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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Freikorps und Faschismus

Am 9. März 1919 unter­schrieb der dama­li­ge Reichs­wehr­mi­ni­ster Gustav Noske (SPD) – zwecks Bekämp­fung revo­lu­tio­nä­rer Unru­hen in Ber­lin – fol­gen­den Befehl: »Jede Per­son, die mit der Waf­fe in der Hand gegen Regie­rungs­trup­pen kämp­fend ange­trof­fen wird, ist sofort zu erschießen.«

Der iri­sche Histo­ri­ker Mark Jones bemerk­te hier­zu in sei­nem 2016 erschie­ne­nen Buch »Foun­ding Wei­mar« (deut­scher Titel: »Am Anfang war Gewalt«): »Es war ein ent­schei­den­der Schritt auf dem Weg zu den Schrecken des Drit­ten Rei­ches und des Zwei­ten Welt­krie­ges. (…) Ein Moment am Anfang der Wei­ma­rer Repu­blik, der funk­tio­nell der Gewalt der Natio­nal­so­zia­li­sten am Anfang des Drit­ten Rei­ches ent­sprach. Inso­fern gehört die­sem Schieß­be­fehl eine zen­tra­le Posi­ti­on in der Debat­te über die Rol­le von Gewalt in der deut­schen Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts.« Doch statt die­se »zen­tra­le Posi­ti­on« zu über­neh­men, geriet der Tat­be­stand in den Orkus des Ver­ges­sens – oder soll man sagen, des Verschweigens?

Klaus Gie­tin­ger, der sich viel­fach publi­zi­stisch mit der gewalt­för­mi­gen Ent­ste­hungs­pha­se der Wei­ma­rer Repu­blik beschäf­tigt hat, wird nicht müde zu beto­nen, dass es sich hier­bei kei­nes­wegs um eine Form des Stand­rechts, son­dern um gar kein Recht han­del­te. Noskes Schieß­be­fehl habe eine Vor­bild­funk­ti­on für Hit­lers Kom­mis­sar­be­fehl und des­sen Kriegs­ge­richts­bar­keits­er­lass aus dem Jahr 1941 gehabt.

Eigent­li­cher Initia­tor des von Noske erlas­se­nen Schieß­be­fehls war der Frei­korps­füh­rer Wal­de­mar Pabst, der auch eine zen­tra­le Rol­le bei der Ermor­dung Luxem­burgs und Lieb­knechts sowie im Kapp-Putsch spiel­te. Über Pabst hat Gie­tin­ger eine aus­führ­li­che Bio­gra­fie ver­fasst (»Der Kon­ter­re­vo­lu­tio­när«) und sich in wei­te­ren Publi­ka­tio­nen inten­siv mit dem The­ma »Novem­ber­re­vo­lu­ti­on« und der Ent­ste­hungs­pha­se der Wei­ma­rer Repu­blik aus­ein­an­der­ge­setzt. Dabei taucht immer wie­der die Frei­korps­be­we­gung als ein zen­tra­les Ele­ment auf.

Die Frei­korps waren para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten, die das nach dem 1. Welt­krieg zer­fal­le­ne deut­sche Heer erset­zen soll­ten. Sie wur­den von den dama­li­gen SPD-Regie­rungs­mit­glie­dern um Ebert und Noske benutzt, um auf­stän­di­sche sozia­li­sti­sche Bewe­gun­gen nie­der­zu­schla­gen und den »Grenz­schutz« im Osten zu betrei­ben. Ob die Frei­korps als eine Vor­hut des Faschis­mus betrach­tet wer­den kön­nen – »Van­guard of Nazism«, wie der kana­di­sche Histo­ri­ker Robert G. L.Waite ein 1952 erschie­ne­nes Buch beti­tel­te –, ist in der Histo­ri­ker­zunft umstrit­ten. Klaus Gie­tin­ger macht sich nun gemein­sam mit Nor­bert Kozicki in »Frei­korps und Faschis­mus – Lexi­kon der Ver­nich­tungs­krie­ger« auf, den strit­ti­gen Zusam­men­hang wie­der­um zu bekräftigen.

Mit einer »kur­zen Geschich­te deut­scher staat­li­cher Gewalt«, wel­che die Autoren von den soge­nann­ten Frei­heits­krie­gen gegen Napo­le­on 1813 an schil­dern, dem spä­ten, aber dafür mas­si­ven impe­ria­li­sti­schen Drang nach Außen und dem Griff nach Osten, legen sie Grund­la­gen der Frei­korps­be­we­gung dar. Sie schil­dern die Ent­ste­hung der Ver­bän­de und ver­fol­gen deren Blut­spur über Ber­lin, Mün­chen, das Bal­ti­kum, Ober­schle­si­en sowie ihre Rol­le im Kapp-Putsch und dar­auf­fol­gend im Ruhr­ge­biet. Wer sich über die dor­ti­gen Gescheh­nis­se kon­zen­triert infor­mie­ren möch­te, ist hier gut auf­ge­ho­ben, wäh­rend die Ein­sät­ze in Mit­tel­deutsch­land und der Bre­mer Räte­re­pu­blik eher knapp gera­ten sind.

Die Autoren por­trä­tie­ren wich­ti­ge Frei­korps­ver­bän­de in Kür­ze, um sodann exem­pla­risch und aus­führ­lich den präfa­schi­sti­schen Frei­korp­ster­ror am Bei­spiel des »Frei­korps Aulock« zu schil­dern, das vor allem in Schle­si­en sein Unwe­sen trieb. Gietinger/​Kozicki ist zu ver­dan­ken, die­ses im Geschichts­be­wusst­sein weni­ger als mar­gi­nal vor­han­de­ne Gesche­hen ins Blick­feld zu rücken.

