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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eine andere Justiz ist notwendig

Am 15.02.1909, vor mehr als 135 Jah­ren erschien in Die Fackel (Dop­pel­num­mer 272/​273 vom 15.02.1909), her­aus­ge­ge­ben von Karl Kraus, der mei­ne arm­se­li­ge Sprech­Schreibs­tel­le­rei nun schon Jahr­zehn­te beglei­tet, der Text »Das Ehren­kreuz«. Karl Kraus der vie­le Lesun­gen, auch in Ber­lin, gehal­ten hat, ist mit die­sem Text als O-Ton zu hören. Kei­ne 300 haben das bis­her getan, bei You­Tube.

Der Text die­ser Gerichts­re­por­ta­ge aus dem Jah­re 1909 endet so: »Gibt aber ein Gast einem Mäd­chen statt zwan­zig Kro­nen ein Ehren­kreuz, so darf sie das Ehren­kreuz nicht tra­gen, oder muss die zwan­zig Kro­nen dem Gericht geben. Denn die Justiz ist eine Hure, die sich nicht blit­zen lässt und selbst von der Armut den Schand­lohn ein­hebt!« In der kom­plett digi­ta­li­sier­ten Fackel las­sen sich noch wei­te­re Tex­te von Karl Kraus lesen, die sich, in her­aus­ra­gen­dem Stil, kri­tisch mit der Justiz und ihrer oft nicht aus­ge­üb­ten Pflicht, Recht von Unrecht zu unter­schei­den, auseinandersetzen.

Sich mit die­sen Tex­ten zu beschäf­ti­gen, lohnt sich schon des­we­gen, weil es jetzt dar­um geht, ein Buch hin­zu­wei­sen, das unbe­dingt eine wei­te Ver­brei­tung fin­den soll­te, damit die Justiz kei­ne Hure bleibt. In einer sich »libe­ral« nen­nen­den Tages­zei­tung aus Öster­reich heißt es zu die­sem Buch: »Ein Rich­ter will die Lin­ke aus dem Schlaf rüt­teln!« Gäbe es im Land der Buren­wurst oder im Land der Cur­ry­wurst eine schla­fen­de Lin­ke, na gut, das Buch wäre sicher sogar mehr als ein Wecker. Aber bis auf die zweit­größ­te Stadt Öster­reichs, Graz, fin­det man kaum schla­fen­de oder nicht­schla­fen­de Lin­ke, und in Deutsch­land kriecht die­se schla­fend einer Sozi­al­de­mo­kra­tie in den Arsch, dass Bebel im Grab ran­da­lie­ren müsste.

Der, der der »Wecker« der Lin­ken sein soll, heißt Oli­ver Schei­ber und hat das Buch »MUT zum RECHT« geschrie­ben. Oli­ver Schei­ber ist im Wie­ner Gemein­de­be­zirk Meid­ling Bezirks­ge­richts­vor­ste­her. Zwei Jah­re war er in Brüs­sel Bera­ter der Ver­tre­tung Öster­reichs in Justiz­fra­gen, und er ist Exper­te für den Euro­pa­rat und die EU in Fra­gen der Justiz.

»Ich arbei­te seit 25 Jah­ren für die Justiz. Seit mehr als zwan­zig Jah­ren bin ich Rich­ter. Wenn ich gesund blei­be, tre­te ich nun ins letz­te Drit­tel mei­nes Erwerbs­le­bens. Rech­ne ich die Zahl der bis­her von mir geführ­ten Ver­fah­ren hoch, wer­den bei mei­ner Pen­sio­nie­rung rund 15.000 Ange­klag­te auf mich als Rich­ter getrof­fen sein.« Das steht in der per­sön­li­chen Ein­füh­rung am Anfang des Buches. Wer nun befürch­tet, eine jener sprach­li­chen Furz­trocken­hei­ten zu lesen, die meist »Juri­sten­deutsch« genannt, sieht sich getäuscht. Oli­ver Schei­ber ist einer jener Rich­ter, die Rudolf Was­ser­mann (Prä­si­dent des Ober­lan­des­ge­richts Braun­schweig) wie folgt beschreibt: »Rich­ter sind Men­schen und Bür­ger, die ihre Geschich­te, ihre Ansich­ten und Bin­dun­gen haben. Wenn es aber einen mei­nungs­lo­sen Rich­ter nicht geben kann, so liegt es im Inter­es­se des rechts­su­chen­den Bür­gers wie der Justiz, wenn Prä­fe­ren­zen nicht ver­bor­gen, son­dern offen zum Aus­druck gebracht werden.«

