Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Falsches Spiel mit Worten

Noch ehe Joe Biden ver­bind­lich erklärt hat, wie er sich das künf­ti­ge Ver­hält­nis der USA zu den euro­päi­schen Ver­bün­de­ten vor­stellt, hat sich die deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er dem gewähl­ten Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Haupt­fi­nan­cier der NATO zu Füßen gewor­fen. Natür­lich sei Deutsch­land bereit, künf­tig tie­fer in die Tasche zu grei­fen, bekräf­tig­te sie in einer Grund­satz­re­de an der Ham­bur­ger Bun­des­wehr-Aka­de­mie, sehe aber für sich auch »neue Optio­nen« in der inter­na­tio­na­len Politik.

Neue Optio­nen? Was sol­len wir uns dar­un­ter vor­stel­len? Was haben wir von einer »inter­na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­di­plo­ma­tie« zu erwar­ten, die es ermög­licht, »aus einer Posi­ti­on der Stär­ke« für Frei­heit, Frie­den und Kon­flikt­lö­sung zu agie­ren? Wen schau­der­te nicht bei dem Gedan­ken, dass Kon­flik­te wei­ter­hin durch mili­tä­ri­sche Gewalt nach afgha­ni­schem Muster gelöst wer­den sol­len. Was ver­steht Frau Kramp-Kar­ren­bau­er unter einem »ver­netz­ten Poli­tik­ver­ständ­nis«, ohne das Deutsch­land und Euro­pa angeb­lich nicht rich­tig »welt­po­li­tik­fä­hig« wer­den kön­nen. Reicht es nicht, dass bewaff­ne­te ame­ri­ka­ni­sche Droh­nen von deut­schem Boden aus ins Ziel gesteu­ert werden?

Ange­sichts die­ser Ver­net­zung mutet es merk­wür­dig an, dass die Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin arg­wöhnt, Ame­ri­ka könn­te sein Inter­es­se an der Ver­tei­di­gung Euro­pas ver­lie­ren. Die USA haben ihre eige­nen Inter­es­sen nie aus den Augen ver­lo­ren, und sie haben sich das seit jeher etwas kosten las­sen. Den deut­schen Steu­er­zah­lern braucht des­we­gen nie­mand ein schlech­tes Gewis­sen zu machen. Dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wie die Mini­ste­rin her­vor­hebt, 75 Pro­zent aller NATO-Fähig­kei­ten stel­len, hat nichts mit Men­schen­freund­lich­keit zu tun, son­dern ist rei­nes Macht­kal­kül. Das­sel­be gilt für die nuklea­re Abschreckung.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht: Selbst­ver­ständ­lich sind und blei­ben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka auf abseh­ba­re Zeit der wich­tig­ste Ver­bün­de­te, ohne den Deutsch­land und Euro­pa sich nicht schüt­zen kön­nen. Schüt­zen vor wem eigent­lich? Für Kon­rad Ade­nau­er war Soff­jet-Russ­land der gott­ge­ge­be­ne Feind, des­sen Divi­sio­nen stünd­lich bereit gewe­sen sein sol­len, bei uns ein­zu­mar­schie­ren. Heu­te wird das stra­te­gi­sche Gleich­ge­wicht, so die deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin, durch Putins Russ­land emp­find­lich gestört. Des­halb sei es gut, dass es über die poli­ti­schen Lager hin­weg einen Kon­sens für »mehr Ver­ant­wor­tung« Deutsch­lands und Euro­pas gebe. Aller­dings müss­ten wir auch mehr für unse­re eige­ne Sicher­heit tun.

Damit ist der neur­al­gi­sche Punkt benannt: die Bereit­schaft der Bun­des­re­gie­rung, dem­nächst zwei Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts in die NATO-Kas­se zu zah­len. Um die bit­te­re Pil­le zu ver­sü­ßen, erklär­te Kramp-Kar­ren­bau­er, die Kosten einer stra­te­gi­schen Auto­no­mie im Sin­ne einer voll­kom­me­nen Los­lö­sung von den USA wür­den ungleich höher aus­fal­len als die vor­ge­se­he­nen zwei Pro­zent. Jetzt liegt die Mar­ge bei rund 1,6 Pro­zent. Die Mili­tär­aus­ga­ben Deutsch­lands errei­chen damit in die­sem Jahr die Rekord­sum­me von 50,4 Mil­li­ar­den Euro. Die vom fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten favo­ri­sier­te Idee einer eige­nen euro­päi­schen Streit­macht tat die Mini­ste­rin, sehr zum Ärger Emma­nu­el Macrons, als »eine Visi­on von vie­len« ab.

An die Adres­se des gewähl­ten ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten gerich­tet, erklär­te Kramp-Kar­ren­bau­er, Biden müs­se davon aus­ge­hen, dass Euro­pa für die USA ein star­ker Part­ner auf Augen­hö­he sei und kein hilfs­be­dürf­ti­ger Schütz­ling. Sie hal­te es für wich­tig, dass die Euro­pä­er der kom­men­den US-Admi­ni­stra­ti­on »ein gemein­sa­mes Ange­bot, einen New Deal vor­le­gen«. Wie ist das gemeint? Der Begriff New Deal hat mit der Sache, um die es hier geht, näm­lich um die Neu­ver­tei­lung mili­tä­ri­scher Lasten, nichts zu tun. Er wird mit den Wirt­schafts- und Sozi­al­re­for­men Frank­lin D. Roo­se­velts zur Bekämp­fung der Welt­wirt­schafts­kri­se nach dem Ersten Welt­krieg asso­zi­iert und ist als posi­tiv besetz­ter Begriff in den inter­na­tio­na­len Sprach­schatz ein­ge­gan­gen. In der eng­li­schen Spra­che bedeu­tet die Rede­wen­dung so viel wie Neu­ver­tei­lung der Kar­ten. Das sei hier ange­fügt, damit sich Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er nicht all­zu sehr grämt.