Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Europa-Radweg Eiserner Vorhang

In die­sem Jahr erin­nern wir uns an den 30. Jah­res­tag des Falls der Ber­li­ner Mau­er und des Eiser­nen Vor­hangs in Euro­pa, der jahr­zehn­te­lang den Kon­ti­nent in Ost und West gespal­ten hat. Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat bereits im Herbst 2005 mit gro­ßer Mehr­heit aus allen Mit­glied­staa­ten und allen Frak­tio­nen mei­nem Antrag zuge­stimmt, der die Kom­mis­si­on und die Mit­glied­staa­ten auf­for­dert, »die Initia­ti­ve ›Iron Curtain Trail‹ umzu­set­zen, […], um die euro­päi­sche Iden­ti­tät zu fördern«.

Sicht­ba­re Erin­ne­rung gibt es bereits mit dem »Ber­li­ner Mau­er­weg«, der seit 2001 vom Ber­li­ner Senat aus­ge­schil­dert und fahr­rad­freund­lich aus­ge­baut und vom rot-rot-grü­nen Senat 2018 zum Denk­mal erklärt wur­de, und dem »Deutsch-Deut­schen Rad­weg«. Er führt von der Ost­see bis zur tsche­chi­schen Gren­ze an zahl­rei­chen Flüs­sen und Seen ent­lang und über­win­det die Höhen des Har­zes sowie die des Thü­rin­ger Wal­des. Er pas­siert vie­le Denk­mä­ler und Grenz­land­mu­se­en wie auch man­che der noch ver­blie­be­nen Wachtürme.

Die Geschich­te der euro­päi­schen Spal­tung beginnt nicht mit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs, son­dern mit Hit­lers Macht­über­nah­me am 30. Janu­ar 1933 und dem Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs am 1. Sep­tem­ber 1939, als deut­sche Sol­da­ten in Polen ein­mar­schier­ten. Ohne den von Nazi-Deutsch­land ent­fes­sel­ten Zwei­ten Welt­krieg wäre Euro­pa nicht gespal­ten worden.

Nach dem Vor­bild des Ber­li­ner Mau­er­wegs und des Deutsch-Deut­schen Rad­wegs ent­steht nun ent­lang des ehe­ma­li­gen Eiser­nen Vor­hangs auf dem frü­he­ren Todes­strei­fen ein Rad- und Wan­der­weg, auf dem man euro­päi­sche Geschich­te, Poli­tik, Natur und Kul­tur im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes erfah­ren kann. Das 10.000 Kilo­me­ter lan­ge »Grü­ne Band« von der Barents­see zum Schwar­zen Meer steht seit 2002 unter der Schirm­herr­schaft von Michail Gor­bat­schow, der seit 1993 Prä­si­dent von Green Cross Inter­na­tio­nal (GCI) ist.

Am »Euro­pa-Rad­weg Eiser­ner Vor­hang« (Iron Curtain Trail) sind 20 Län­der betei­ligt, dar­un­ter 15 Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on. Begin­nend an der Barents­see ver­läuft der Rad- und Wan­der­weg an der West­gren­ze der ehe­ma­li­gen Staa­ten des War­schau­er Ver­trags bis zum Schwar­zen Meer. Man radelt an der nor­we­gisch-rus­si­schen und fin­nisch-rus­si­schen Gren­ze ent­lang bis zur Ost­see und pas­siert dort die Küsten­strei­fen von Russ­land, Est­land, Lett­land, Litau­en, Kali­nin­grad, Polen und Ost­deutsch­land. Von der Halb­in­sel Pri­wall bei Tra­ve­mün­de bis zum säch­sisch-baye­risch-tsche­chi­schen Drei­län­der­eck folgt die Rou­te dem ehe­ma­li­gen inner­deut­schen Grenz­strei­fen. Dann führt sie über die Höhen des Böh­mer­walds, vor­bei an Mäh­ren und der slo­wa­ki­schen Haupt­stadt Bra­tis­la­va, um dort die Donau zu über­que­ren. Ent­lang der Süd­gren­ze Ungarns führt der Weg über Slo­we­ni­en und Kroa­ti­en. Zwi­schen Rumä­ni­en und Ser­bi­en folgt die Strecke weit­ge­hend dem Lauf der Donau, um schließ­lich über Bul­ga­ri­en, Maze­do­ni­en und Grie­chen­land am nörd­lich­sten Punkt der Tür­kei an der bul­ga­ri­schen Schwarz­meer­kü­ste zu enden.

