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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Es ist schwer, ein Mensch zu sein

Plötz­lich steht da mit­ten im Text der Vor­schau auf die drei­tei­li­ge Serie über Schach­spiel und Schachs­port, die in die­sem Monat vom Deutsch­land­funk aus­ge­strahlt wird, zu lesen: »Schach mutet an, wie von Außer­ir­di­schen beim inter­stel­la­ren Pick­nick am Weges­rand hin­ter­las­sen.« Der öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Tho­mas Gla­vi­nic hat die­sen für vie­le Lese­rin­nen und Leser sicher­lich kryp­ti­schen Satz geschrie­ben. Sein »Ver­such über einen unfass­ba­ren Sport«, der weder Spiel noch Wis­sen­schaft sei, womög­lich Kunst, bil­det den abschlie­ßen­den Teil der Sendereihe.

ПИКНИК НА ОБОЧИНЕ. 1972 ver­öf­fent­lich­te die Lenin­gra­der Zeit­schrift Auro­ra die­se kurz zuvor fer­tig­ge­stell­te uto­pi­sche Erzäh­lung der Brü­der Arka­di und Boris Stru­gatz­ki. Auf Deutsch erschien sie 1976 im Ver­lag »Das Neue Ber­lin« unter dem von Aljon­na Möckel wört­lich über­setz­ten Titel Pick­nick am Wegesrand.

Außer­ir­di­sche hat­ten 13 Jah­re vor Beginn der Roman­hand­lung, die gegen Ende des 20. Jahr­hun­derts ange­sie­delt ist, die Erde besucht und sich dabei wie mensch­li­che Aus­flüg­ler oder Tou­ri­sten ver­hal­ten und ihren Müll zurück­ge­las­sen. Welt­weit wur­den in sechs Gebie­ten uner­klär­li­che Arte­fak­te, Maschi­nen und Erschei­nun­gen ent­deckt. (Ein Schach­spiel war aller­dings nicht dabei.) Wer die­se Wesen waren, woher sie kamen oder wohin sie gin­gen, bleibt rät­sel­haft. Nie­mand hat sie gese­hen. Und was ihre Hin­ter­las­sen­schaf­ten angeht, um die sich das »Inter­na­tio­na­le Insti­tut für außer­ir­di­sche Kul­tu­ren und Phä­no­me­ne« küm­mert, so ist unklar, ob sie ein Segen für die Mensch­heit sein kön­nen oder eine furcht­ba­re Bedro­hung sind.

Die­se Fund­sa­chen wecken Begehr­lich­kei­ten, und so man­cher wird bei der Suche von ande­ren Moti­ven ange­trie­ben als von wis­sen­schaft­li­chen. Viel­leicht befin­den sich ja Waf­fen unter den außer­ir­di­schen Objek­ten, allem irdi­schen Rüstungs­gut über­le­gen? Oder Erfin­dun­gen, die einen bis­her unbe­kann­ten Vor­teil und Macht brin­gen? Ein Run setzt ein, und ein neu­er »Beruf« ent­steht: der des Schatz­grä­bers. Die­se holen die außer­ir­di­schen Gegen­stän­de aus den Besuchs­zo­nen, in denen unbe­kann­te, töd­li­che Gefah­ren lau­ern. Sie ris­kie­ren ihr Leben, sei es auf eige­ne Rech­nung oder im Auf­trag. Die inten­siv­ste Suche gilt einer gol­de­nen Kugel, die angeb­lich irgend­wo ver­steckt ist und die, so heißt es, wie Ala­dins Wun­der­lam­pe dem Besit­zer alle Wün­sche erfül­len kann.

Aber, auch wenn man von den Schatz­grä­bern etwas will, wer­den sie wie Aus­ge­sto­ße­ne behan­delt. Und am Ende erweist sich, wie schwer es ist, ein Mensch zu sein, wenn man der Auf­for­de­rung nach­kom­men möch­te, »das Gute aus dem Schlech­ten zu machen«, weil man ja nichts ande­res habe, wor­aus man es machen kön­ne, wie es in dem vor­aus­ge­stell­ten Mot­to heißt. Das Zitat stammt von dem ame­ri­ka­ni­schen Pulit­zer-Preis­trä­ger Robert Penn War­ren, des­sen berühm­ter Roman All the King’s Men/​Das Spiel der Macht 1971 in rus­si­scher Über­set­zung erschie­nen war, just zu der Zeit, als die Stru­gatz­kis ihren Roman schrieben.

