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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Feministische Außenpolitik«

Die­ser pro­gram­ma­ti­sche Begriff ist nicht erst seit Außen­mi­ni­ste­rin Anna­le­na B. im Umlauf. Er ist sogar im Koali­ti­ons­ver­trag der Ampel fest­ge­schrie­ben. Er mar­kiert auch ein ideo­lo­gi­sches For­schungs­feld inklu­si­ve staat­li­chem Unter­halt vor­geb­lich geschlechts­spe­zi­fi­scher (Neu­sprech: »gegen­der­ter«) Politikwissenschaft.

Der bür­ger­li­che Wis­sen­schafts­be­trieb fin­det gene­rell unter den poli­tisch und öko­no­misch herr­schen­den (kapi­ta­li­sti­schen) Ver­hält­nis­sen statt, die die Res­sour­cen­ver­tei­lung, die Kar­rie­re­be­din­gun­gen, Sozia­li­sie­rungs­ver­läu­fe und Ver­net­zun­gen aller Betei­lig­ten bestim­men –davon unab­hän­gig, ob Weib­lein oder Männ­lein. Anders gesagt: Akteu­rin­nen im Wis­sen­schafts- und Poli­tik­be­trieb müs­sen sich – wegen der fort­dau­ern­den patri­ar­cha­li­schen Benach­tei­li­gung umso mehr – den Zwän­gen der herr­schen­den Ver­hält­nis­se anpas­sen und unter­ord­nen. Wer abweicht, bekommt Pro­ble­me. Schon des­halb ist eine »femi­ni­sti­sche« Wis­sen­schaft oder Poli­tik, gar Außen­po­li­tik, von vorn­her­ein eine höchst frag­wür­di­ge Fik­ti­on, denn sie wür­de vor­aus­set­zen, dass »gen­der­spe­zi­fi­sche« Eigen­hei­ten über den kapi­ta­li­sti­schen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen rangieren.

Unter https://blog.prif.org/2021/09/14/eine-feministische-aussenpolitik-fuer-deutschland/ kann man die fol­gen­de Defi­ni­ti­on fin­den: »Für eine femi­ni­sti­sche Außen­po­li­tik ist Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit die Vor­aus­set­zung und gleich­zei­tig Mit­tel für Frie­den und Sicher­heit. Neben gerech­ter Reprä­sen­ta­ti­on von Frau­en in außen- und sicher­heits­po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen, gehört dazu auch die Prä­ven­ti­on von Krieg und Gewalt durch ent­mi­li­ta­ri­sier­te Kon­flikt­lö­sung. Femi­ni­sti­sche Außen­po­li­tik bezieht sich aber auch auf die Aner­ken­nung kolo­nia­ler Macht­struk­tu­ren, um Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit für alle zu erreichen.«

Das liest sich auf den ersten Blick wun­der­schön wie so vie­le idea­li­sie­ren­de Visio­nen. Beson­ders Außen­mi­ni­ste­rin Anna­le­na Baer­bock gefällt sich in der Pose einer Vor­kämp­fe­rin der femi­ni­sti­schen und dazu noch »wer­te­ba­sier­ten« Außen­po­li­tik (sie­he: https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/feministische-aussenpolitik/2551358).

In einem Papier der Hein­rich-Böll-Stif­tung (https://www.boell.de/de/2018/10/17/eine-feministische-kritik-der-atombombe) heißt es: »Das Kon­zept der nuklea­ren Abschreckung ist ein Pro­dukt des Patriarchats.«

Män­nern und Frau­en wer­den also »femi­ni­stisch« ganz unter­schied­li­che Nei­gun­gen zuge­wie­sen: Gewalt und Waf­fen den Män­nern, Frie­den den Frau­en. In Wirk­lich­keit herrscht dage­gen in der (außen- und mili­tär-) poli­ti­schen Rea­li­tät eine fak­ti­sche »Gleich­stel­lung«, wie das z.B. die nach­fol­gend auf­ge­führ­ten US-Außen­po­li­ti­ke­rin­nen und eben­so die deut­schen Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin­nen (v. d. Ley­en, Kramp-Kar­ren­bau­er und Lam­brecht) bewei­sen. Zeich­nen die sich etwa durch eine femi­ni­sti­sche Mili­tär- und Rüstungs­po­li­tik aus? Auch Baer­bock selbst hat die (männ­li­che?) Wehr­haf­tig­keit ange­mahnt und Kriegs­mü­dig­keit beklagt.

