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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Er bleibt der Erste

Der im Früh­jahr die­sen Jah­res 80 Jah­re alt gewor­de­ne Süd­thü­rin­ger Schrift­stel­ler Lan­dolf Scher­zer erreg­te 1988 mit dem Erschei­nen sei­ner Repor­ta­ge »Der Erste – Pro­to­koll einer Begeg­nung« in der DDR gro­ßes Auf­se­hen. Er beschrieb dar­in das Han­deln und Den­ken des dama­li­gen 1. Sekre­tärs der SED-Kreis­lei­tung Bad Sal­zun­gen Hans-Die­ter Frit­sch­ler. Die­sen hat­te er einen Monat lang bei sei­ner Arbeit beglei­tet und über die Schul­ter gese­hen. Eine Geneh­mi­gung hier­für hat­te Scher­zer erst nach mehr­jäh­ri­gem War­ten erhal­ten. Umso erstaun­li­cher war der Inhalt des Buches, das sich so wohl­tu­end abhob von der damals übli­chen Bericht­erstat­tung über die Tätig­keit von Par­tei­funk­tio­nä­ren. Frit­sch­ler gewähr­te ihm Ein­blicke in die Pro­ble­me sei­nes Arbeits­all­tags, mit all sei­nen Unzu­läng­lich­kei­ten. Er übte dabei eben­so Kri­tik an sich selbst wie an der Funk­ti­ons­wei­se des Appa­ra­tes. Sol­che Art Lite­ra­tur war, da in die­ser Wei­se sel­ten, sehr begehrt. Erst weni­ge Jah­re zuvor hat­te Jür­gen Kuc­zyn­ski mit sei­nem Buch »Dia­log mit mei­nem Uren­kel« einen wohl­tu­en­den Pau­ken­schlag bewirkt. Wäh­rend Kuc­zyn­ski auf Ver­an­las­sung von Kurt Hager noch eini­ge Stel­len am Manu­skript ändern muss­te, bevor es in der DDR auf den Markt kam, gelang das Hans Albrecht, dem dama­li­gen 1. Sekre­tär der Suh­ler SED-Bezirks­lei­tung, schon nicht mehr. Frit­sch­ler soll­te auf sei­ne Ver­an­las­sung hin behaup­ten, er wäre von Scher­zer falsch zitiert wor­den. Die­ser For­de­rung hat sich Frit­sch­ler aber nicht gebeugt, er stand zu sei­nen Äuße­run­gen. Auch in der Spät­pha­se der Exi­stenz der DDR erfor­der­te das Mut, beson­ders wenn man selbst dem Par­tei­ap­pa­rat ange­hör­te. So bleibt bis heu­te der gro­ße Respekt vor Hans-Die­ter Frit­sch­ler, der auch nach 1990 der Par­tei wei­ter­hin ver­bun­den blieb und sich beim Lan­des­vor­stand der dama­li­gen PDS in Thü­rin­gen enga­gier­te, bis er aus gesund­heit­li­chen Grün­den im Jahr 2002 viel zu früh an einer wei­te­ren Mit­ar­beit gehin­dert wurde.

Ich lern­te ihn bereits Mit­te der 1990er Jah­re ken­nen und schät­zen. Er lei­te­te zur dama­li­gen Zeit eine neu gebil­de­te Koor­di­nie­rungs­grup­pe »Poli­ti­sche Straf­ver­fol­gung«, die beim PDS-Lan­des­vor­stand ange­sie­delt war. Ihre Mit­glie­der ver­folg­ten mit gro­ßem Inter­es­se die in jenen Tagen auch in Thü­rin­gen statt­ge­fun­de­nen Straf­ver­fah­ren gegen ehe­ma­li­ge Ange­hö­ri­ge der Grenz­trup­pen der DDR oder Juri­sten des inzwi­schen nicht mehr exi­sten­ten Staa­tes. Sie waren bei den Gerichts­ver­hand­lun­gen anwe­send, mach­ten auf die­se Wei­se ihre Soli­da­ri­tät deut­lich und wer­te­ten mit einem Teil der Ver­tei­di­ger die gewon­ne­nen Erkennt­nis­se aus.

Da ich in vie­len die­ser Ver­fah­ren als Straf­ver­tei­di­ger ein­ge­bun­den war, kamen Frit­sch­ler und ich uns schnell näher und wur­den gute Freun­de. Nur ein­mal muss­te ich ihm eine Absa­ge ertei­len, obgleich er sich extra von wei­ter her in mein Anwalts­bü­ro bege­ben hat­te. Er bat mich, dar­über nach­zu­den­ken, ob ich nicht als Kan­di­dat der PDS-Thü­rin­gen für die näch­ste Bun­des­tags­wahl antre­ten wol­le. Ich sag­te ihm dar­auf­hin sofort, dass ich unse­ren Freun­den mehr die­nen kann, wenn ich »im Schüt­zen­gra­ben der Straf­ver­tei­di­gung« blei­be, und ich im Übri­gen auch Zwei­fel habe, ob ich die not­wen­di­ge Dis­zi­plin auf­brin­gen kann, die man als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter nun ein­mal haben soll­te. Wenn auch nicht begei­stert, hat er mei­ne Argu­men­te akzeptiert.

Die poli­ti­sche Ent­wick­lung der Par­tei, die sich dann eini­ge Zeit spä­ter sich in »Die Lin­ke« umbe­nann­te, hat HDF – wie wir ihn im ver­trau­ten Kreis nann­ten – auch nach sei­ner gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gung stets wei­ter­ver­folgt. Die von ihm einst gegrün­de­te Koor­di­nie­rungs­grup­pe gibt es noch heu­te, auch wenn die­se inzwi­schen nicht mehr den Zusatz »Poli­ti­sche Straf­ver­fol­gung« führt, weil die Pro­zes­se im Jahr 2003 ihr Ende fanden.

Jetzt ist Hans-Die­ter Frit­sch­ler weni­ge Mona­te nach sei­nem 80. Geburts­tag ver­stor­ben. Nicht nur Lan­dolf Scher­zer erin­nert sich vol­ler Dank­bar­keit und Respekt an ihn.