»Schatz­grä­ber« wur­den die­se Aben­teu­rer und Glücks­rit­ter so lan­ge in den deut­schen Aus­ga­ben genannt, bis der »Stal­ker« das Licht der lite­ra­ri­schen und cinea­sti­schen Welt erblickte.

Es war im Jahr 1973, kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung des Buches, als der sowje­ti­sche Regis­seur And­rei Tar­kow­ski in sei­nem Tage­buch notier­te: »Habe eben den Roman Pick­nick am Weges­rand der Brü­der Stru­gatz­ki gele­sen. Dar­aus lie­ße sich ein bemer­kens­wer­tes Dreh­buch machen.«

Tar­kow­ski war schon zu jener Zeit ein inter­na­tio­nal bekann­ter Fil­me­ma­cher. 1972, als Pick­nick am Weges­rand erschien, kam sein Sola­ris in die Kinos, die Ver­fil­mung des gleich­na­mi­gen Romans von Sta­nis­law Lem (sie­he Ossietzky 13/​2021, »Hin­rei­ßend. Uner­schöpf­lich«) Zuvor hat­te der Regis­seur unter ande­rem mit Fil­men wie Andrej Rubljow oder Iwans Kind­heit inter­na­tio­nal reüs­siert. Aus dem Kon­takt zu den Schrift­stel­lern ent­wickel­te sich nach der Geneh­mi­gung der Pro­duk­ti­on durch die sowje­ti­sche Film­be­hör­de eine inten­si­ve Zusam­men­ar­beit. Die Brü­der lie­fer­ten in der ersten Pha­se statt eines Dreh­bu­ches eine neue, auf ihrem Roman basie­ren­de Erzäh­lung mit dem Titel Die Wunsch­ma­schi­ne. Am Ende lie­gen davon neun Ver­sio­nen vor, aus denen schließ­lich das Dreh­buch ent­steht. Tar­kow­skis Stal­ker ist daher kei­ne Ver­fil­mung des »Pick­nicks«, son­dern basiert auf Moti­ven, die von den Schrift­stel­lern und dem Regis­seur gemein­sam her­aus­ge­ar­bei­tet wurden.

Die Stru­gatz­kis schrie­ben spä­ter, von ihrer lite­ra­ri­schen Vor­la­ge sei­en ledig­lich die Ter­mi­ni »Stal­ker« und »Zone« übrig­ge­blie­ben. Über den Film wer­de im In- und Aus­land »viel und sehr ver­schie­den­ar­tig gespro­chen. In einem jedoch sind sich alle einig: Er ist außer­or­dent­lich kom­pli­ziert und breit aus­deut­bar. Außer­dem bezwei­felt nie­mand, dass es sich hier um eine Arbeit der inter­na­tio­na­len Spit­zen­klas­se handelt.«

Eine neue, vor­züg­lich gestal­te­te Aus­ga­be des Romans ist vor weni­gen Mona­ten im Hey­ne Ver­lag erschie­nen, mit einem Vor­wort des 1967 in Mos­kau gebo­re­nen und 1990 nach Deutsch­land aus­ge­wan­der­ten Schrift­stel­lers Wla­di­mir Kami­ner (Rus­sen­dis­ko). Er beschreibt dar­in die her­aus­ra­gen­de Rol­le der Sci­ence-Fic­tion in der Sowjet­uni­on. Sie sei in der Bevöl­ke­rung beson­ders beliebt gewe­sen: »Weil die­se Roma­ne alle jen­seits unse­res Lan­des, auf einem ande­ren Pla­ne­ten, in einer ande­ren Gala­xie oder in einer ande­ren Zeit spiel­ten, hat­ten sie bes­se­re Chan­cen, an der staat­li­chen Zen­sur vor­bei das Leben auf unse­rem Pla­ne­ten, in unse­rem Land, in unse­rer Zeit zu the­ma­ti­sie­ren. Und die unge­krön­ten Köni­ge der sowje­ti­schen Fan­ta­sten waren die Brü­der Strugatzki.«