Zugleich hat Baer­bock das Ziel postu­liert: »die trans­at­lan­ti­sche Part­ner­schaft für das 21. Jahr­hun­dert auf­zu­bau­en – eine gemein­sa­me Füh­rungs­part­ner­schaft Euro­pas und der USA« (Rede vom 2. August 2022 in New York). Schon ihre enge Ver­bun­den­heit mit ihren männ­li­chen Hard­li­ner-Kol­le­gen der Nato, beson­ders mit dem US-Mini­ster Blin­ken, ver­weist auf den eigent­li­chen, wesent­li­chen Inhalt, auf das Geheim­nis ihrer »femi­ni­sti­schen« Außen­po­li­tik. Auch ihre weib­lich-trans­at­lan­ti­schen Kol­le­gin­nen bzw. Vor­läu­fe­rin­nen, ihre »femi­ni­sti­schen« Vor­bil­der gewis­ser­ma­ßen, las­sen unzwei­deu­tig erken­nen, wor­um es eigent­lich geht. Denn wenn man die poli­ti­sche Stra­te­gie und die Pra­xis von bekann­ten Außen­po­li­ti­ke­rin­nen der »trans­at­lan­ti­schen Part­ner­schaft« nüch­tern betrach­tet, schlägt man jen­seits der wohl­tö­nen­den Phra­sen schnell auf dem har­ten Boden der Rea­li­tä­ten auf:

  • Neh­men wir Made­lai­ne Alb­right, US-Außen­mi­ni­ste­rin 1997-2001, die 1996 zum Vor­wurf, die Irak-Sank­tio­nen hät­ten zum Tod von einer hal­ben Mil­li­on Kin­dern geführt, mein­te: »Wir den­ken, der Preis ist es wert.«. Und in Josch­ka Fischers trans­at­lan­ti­schem Think-Tank (https://jfandc.de/das-macht-uns-aus) heißt es: »Mit der ehe­ma­li­gen US-Außen­mi­ni­ste­rin Made­lei­ne Alb­right ver­bin­det Josch­ka Fischer eine enge Freund­schaft. Ihr Bera­tungs­un­ter­neh­men, die ›Alb­right Stonebridge Group‹ in Washing­ton D.C., mit Büros unter ande­rem in Chi­na, Indi­en und Bra­si­li­en, pflegt mit uns eine exklu­si­ve Part­ner­schaft.« In Fischers Nach­fol­ge agiert ent­spre­chend auch Baer­bock – wie anson­sten auch mehr oder weni­ger das gesam­te grün-bel­li­zi­sti­sche Spitzenpersonal.
  • Oder Con­do­leez­za Rice, 2005-2009 US-Außen­mi­ni­ste­rin unter G.W. Bush jr. Sie ver­trat die Dok­trin der »Ach­se des Bösen«, indem sie sechs Staa­ten zu »Vor­po­sten der Tyran­nei« erklär­te. Sie erlaub­te die US-Regie­rungs­fol­ter. (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Condoleezza_Rice)
  • Oder Hil­la­ry Clin­ton, 2009-2013 Außen­mi­ni­ste­rin unter Oba­ma, bekannt auch durch ihre Kriegs­ak­ti­vi­tä­ten z. B. bezüg­lich Syri­en und Libyen.
  • Oder Vic­to­ria Nuland, »die neo­kon­ser­va­ti­ve Agen­tin par excel­lence« (https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/die-ukraine-ist-die-neueste-katastrophe-amerikanischer-neocons-li.242093). Sie war maß­geb­li­che Akteu­rin beim Mai­dan-Putsch und wur­de bekannt durch ihr »fuck the EU«, womit sie sich im Febru­ar 2014 in die Bemü­hun­gen u.a. von Außen­mi­ni­ster Stein­mei­er für einen fried­li­chen Kom­pro­miss mit der Regie­rung Janu­ko­witsch ein­misch­te. Sie ist wie­der im »Team Biden«, als Staats­se­kre­tä­rin im US-Außen­mi­ni­ste­ri­um aktiv.

