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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Schloss der Republik

Als »se dem Wil­lem dem Doo­fen, dem Ober­ja­no­ven, de Kro­ne jeklaut ham«, wie es in einem viel­ge­sun­ge­nen anony­men Spott­lied und Gas­sen­hau­er aus dem Jahr 1918 heißt, und als der Kai­ser vom deut­schen Haupt­quar­tier im bel­gi­schen Spa ins Exil in die Nie­der­lan­de ent­wi­chen war, aus dem er nicht mehr wie­der­kehr­te, da geriet sein trau­tes Heim in Ber­lin in aku­te Gefahr.

Über 400 Jah­re hat­ten die Hohen­zol­lern in dem Schloss in der histo­ri­schen Mit­te Ber­lins resi­diert. Jetzt war mit ihrer Herr­schaft Schluss. Am 9. Novem­ber 1918 öff­ne­te sich das Haupt­por­tal, und ein Auto­mo­bil, auf des­sen Ober­deck Karl Lieb­knecht, der Anfüh­rer des Spar­ta­kus­bun­des, stand, schob sich in den Innen­hof. Kur­ze Zeit spä­ter rief Lieb­knecht vom Bal­kon des Schlos­ses her­ab die Repu­blik aus, zwei Stun­den nach dem Sozi­al­de­mo­kra­ten Phil­ipp Schei­de­mann, der von einem Fen­ster des Reichs­tags aus die Repu­blik ver­kün­det hatte.

Revo­lu­tio­nä­re im Schloss, revo­lu­tio­nä­re Mas­sen ad por­tas: Die Gefahr lag auf der Hand, dass es zu Plün­de­run­gen und Sach­be­schä­di­gun­gen kom­men könn­te, was ja auch teil­wei­se geschah. Dass aber das Schloss jene Tage des Umbruchs rela­tiv unbe­scha­det über­stand, ist vor allem Karl Lieb­knecht zu ver­dan­ken: Er ernann­te schon am 9. Novem­ber den bis­he­ri­gen Hohen­zol­lern­sitz zum Volks­ei­gen­tum und stell­te ihn unter den Schutz des Ber­li­ner Arbei­ter- und Soldatenrates.

Chri­sti­an Walt­her, Diplom-Poli­to­lo­ge und Jour­na­list, der an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin Publi­zi­stik lehrt, beschreibt den nun fol­gen­den Funk­ti­ons­wan­del so: »Die Zofen zogen aus, Kul­tur und Wis­sen­schaft zogen ein: Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, Muse­um für Lei­bes­übun­gen, Deut­scher Aka­de­mi­scher Aus­tausch­dienst, Kai­ser-Wil­helm-Gesell­schaft (heu­te Max-Planck-Gesell­schaft) – sie alle hat­ten ihren Sitz im Schloss. Und mit ihnen tauch­te ein neu­er Typus Frau auf: zumeist Aka­de­mi­ke­rin­nen der ersten Genera­ti­on, deren Müt­ter noch nicht stu­die­ren durf­ten, und die als Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Muse­ums­di­rek­to­rin­nen und Poli­ti­ke­rin­nen für die zag­haf­ten Anfän­ge beruf­li­cher Chan­cen­gleich­heit stan­den, oft jüdisch, nicht sel­ten aus dem Ausland.«

Über das Ber­li­ner Schloss ist in jüng­ster Zeit aus Anlass des umstrit­te­nen Auf­baus und sei­ner Auf­er­ste­hung als Hum­boldt-Forum im Juli 2021 unter histo­ri­schen, künst­le­ri­schen, archi­tek­to­ni­schen, ideo­lo­gie­kri­ti­schen und gesell­schafts­theo­re­ti­schen Aspek­ten viel geschrie­ben wor­den, kri­tisch auch von Ossietzky-Her­aus­ge­ber Otto Köh­ler (jun­ge Welt, 24. Juli 2021: »Wo der Deut­sche ger­ne hin­geht«). Walt­her dage­gen legt in sei­nem in die­sem Som­mer erschie­ne­nen Buch »Des Kai­sers Nach­mie­ter. Das Ber­li­ner Schloss zwi­schen Revo­lu­ti­on und Abriss« den Schwer­punkt auf die wenig bekann­te nach-kai­ser­li­che Ära des Schlos­ses. Und erin­nert damit dar­an, was der Bau »seit der Revo­lu­ti­on wirk­lich gewe­sen ist: das Schloss der Republik«.