Es war im Jah­re 1964 in Wien, und im Thea­ter am Kärnt­ner­tor trat Her­wig See­böck auf mit sei­ner »Häfen­ele­gie« (Gefäng­nis­ele­gie): Er hat­te für eine Aus­ein­an­der­set­zung (a bsoff­ne Gschicht) mit Wie­ner Poli­zi­sten, nor­ma­ler­wei­se von der Justiz mit Geld­stra­fen geahn­det, vier­ein­halb Mona­te schwe­ren Ker­ker auf­ge­brummt bekom­men. In mehr als einer Stun­de klopf­te See­böck die Justiz samt Straf­voll­zug in die Ton­ne. Bei You­Tube kann Leserin/​Leser die­ses Stück anschau­en. Es ist loh­nen­de bös­sa­ti­ri­sche und auf­klä­re­ri­sche Beglei­tung zu einer rea­len Justiz, die heu­te noch in Deutsch­land und Öster­reich fröh­li­che Umtrie­be fei­ert – und die Not­wen­dig­keit des Buches von Oli­ver Schei­ber, das die Erneue­rung der Justiz for­dert, deut­lich wer­den lässt.

In 10 Kapi­teln mit jeweils dazu­ge­hö­ri­ger The­se, also 10 The­sen, ist die­ses Buch nicht nur not­wen­di­ge Lek­tü­re für die Juri­ste­rei Stu­die­ren­de, son­dern auch für all jene, die für eine schon längst not­wen­di­ge Justiz­re­form mit euro­päi­scher Per­spek­ti­ve eintreten.

Eini­ge Bei­spie­le. The­se 2: Die Justiz muss raus aus dem Elfen­bein­turm. The­se 4: Es ist wich­tig, ein Zei­chen in Hin­blick auf die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu set­zen. The­se 5: Das Straf­recht ver­fehlt heu­te sei­ne gesell­schaft­li­che Bestim­mung. The­se 7: Die Bevöl­ke­rung ver­steht die Spra­che der Justiz nicht – also muss die Justiz anders kom­mu­ni­zie­ren. The­se 8: Zwi­schen Poli­zei, Staats­an­walt­schaft und Gericht braucht es mehr Abgren­zung und eine effi­zi­en­te­re wech­sel­sei­ti­ge Kon­trol­le. The­se 10: Um den berech­tig­ten Erwar­tun­gen der Bevöl­ke­rung zu ent­spre­chen, muss die Justiz eine völ­li­ge Ände­rung ihrer Unter­neh­mens- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur anstreben.

Die­se The­sen wer­den in den ein­zel­nen Kapi­teln des Buches aus­führ­lich begrün­det. Der Autor bestä­tigt damit berühm­te »Urtei­le« über die real exi­stie­ren­de Justiz: »Frü­her lit­ten wir an Ver­bre­chen, heu­te an Geset­zen« (Taci­tus). »Um sicher Recht zu tun, braucht man sehr wenig vom Recht zu wis­sen. Allein um sicher Unrecht zu tun, muss man die Rech­te stu­diert haben« (Georg Chri­stoph Lichtenberg).

Noch eine klei­ne Text­kost­pro­be: »Stel­len Sie sich vor. Sie haben einen PKW, den auch Ihre Frau benutzt. Ihre Frau fährt mit dem PKW ein­kau­fen, ver­stößt dabei gegen die Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung und erhält eine Ver­wal­tungs­stra­fe. Aber auch Sie erhal­ten eine Ver­wal­tungs­stra­fe. Die Behör­de bezeich­net Sie als Bei­trags­tä­ter, weil Sie Ihrer Frau den PKW über­las­sen haben.«

Die­ses Buch ist ein wich­ti­ger Bei­trag zu einer Justi­z­er­neue­rung, wie sie Euro­pa braucht.

Oli­ver Schei­ber: MUT zum RECHT, Fal­ter Ver­lag, Wien 2019, 232 S., 19,90 Euro.