Die »femi­ni­sti­sche«, sprich trans­at­lan­ti­sche Außen­po­li­tik Baer­bocks und ihrer ideo­lo­gi­schen Entou­ra­ge rich­tet sich ganz im Sin­ne die­ser Vor­bil­der nahe­zu aus­schließ­lich gegen Staa­ten, die sich der west­li­chen, d.h. der US-Hege­mo­nie nicht unter­ord­nen, also nach deren und ihrer Les­art gegen »Schur­ken­staa­ten«, gegen die »Ach­se des Bösen« etc., wozu wahl­wei­se Russ­land, Bela­rus, Iran, Vene­zue­la, Chi­na, Nord­ko­rea u. a. gezählt werden.

In der Tat sind die inne­ren Zustän­de in den mei­sten die­ser Län­der fürch­ter­lich: Es sind Dik­ta­tu­ren, oft »Klep­to­kra­tien«, die Gefäng­nis­se sind voll mit poli­ti­schen Gefan­ge­nen, Pres­se­frei­heit, Frau­en­rech­te wer­den miss­ach­tet, es herr­schen Kor­rup­ti­on, poli­ti­sche Unter­drückung, Poli­zei­staat, Fol­ter bis zur Todes­stra­fe, z.T. tota­le Über­wa­chung – da gibt es nichts zu beschö­ni­gen. Das ist auch die Grund­la­ge für Auf­stän­de, Wen­de-, Mai­dan-, Rosen- und Nel­ken­re­vo­lu­tio­nen, die wie­der­um mas­siv von west­li­chen Regie­run­gen, Geheim­dien­sten usw. geschürt und beein­flusst werden.

Offen­kun­dig ist aller­dings die tota­le Dop­pel­mo­ral der transatlantisch-»feministischen« Außen­po­li­tik. Denn Sank­tio­nen und poli­ti­sche Äch­tung rich­ten sich (außer »mah­nen­den Wor­ten«) über­haupt nicht gegen Schur­ken­staa­ten im west­li­chen Ein­fluss­be­reich bzw. in west­li­cher Abhän­gig­keit, beson­ders unter US-Pro­tek­ti­on. Exem­pla­risch sei­en hier nur Ägyp­ten, Sau­di-Ara­bi­en, die Tür­kei oder der israe­li­sche Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus genannt – abge­se­hen von den Zustän­den im Haupt­land des »Wer­te­we­stens«, den USA, und den noto­ri­schen US-Inter­ven­tio­nen zugun­sten rech­ter Dik­ta­tu­ren in ihrem latein­ame­ri­ka­ni­schen »Hin­ter­hof«.

Die »femi­ni­sti­sche Außen­po­li­tik« nach dem Muster Baer­bock ist also nichts als eine schein­hei­li­ge Unter­va­ri­an­te des »Men­schen­rechts-Impe­ria­lis­mus«, womit der Westen unter Füh­rung der USA sei­ne hege­mo­nia­len Ambi­tio­nen pro­pa­gan­di­stisch ver­schlei­ert und vor­an­treibt. Der mit der Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en posi­tiv besetz­te Begriff »femi­ni­stisch« wird also für ganz ande­re Zwecke besetzt, umfunk­tio­niert und instrumentalisiert.

Wor­um es tat­säch­lich geht: Je »klei­ner« der Glo­bus wird, umso hef­ti­ger wer­den die Riva­li­tä­ten um Län­der, Mee­re, Roh­stoff­quel­len, Waren-, Kapi­tal- und Waf­fen­ex­por­te etc. – mit Krieg als Ulti­ma Ratio. Immer mehr Staa­ten ent­wickeln sich von Schwel­len­län­dern zu Akteu­ren in einer mul­ti-impe­ria­li­sti­schen Gemenge­la­ge, die domi­niert wird von den »abstei­gen­den« USA, dem »pre­kä­ren« Russ­land und dem »auf­stei­gen­den« Chi­na. Einer Lage voll mul­ti­pler, unter kapi­ta­li­sti­schen Bedin­gun­gen heil­lo­ser Kri­sen, dys­to­pi­scher Aus­sich­ten und bedroh­li­cher Unsi­cher­hei­ten. Die ideo­lo­gi­sche Fik­ti­on einer »femi­ni­sti­schen« Poli­tik nach Baer­bock und der Ampel­ko­ali­ti­on soll der »gemein­sa­men Füh­rungs­part­ner­schaft Euro­pas und der USA« die­nen, wobei inzwi­schen durch den Ukrai­ne­krieg und die Rück­wir­kun­gen der Sank­ti­ons­po­li­tik kein Zwei­fel besteht, dass Euro­pa der von den USA geführ­te und abhän­gi­ge »Part­ner« in der Ver­lie­rer-Rol­le ist.