Dass Adolf Hit­ler der Frei­korps­be­we­gung eher miss­trau­isch gegen­über­stand, da er deren sei­ner Mei­nung nach »unpo­li­ti­schen« Söld­ner­cha­rak­ter und die in gewis­ser Wei­se vor­han­de­ne Miss­ach­tung von Auto­ri­tät kri­ti­sier­te, ändert nach Gietinger/​Kozicki nichts an ihrer faschi­sti­schen Vor­rei­ter­rol­le: »Die Frei­korps waren (…) ent­schei­den­de Durch­lauf­er­hit­zer für die SA, die SS und die Ver­nich­tungs­krie­ger vor Ort, an den Gene­ral­stabs­kar­ten und an den Schreib­ti­schen, sie waren aber auch Impuls­ge­ber für die neue Gewalt­stu­fe, die die jün­ge­ren Jahr­gän­ge (…), die auch ohne Kriegs- und Frei­korp­ser­fah­rung prak­ti­zier­ten.« Die Autoren wei­sen nach, dass etli­che Per­so­nen mit Frei­korps­ver­gan­gen­heit in den Füh­rungs­po­si­tio­nen der SS, der SA, des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes, den Gene­ral­stä­ben, den Ein­satz­grup­pen und auch dem medi­zi­ni­schen und ras­sen­bio­lo­gi­schen Bereich (»Akti­on T4«, »Ver­nich­tung unwer­ten Lebens«) ver­tre­ten waren, dar­un­ter Himm­ler und Heyd­rich nur als die Bekann­te­sten. Durch in dem Buch ver­öf­fent­lich­ten Namen, Daten und Tabel­len wird klar, »dass alle wich­ti­gen Appa­ra­te des deut­schen Faschis­mus im Wesent­li­chen durch­setzt waren von ehe­ma­li­gen Frei­korps­kämp­fern (…). Der Ein­fluss der alten Kämp­fer auf den Ver­nich­tungs­krieg war immens. Und dies sowohl in per­so­nel­ler als auch in ideo­lo­gi­scher, ‹welt­an­schau­li­cher› und sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Hinsicht.«

Nach der fast 150 Sei­ten aus­führ­li­chen »Ein­lei­tung« in die The­ma­tik fol­gen im lexi­ka­li­schen Teil etwa 800 kur­ze, manch­mal auch etwas umfang­rei­che­re Bio­gra­fien von Frei­korps­mit­glie­dern, die im 3. Reich eine Rol­le spiel­ten. Mit einer wahr­haft her­ku­li­schen Fleiß­ar­beit in Archi­ven und Lite­ra­tur haben die Autoren die wesent­li­chen Fak­ten akri­bisch und prä­gnant zusam­men­ge­tra­gen. Sehr inter­es­sant ist auch, dass der Wer­de­gang der betref­fen­den Per­so­nen nach 1945 erwähnt wird. So erfah­ren wir, dass der oben erwähn­te Frei­korps­füh­rer Aulock, 1948 aus der US-Gefan­gen­schaft ent­las­sen, im Wei­te­ren nie­mals juri­stisch belangt wur­de. Die­ser Sach­ver­halt ist kei­ne Aus­nah­me, son­dern die Regel. Immer wie­der tau­chen zwar län­ge­re ver­häng­te Haft­stra­fen auf, die jedoch nach 2, spä­te­stens 3 Jah­ren außer Kraft gesetzt wur­den. Ganz abge­se­hen von den Tätern, die – wenig erstaun­lich – an ihre alten Kar­rie­ren anknüp­fen konnten.

Der Zusam­men­hang von Frei­korps­be­we­gung und Faschis­mus lässt an Ein­deu­tig­keit nicht zu wün­schen übrig. Die Leug­nung die­ser Ver­bin­dung erfolgt vor allem durch den »Trick«, den Faschis­mus in einer Art »Eng­füh­rung« auf den Begriff »Natio­nal­so­zia­lis­mus« zu redu­zie­ren. Stan­den näm­lich eini­ge Frei­korps­kämp­fer den Nazi­füh­rern distan­ziert gegen­über, begrif­fen sie sich doch ganz über­wie­gend wei­ter­hin selbst als Faschisten.

Eine Anmer­kung. Die men­ta­le wie per­so­nel­le Ver­bin­dung von Frei­korps und Faschis­mus lie­ße sich ergän­zen durch eine Betrach­tung deut­scher Kolo­ni­al­ge­schich­te. Denn vie­le Frei­korps­füh­rer waren zuvor in den deut­schen Kolo­ni­al­ge­bie­ten tätig, in denen sie Gewalt­ex­zes­se ein­üb­ten, bis zum Völ­ker­mord an den Here­ro und Nama im süd­li­chen Afri­ka. Damit erhielt der Begriff der »Ver­nich­tung« eine kon­kre­te Bedeu­tung, womit sich eine nicht nur psy­cho­lo­gi­sche Blut­spur bis in das 3. Reich ergab. Die Autoren erwäh­nen dies am Ran­de. Dies zu ver­tie­fen, wür­de aller­dings ein wei­te­res Buch erfordern.

Klaus Gie­tin­ger, Nor­bert Kozicki: Frei­korps und Faschis­mus – Lexi­kon der Ver­nich­tungs­krie­ger, Schmet­ter­ling Ver­lag, Stutt­gart 2022, 440 S., 24,80 €.