Die Neu­auf­la­ge ist gleich­zei­tig eine Neu­über­set­zung aus dem Rus­si­schen. David Drevs hat den Roman nicht nur in eine fri­sche­re, zeit­ge­mä­ße Spra­che gefasst, son­dern auch eini­ge Ver­kür­zun­gen frü­he­rer Über­set­zun­gen beho­ben. Viel­leicht konn­te er aber auch auf eine von den Stru­gatz­kis nach dem Ende der Sowjet­uni­on über­ar­bei­te­te Fas­sung zurück­grei­fen? Der Band ent­hält reich­lich Bonus­ma­te­ri­al: einen Kom­men­tar von Boris Stru­gatz­ki zur Ent­ste­hung und Publi­ka­ti­ons­ge­schich­te des Romans, Aus­zü­ge aus dem Arbeits­ta­ge­buch der Schrift­stel­ler, die erst­mals in deut­scher Über­set­zung vor­lie­gen­de erste Fas­sung der Wunsch­ma­schi­ne und ein Nach­wort (Eli­sa­beth Bösl, David Drevs) über das »mul­ti­me­dia­le Phä­no­men Stal­ker«. Inzwi­schen gibt es näm­lich nicht nur den Roman und den Film, son­dern Com­pu­ter­spie­le sel­bi­gen Namens und eine Fort­schrei­bung des Stal­ker-Motivs in der post­apo­ka­lyp­ti­schen Metro-Tri­lo­gie von Dmi­try Glukhowsky.

Wo aber kommt der Name »Stal­ker« her? In dem Roman Stal­ky & Co von Rudy­ard Kipling ver­sucht eine Grup­pe Jugend­li­cher im ersten Kapi­tel eini­ge Och­sen von der Wei­de eines Hofes zu trei­ben. Einer will nicht mit­ma­chen, weil ihm die Sache »nicht stal­ky genug« ist. »Stal­ky bedeu­te­te in ihrem Schul­vo­ka­bu­lar schlau, über­legt und geris­sen«, heißt es an die­ser Stel­le in mei­ner von Gis­bert Haefs über­setz­ten Ausgabe.

Boris Stru­gatz­ki berich­te­te, dass er in jun­gen Jah­ren den Kipling-Roman sei­nem Bru­der schenk­te, der ihn sogleich ins Rus­si­sche über­setzt habe. »Als wir das Wort Stal­ker erfan­den, hat­ten wir also ganz sicher das Schlitz­ohr Stal­ky im Sinn, die­sen abge­brüh­ten, bis­wei­len sogar grau­sa­men Satans­bra­ten, dem aber eine Art jugend­li­cher Edel­mut, ja, sogar eine gewis­se Groß­haf­tig­keit kei­nes­wegs abzu­spre­chen ist. Nicht im Ent­fern­te­sten aber dach­ten wir dar­an, dass man ihn in Wirk­lich­keit gar nicht Stal-ky, son­dern Sto­ky ausspricht.«

Her­kunft und Bedeu­tung der Bezeich­nung des Titel­hel­dens, der in der alten deut­schen Über­set­zung Rode­ric Schuch­art heißt und in der neu­en Redrick She­whart, sind somit geklärt, auch wenn in Film und Roman vie­les unge­klärt blei­ben mag. Oder, um es mit den Wor­ten des ein­gangs zitier­ten Tho­mas Gla­vi­nic zum The­ma Schach zu sagen: »Schach bleibt rät­sel­haft. Zumin­dest mit Roma­nen scheint es eines gemein­sam zu haben: dass es mehr ist, als Men­schen fas­sen können.«

Ein Satz, der auch für den Stru­gatz­ki-Roman gilt, unter wel­chem Titel auch immer, und erst recht für den Tar­kow­ski-Film in sei­ner gan­zen Verrätselung.

 Arka­di & Boris Stru­gatz­ki: Stal­ker, Wil­helm Hey­ne Ver­lag, Mün­chen 2021, 397 S., 12,99 € Die DLF-Rei­he »Essay und Dis­kurs« mit dem The­ma Schach wird am 15. April (1), 17. April (2) und 18. April (3) jeweils ab 9.30 Uhr gesen­det und ist unter die­sen Ter­mi­nen auch in der DLF-Media­thek zu fin­den. – Der Sci­ence-Fic­tion-Alma­nach »Pola­ris 10« aus dem Jahr 1986, Suhr­kamp Taschen­buch 1248, ist den Stru­gatz­kis gewid­met. Ent­hal­ten sind u. a. eine ande­re frü­he­re Fas­sung der »Wunsch­ma­schi­ne« und ein grund­le­gen­der Essay über »Pick­nick am Wegesrand«.