Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Einmischung nicht gemeinnützig

Die poli­ti­sche Bewer­tung klingt alar­mie­rend: Das Urteil sei rechts-, ver­fas­sungs- und demo­kra­tie­wid­rig (so der Publi­zist Wer­ner Rüge­mer), es för­de­re die Ent­po­li­ti­sie­rung und beschrän­ke den zivil­ge­sell­schaft­li­chen Hand­lungs­spiel­raum (Alli­anz Rechts­si­cher­heit) und signa­li­sie­re die Rück­kehr zu einem auto­ri­tä­ren Regie­rungs­stil (Jurist Ulf Bue­r­mey­er). In der Tat: Das Urteil des Bun­des­fi­nanz­ho­fes (BFH) zum The­ma Gemein­nüt­zig­keit der Bewe­gung Attac, die sich für eine öko­lo­gi­sche, soli­da­ri­sche und fried­li­che Welt­wirt­schafts­ord­nung ein­setzt, gibt Anlass zu Unruhe.

Fünf Jah­re lang schweb­te über Attac das Damo­kles­schwert des Ent­zugs der Gemein­nüt­zig­keit. Mit der Fol­ge, dass kei­ne Spen­den­quit­tun­gen aus­ge­stellt, Räu­me nicht zu gün­sti­gen Kon­di­tio­nen ange­mie­tet und kei­ne Zuschüs­se aus öffent­li­chen Kas­sen bean­tragt wer­den konn­ten. Zwar bedeu­tet das BFH-Urteil noch nicht die defi­ni­ti­ve Aberken­nung des Prä­di­kats »gemein­nüt­zig«; es setzt aber für poli­ti­sches Enga­ge­ment so enge Gren­zen, dass dem letzt­in­stanz­li­chen Kas­se­ler Gericht prak­tisch kein Ermes­sens­spiel­raum bleibt. Dabei bedro­hen die BFH-Kri­te­ri­en, die den Geist ver­gan­ge­ner Zei­ten ver­strö­men, abseh­bar Tau­sen­de enga­gier­ter Vereine.

Das BFH-Urteil VR 60/​17 »Poli­ti­sche Betä­ti­gung und Gemein­nüt­zig­keit« ist unter Berück­sich­ti­gung der Hin­ter­grün­de und der beab­sich­tig­ten Wir­kung ein­deu­tig ein poli­ti­sches Urteil. Denn zunächst hat­te Attac vom zustän­di­gen Kass­ler Gericht ohne Wenn und Aber die Gemein­nüt­zig­keit bestä­tigt bekom­men. Aber das Finanz­amt ging in Revi­si­on – nicht von sich aus, son­dern auf Anwei­sung: Das Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ste­ri­um unter Wolf­gang Schäub­le woll­te par­tout ein ande­res Urteil. Ging es Schäub­le um Recht oder ums Spa­ren? Nichts dergleichen.

Mit Attac soll­te ein Exem­pel sta­tu­iert wer­den: So ergeht es allen, die sich kri­tisch gegen neo­li­be­ra­le Poli­tik und für sozia­le Gerech­tig­keit enga­gie­ren. Offen­sicht­lich setzt es der Regie­rungs­po­li­tik zu, wenn sich Men­schen und Orga­ni­sa­tio­nen gegen Steu­er­flucht und Steu­er­oa­sen, gegen die unde­mo­kra­ti­sche Macht der Kon­zer­ne und Ban­ken und die All­macht der Märk­te ein­set­zen. Oder für gerech­ten Welt­han­del, sozia­le Gerech­tig­keit und Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te aktiv wer­den – also für die Schwer­punkt­the­men von Attac. Ist das eine böse Unter­stel­lung? Offen­sicht­lich nicht, wenn man berück­sich­tigt, wel­che Ver­ei­ne, wel­che »knall­har­ten Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen der Indu­strie und des Mili­tärs«, wel­che »mili­ar­den­schwe­ren Unter­neh­mens­stif­tun­gen« (W. Rüge­mer) als gemein­nüt­zig aner­kannt sind, ohne jede Bean­stan­dung sei­tens der Poli­tik oder der Finanzgerichte.

Etwa die Deut­sche Gesell­schaft für Wehr­tech­nik, eine Rüstungs­lob­by mit mas­si­vem Ein­fluss auf die Poli­tik, bestens ver­netzt in Wirt­schaft, Medi­en, Bun­des­wehr und Wis­sen­schaft: »In den Füh­rungs­gre­mi­en […] sind hoch­ran­gi­ge Ent­schei­dungs­trä­ger aus die­sen Berei­chen ver­tre­ten« (DWT-Selbst­dar­stel­lung). Oder die Desi­de­ri­us-Eras­mus-Stif­tung: Sie steht nach eige­nem Bekun­den der AfD nahe und bemüht sich, als offi­zi­el­le Par­tei-Stif­tung aner­kannt zu wer­den. Eri­ka Stein­bach, frü­her Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te für die CDU und Prä­si­den­tin des Bun­des der Ver­trie­be­nen, fun­giert als Vor­stands­vor­sit­zen­de. Bemer­kens­wert auch die »gemein­nüt­zi­gen« Ver­dien­ste des Euro­päi­schen Insti­tuts für Kli­ma & Ener­gie (EIKE), eine »Speer­spit­ze der neo­li­be­ra­len Anti-Kli­ma- und Anti-Umwelt-Lob­by in Euro­pa« (Sus­an Bonath, RT 19.3.19) mit engen Ver­bin­dun­gen zu AfD, CDU und FDP. Sei­ne Mit­tel setzt das Insti­tut für die Leug­nung der men­schen­ver­ur­sach­ten Kli­ma­schä­den ein. Selbst­ver­ständ­lich darf auch die enorm finanz­kräf­ti­ge und poli­tisch ein­fluss­rei­che Ber­tels­mann Stif­tung – maß­geb­lich am Hartz-IV-Gesetz betei­ligt – nicht auf der Liste der staats­tra­gen­den Gemein­nüt­zig­keit feh­len oder die Atlan­tik-Brücke, die »Mut­ter aller US-Netz­wer­ke in Deutsch­land« (Her­mann Ploppa) mit ihrem Vor­sit­zen­den Fried­rich Merz, Top-Lob­by­ist und Auf­sichts­rats­chef von Black­Rock Deutschland.