Über 90 Sei­ten wid­met Walt­her der Zeit zwi­schen 1918 und 1933, nur sechs den Jah­ren zwi­schen 1933 und 1945. In einem Inter­view mit der taz (»Es war Volks­ei­gen­tum«, 17. Juli 2021) sag­te er zur Begrün­dung, das Schloss habe in der NS-Zeit »gemes­sen an der Grö­ße des Bau­kör­pers und der zen­tra­len Lage in der Stadt eine erstaun­lich neben­säch­li­che Rol­le gespielt«. Es sei­en auch kei­ne gro­ßen Nazi-Insti­tu­tio­nen ein­ge­zo­gen. Die Natio­nal­so­zia­li­sten hät­ten eher das Alte Muse­um »als Bezugs­punkt ihrer Mas­sen­in­sze­nie­run­gen genom­men, das mit sei­ner grie­chi­schen anti­ken Ästhe­tik viel bes­ser zur Nazi-Ästhe­tik pass­te als das barocke Schloss«.

Iro­nie der Geschich­te: Hat­te 1918 ein Lieb­knecht das Schloss vor maro­die­ren­den Grup­pen geret­tet, war 1950 in der DDR ein Lieb­knecht beim Abriss vor­ne­weg dabei: der Archi­tekt und Stadt­pla­ner Kurt Lieb­knecht, ein Nef­fe von Karl Lieb­knecht. Laut Walt­her spricht jedoch vie­les dafür, dass er spä­ter sei­nen Ent­schluss bereu­te. Die Spren­gung erfolg­te im Dien­ste der rei­nen Lee­re: An der Stel­le des Schlos­ses wur­de unter Ein­be­zie­hung des histo­ri­schen Lust­gar­tens der Marx-Engels-Platz ange­legt, als zen­tra­ler Ort für Kund­ge­bun­gen und Mani­fe­sta­tio­nen in der Haupt­stadt der DDR.

Walt­hers Buch punk­tet auch mit einer Viel­zahl von histo­ri­schen Fotos. Ein Extra­ka­pi­tel gehört der Foto­gra­fin und Kom­mu­ni­stin Eva Kem­lein, »eine der bekann­te­sten Bild­chro­ni­stin­nen der zer­stör­ten, sich dem Wie­der­auf­bau zuwen­den­den Stadt«. Sie hat­te in den letz­ten zwölf Mona­ten vor dem Abriss »eine spe­zi­el­le Auf­ga­be: Sie soll­te das Schloss kom­plett und maßstab­ge­treu mit Spe­zi­al­ka­me­ras doku­men­tie­ren. Gewis­ser­ma­ßen für die Ewig­keit.« Walt­her recher­chier­te: Eva Kem­leins Fotos, auch jene vom Schloss, exi­stie­ren noch.

Ein ver­dienst­vol­les Buch, das Fra­gen stellt, die so mei­nes Wis­sens noch nie­mand gestellt hat und das eine Lücke in der Geschichts­schrei­bung schließt, indem das histo­ri­sche Gebäu­de ins repu­bli­ka­ni­sche Gedächt­nis heim­ge­holt wird.

Chri­sti­an Walt­her: Des Kai­sers Nach­mie­ter. Das Ber­li­ner Schloss zwi­schen Revo­lu­ti­on und Abriss, Ver­lag für Ber­lin-Bran­den­burg, Ber­lin 2021, 184 S., 25 . – Das Lied »Wem ham­se de Kro­ne jeklaut« ist u. a. auf der LP »Lie­der­buch« der Musik­grup­pe Lie­der­jan aus dem Jah­re 1979 zu finden.