­ren, Par­tei­ta­ge mit brau­sen­den Hoch­ru­fen, Appel­le, Mili­tär­pa­ra­den, Spiel­manns­zü­ge, Staats­emp­fän­ge. Und die dien­ten ihm dann als Vor­la­ge für sei­ne eige­nen Bil­der: »Klat­scher«, »Klat­schen­der Bauch«, »Fröh­li­che Jugend«, »Gro­ßer Staats­be­such«, »Repu­blik­ge­burts­tag«, »Brau­sen­de Hoch­ru­fe«, »Er weiß, wor­auf es ankommt«, »Orden an die Trup­pen­fah­ne«, aber auch das Sport­mon­ster, das Sie­gen um jeden Preis, der zum Poli­ti­kum hoch­ge­trimm­te Lei­stungs­sport, das Zäh­ne­put­zen als Aus­druck gym­na­sti­schen Kör­per­kul­tes – alles unter Kon­trol­le. Die­se heim­lich gemal­ten Bil­der stan­den »mit dem Gesicht zur Wand« hin­ter sei­ner ver­schlos­se­nen Ate­lier­tür am Prenz­lau­er Berg und konn­ten erst nach dem Ende der DDR gezeigt werden.

Ticha hat Anre­gun­gen von Fer­nand Léger, den Bau­haus­ma­lern, den rus­si­schen Kon­struk­ti­vi­sten und dann auch von Pop-Art erhal­ten. Légers Wer­ke waren geprägt von Rot-, Blau- und Gelb­tö­nen, die sich zu For­men und Gesich­tern zusam­men­füg­ten oder auf­lö­sten, Sym­bo­le einer mecha­ni­sier­ten, aus ste­reo­me­tri­schen Ele­men­ten bestehen­den Welt. Die tän­ze­risch beweg­ten Figu­ri­nen Tichas las­sen an die Tanz­pup­pen aus Oskar Schlem­mers »Tria­di­schem Bal­lett« den­ken, einen Rei­gen pla­sti­scher far­bi­ger Kostüm­ge­bil­de, die zu abstrak­ten Kunst­fi­gu­ren sti­li­siert sind. Aber auch die supre­ma­ti­sti­schen Andro­iden von Kasi­mir Male­witsch dürf­ten eine Rol­le gespielt haben. Zwar über­nahm Ticha die Stil­rich­tung der Pop-Art, pass­te die The­men aber an sei­ne Rea­li­tät in der DDR an: »Das domi­nie­ren­de Motiv der ame­ri­ka­ni­schen Pop-Art war der Mas­sen­kon­sum, das war in der DDR gar kein The­ma. Ich habe die Pro­pa­gan­da der DDR als Motiv genom­men, so wie sich die DDR dar­ge­stellt hat. Das war mein The­ma, das ich bis zum Ende ver­folgt habe.« Aus dem pro­pa­gan­di­sti­schen Begriff Agit-Prop wur­de Agit-Pop, eine Stil­rich­tung, wie ihn Künst­ler wie Ticha mit ihren iro­nisch-kri­ti­schen Wer­ken geprägt haben. Anders als in der ame­ri­ka­ni­schen Pop-Kunst ist der ost- und west­deut­schen Spiel­art gemein­sam, dass hin­ter dem All­tag Abgrün­de lauern.

Der Künst­ler ist zum Mon­teur gewor­den, der Auto­ma­ten, Glie­der­pup­pen, Robo­ter­kör­per her­stellt, das gesell­schaft­li­che Gefü­ge erscheint als eine leer­lau­fen­de Maschi­ne, die den Men­schen gleich­schal­tet, ihn sei­ner Iden­ti­tät und Sub­jek­ti­vi­tät beraubt. Ein Sinn­bild für mensch­li­che Bezie­hun­gen, die rei­bungs­los wie ein Uhr­werk funk­tio­nie­ren, alle Lei­den­schaft ver­äu­ßer­licht haben, in Ritua­len ver­kom­men sind. Mit ihren sich durch­drin­gen­den Ebe­nen und den genau­en, sach­li­chen Raum­kör­pern sind sie mehr um eine dyna­mi­sche Dia­go­na­le kon­stru­iert als um die pas­si­ve Hori­zon­ta­le oder auto­ri­tä­re Ver­ti­ka­le, sie sol­len sozu­sa­gen »Umstei­ge­sta­tio­nen« von der Zeich­nung zum Gemäl­de, zur Pla­stik und zur Archi­tek­tur sein.

»Ball­spie­ler« (1976): Rhyth­misch beweg­te Kör­per – Arme, Hän­de, Bei­ne, Füße wir­beln durch­ein­an­der. Ein Trab­ren­nen mit einer Glie­der­pup­pe als Pferd mit Kugel­ge­len­ken und einer Mensch-ärge­re-dich-nicht-Figur (Spiel­fi­gur) als Jockey im Sie­ger­kranz mit den flat­tern­den Schlei­fen – anders­wo ist die unnach­ahm­li­che Hand­be­we­gung des Sie­gers ange­fügt –, der aber nur den zwei­ten Platz bedeu­tet (»Platz, Sieg, R«, 1974). Ein Rund­kör­per mit klei­nem Kopf und rie­si­gen Hän­den, die sich im rhyth­mi­schen Klat­schen bewe­gen (»Klat­scher auf oran­ge­far­be­nem Grund«, 1982/​91). »Die kah­le Sän­ge­rin«, nach dem Anti-Stück von Eugè­ne Iones­co, in der sinn­lo­ses Gere­de die Bana­li­tät und Ober­fläch­lich­keit des Lebens über­spie­len soll, wird als plap­pern­de Mario­net­te vorgeführt.

Ticha setzt sich auch mit den Erschei­nungs­for­men im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land – den Wer­be­kam­pa­gnen, Mani­pu­lie­rungs­prak­ti­ken der Poli­tik und Mas­sen­me­di­en – aus­ein­an­der. So wird ein ampu­tier­ter Frau­en­kör­per zum Schnäpp­chen­preis ange­bo­ten (»Ab 20,90«, 2001).

Man mag Tichas Arbei­ten nun als Bild­pa­ra­beln schät­zen oder als »Gebrauchs­kunst« gering­schät­zen, in jedem Fall pro­vo­zie­ren sie, man geht nicht an ihnen vor­bei. Sie set­zen ein­dring­li­che Zei­chen, die man nicht mehr vergisst.

Klaus Ham­mer

Hans Ticha – Male­rei Zeich­nung. Gale­rie LÄKEMÄKER Johan­nes Ziel­ke, Ber­lin, Prenz­lau­er Berg, Schwed­ter Str. 17, Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr, bis 9. April 2022. Kata­log (Eigen­ver­lag der Gale­rie) 25 €.