Die Strecke ver­läuft durch meh­re­re Natio­nal­parks mit einer inter­es­san­ten Flo­ra und Fau­na und ver­bin­det eine Viel­zahl ein­zig­ar­ti­ger Land­schaf­ten, die in der Sperr­zo­ne lagen und nahe­zu unbe­rührt geblie­ben sind. Sie ver­bin­det aber auch zahl­rei­che Mahn­ma­le, Muse­en und Frei­luft-Ein­rich­tun­gen, die an die Geschich­te der Spal­tung Euro­pas und deren Über­win­dung erinnern.

Wie beim »Ber­li­ner Mau­er­weg« und dem »Deutsch-Deut­schen Rad­weg« kön­nen auch beim »Euro­pa-Rad­weg Eiser­ner Vor­hang« die teil­wei­se noch vor­han­de­nen asphal­tier­ten Patrouil­len­we­ge der Grenz­an­la­gen genutzt wer­den. In vie­len Län­dern und Regio­nen Euro­pas wird an dem Pro­jekt gear­bei­tet, zahl­rei­che Abschnit­te sind schon aus­ge­schil­dert und fahr­rad­freund­lich ausgebaut.

Es gibt ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, sich im Grü­nen Band mit dem Fahr­rad zu bewe­gen. Ob auf der west­li­chen oder der öst­li­chen Sei­te, ob näher an der Gren­ze oder wei­ter ent­fernt, ob auf Kolon­nen­we­gen mit Loch­plat­ten oder auf Asphalt. Die vor­ge­schla­ge­ne Rou­te wur­de nach den fol­gen­den fünf Kri­te­ri­en aus­ge­wählt: mög­lichst nahe an der ehe­ma­li­gen Gren­ze; vor­zugs­wei­se auf kom­for­ta­bel zu befah­ren­den Wegen; stark befah­re­ne Stra­ßen ver­mei­dend; die ehe­ma­li­ge Gren­ze häu­fig que­rend; vie­le Zeug­nis­se der Geschich­te integrierend.

Die Zusam­men­ar­beit mit der euro­päi­schen Initia­ti­ve euro­pean­green­belt (www.greenbelt.eu), die gemein­sam mit Natur­schüt­zern aus den mit­tel- und ost­eu­ro­päi­schen Län­dern das Pro­jekt »Green Belt« ins Leben geru­fen hat, ist eng und produktiv.

Seit dem Fall der Mau­er in Ber­lin und des Eiser­nen Vor­hangs in Euro­pa sind nun­mehr fast 30 Jah­re ver­gan­gen. Gemäß der Aus­sa­ge von Wil­helm von Hum­boldt, »Nur wer die Ver­gan­gen­heit kennt, hat eine Zukunft«, müs­sen wir uns mit der Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­set­zen. Des­halb pfle­gen wir mit Dank­bar­keit die Erin­ne­rung an die Fried­li­chen Revo­lu­tio­nen in Ost­mit­tel­eu­ro­pa, ohne die jahr­zehn­te­lan­ge Spal­tung unse­res Kon­ti­nents zu vergessen.

Das Pro­jekt ist kei­ne Visi­on mehr, son­dern schon heu­te Rea­li­tät. Es wur­de als »EV 13« in das Euro­Ve­lo-Kon­zept der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on auf­ge­nom­men und war unter dem Titel »Unbuil­ding Walls« Bestand­teil im Deut­schen Pavil­lon der Bien­na­le 2018 in Vene­dig. Die im öster­rei­chi­schen Ver­lag Ester­bau­er vor zehn Jah­ren von mir ver­fass­ten drei Bücher über den »Euro­pa-Rad­weg Eiser­ner Vor­hang« wur­den über­ar­bei­tet und sind nun als fünf­bän­di­ges Pro­dukt in Deutsch und Eng­lisch erhält­lich. Sie wer­den am 4. April 2019 im Euro­päi­schen Haus der Geschich­te in Brüs­sel vom ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten des Euro­päi­schen Par­la­ments (2007–2009), Hans-Gert Pöt­te­ring, vorgestellt.

Micha­el Cra­mer ist 69 Jah­re. Seit 2004 ist er für Bünd­nis 90/​Die Grü­nen Abge­ord­ne­ter im Euro­päi­schen Par­la­ment und war dort zwi­schen 2014 und Janu­ar 2017 Vor­sit­zen­der im Aus­schuss für Ver­kehr und Fremdenverkehr.