Die weni­gen Bei­spie­le zei­gen: Als för­de­rungs­wür­dig – mit Hil­fe der Gerich­te – gilt eine staats­tra­gen­de, neo­li­be­ra­le und mili­ta­ri­sti­sche Ideo­lo­gie. Die Bedeu­tung des Urteils gegen Attac reicht aber noch tie­fer. Es zielt nicht nur auf Schwä­chung und Aus­schal­tung kri­ti­scher Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) – auch die Deut­sche Umwelt­hil­fe, die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes /​ Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten und das poli­ti­sche Netz­werk Cam­pact müs­sen um die wei­te­re Aner­ken­nung ihrer Gemein­nüt­zig­keit ban­gen –, son­dern auf außer­par­la­men­ta­ri­sches Enga­ge­ment gene­rell. Laut § 52 der Abga­ben­ord­nung (AO) sind näm­lich Tätig­kei­ten gemein­nüt­zig, wenn sie die All­ge­mein­heit auf mate­ri­el­lem, gei­sti­gem oder sitt­li­chem Gebiet zu för­dern trach­ten. Auf­ge­zählt wer­den etwa Reli­gi­on und Wis­sen­schaft, Kunst und Kul­tur, aber auch Sport ein­schließ­lich Schach, Hei­mat­pfle­ge, Tier­zucht und Klein­gärt­ne­rei, Kar­ne­val und Hun­de­sport. Ganz am Schluss der lan­gen Liste erwähnt wird die all­ge­mei­ne För­de­rung des demo­kra­ti­schen Staats­we­sens und des bür­ger­li­chen Enga­ge­ments zugun­sten gemein­nüt­zi­ger, mild­tä­ti­ger und kirch­li­cher Zwecke. Aber der Prä­si­dent des BFH, Rudolf Mel­ling­hoff, urteilt über Attac: »Dazu gehört nicht die poli­ti­sche Betä­ti­gung auf allen mög­li­chen Fel­dern« (Moni­tor, 14.3.19). Zählt er Men­schen­rech­te, sozia­le Gerech­tig­keit oder Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu »allen mög­li­chen Feldern«?

Das Urteil spricht allen demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en Hohn. Es erlaubt poli­ti­sche For­de­run­gen, nicht aber den Ein­satz für deren Umset­zung: »Wer poli­ti­sche Zwecke durch Ein­fluss­nah­me auf poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung und Gestal­tung der öffent­li­chen Mei­nung ver­folgt, erfüllt kei­nen gemein­nüt­zi­gen Zweck«, so der Leit­satz des Urteils. Danach soll das Mei­nungs- und Gestal­tungs­mo­no­pol auf die Par­tei­en beschränkt blei­ben. Die­se Ein­schrän­kung ist eines auto­ri­tä­ren Staa­tes wür­dig und ver­letzt zudem den Arti­kel 21 GG, wonach die Par­tei­en an der Mei­nungs­bil­dung mit­wir­ken, aber auch nicht mehr.

Das Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ste­ri­um hat im Zusam­men­wir­ken mit dem Bun­des­fi­nanz­hof für Klar­heit gesorgt: Der Ein­satz außer­par­la­men­ta­ri­scher NGOs gegen mili­ta­ri­sier­ten Markt­ra­di­ka­lis­mus wird abge­straft. Es ist ein Lehr­stück: Wen, wel­che Bestre­bun­gen unter­stützt der Staat – und wer wird Repres­sio­nen aus­ge­setzt? Die Macht­eli­te will nicht durch Aktio­nen zur Durch­set­zung der Men­schen­rech­te in der kapi­ta­li­sti­schen Wirt­schaft gedrängt wer­den. Man will unge­stört 70 Jah­re Grund­ge­setz fei­ern, ohne stän­dig an sei­ne Ver­wirk­li­chung gemahnt zu wer­den. Im auto­ri­tä­ren neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus ver­liert »Gemein­nüt­zig­keit« zusam­men mit dem Gemein­wohl offen­sicht­lich sei­ne Bedeu­tung. Aber die ver­brei­te­te Empö­rung über das Urteil zeigt: Die hohen Staats­ver­tre­ter könn­ten sich ver­kal­ku­liert haben. Schon Schü­le­rIn­nen erken­nen: Wenn Lösun­gen in die­sem System so schwer zu errei­chen sind, dann soll­ten wir viel­leicht das System ändern.

Der Autor ist Mit­glied bei Attac.