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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Frohe Botschaft

Ange­sichts der per­ma­nent schlech­ten Nach­rich­ten bekommt in tri­sten Tagen eine weni­ger schlech­te Mel­dung beson­de­res Gewicht und ist dar­um der Mit­tei­lung wert. Die Bot­schaft lau­tet: Das Por­trät Carl Stein­hoffs hat einen neu­en Eigen­tü­mer und end­lich eine Hei­mat gefun­den – das 80 mal 150 Zen­ti­me­ter gro­ße Gemäl­de hängt seit Ende Novem­ber an einer Wand im Lothar-Bis­ky-Haus zu Potsdam.

Wer war Carl Stein­hoff, wer sein Maler? Und wes­halb muss man die­se Schen­kung über­haupt erwähnen?

Stein­hoff, seit 1923 Sozi­al­de­mo­krat, war nach dem Krieg der erste Mini­ster­prä­si­dent des Lan­des Bran­den­burg. Er war im Juni 1947 auch der Spre­cher der ost­deut­schen Regie­rungs­chefs auf der Mini­ster­prä­si­den­ten­kon­fe­renz in Mün­chen. Die platz­te, weil die west­deut­schen Ver­tre­ter – wozu sie von ihren west­li­chen Besat­zungs­mäch­ten ver­an­lasst wor­den waren – nur über Ver­sor­gungs­eng­päs­se spre­chen durf­ten. Ihre ost­deut­schen Kol­le­gen hin­ge­gen ver­lang­ten, über die »Schaf­fung eines deut­schen Ein­heits­staa­tes« zu reden. Ihr Wort­füh­rer, eben jener Carl Stein­hoff, kämpf­te also für die deut­sche Ein­heit, die der Westen damals augen­schein­lich schon auf­ge­ge­ben hat­te. Auch das war wohl ein Grund, wes­halb der erste sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Mini­ster­prä­si­dent Bran­den­burgs nach 1990 – der Ost­deut­sche Man­fred Stol­pe – sei­nen enga­gier­ten Vor­gän­ger expli­zit würdigte.

Stein­hoff leb­te bis zu sei­nem Tode 1981 in Wil­helms­horst bei Pots­dam. Sein Nach­bar dort war der Maler und Gra­fi­ker Kurt-Her­mann Kühn, bekannt für Fres­ken und Wand­ma­le­rei­en, Por­trät­zeich­nun­gen und -gemäl­de. Über­dies ein über­zeug­ter Sozia­list wie Stein­hoff und län­ger als zwei Jahr­zehn­te ehren­amt­li­cher Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des Bil­den­der Künst­ler im Bezirk Pots­dam – hin­läng­li­che Grün­de, war­um sei­ne Wer­ke Opfer der demo­kra­ti­schen Bil­der­stür­me­rei wur­den. Sein Wand­ge­mäl­de »Hom­mage Kurt Tuchol­sky« in Rheins­berg bei­spiels­wei­se wur­de 2005 ver­nich­tet, das Wand­fries »Erben des Spar­ta­kus« in Pots­dam »fach­ge­recht in drei Tei­le zer­legt« und in der neu­en Lan­des­bi­blio­thek ver­teilt. Kühns Wand­bild im Kli­ni­kum Neu­rup­pin »Hom­mage an die Unsterb­lich­keit« wur­de vor der Ver­nich­tung durch einen Pfar­rer bewahrt, der cou­ra­giert von der Kir­chenkan­zel am 8. Novem­ber 1994 für die­ses Werk stritt. Vor her­ab­las­sen­den Äuße­run­gen unwis­sen­der, arro­gan­ter Ärz­te aus dem Westen konn­te er Kühns Werk hin­ge­gen nicht bewah­ren. Als ver­meint­li­che Sie­ger kom­men­tier­ten sie – wie die Gesund­heits­mi­ni­ste­rin a. D. Ani­ta Tack bekun­de­te –, dass nun end­lich auch ost­deut­sche Künst­ler nach der Wen­de Wän­de bema­len durften …

Der 1989 ver­stor­be­ne Künst­ler Kühn und sei­ne Wer­ke hat­ten also, um es neu­tral zu for­mu­lie­ren, in der neu­en Zeit kei­nen son­der­lich hohen Marktwert.

Andre­as Kühn betreut, sich­tet und erforscht seit Jah­ren inten­siv den Nach­lass sei­nes Vaters und den sei­ner eben­falls künst­le­risch täti­gen Mut­ter Mari­an­ne Kühn-Ber­ger. Und dar­um bot er der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Staats­kanz­lei das von Kurt-Her­mann Kühn geschaf­fe­ne Por­trät Carl Stein­hoffs an. Über die Arbeit an die­sem Bild hat­te die­ser im Mai 1989, weni­ge Wochen vor sei­nem Tode, der Mär­ki­schen Volks­stim­me offen­bart: »Stand ich vor der Staf­fe­lei, herrsch­te Stil­le. Zwi­schen unse­ren Augen spann­te sich ima­gi­när ein Kon­takt, der für die wei­te­re Arbeit bestim­mend wur­de. Setz­te ich mich, vom Zeich­nen nerv­lich ermü­det, ihm gegen­über, führ­ten wir unse­re Unter­hal­tung fort.« Und ganz Künst­ler und Freund fuhr er fort: »Schön waren die Augen­blicke, wenn es däm­mer­te und uns die blaue Stun­de ein­hüll­te. Wenn sei­ne erzäh­len­de Stim­me den Raum erfüll­te. Wenn die unter­ge­hen­de Son­ne das Licht im Ate­lier absor­bier­te. Wenn ein Hell­dun­kel die Gestalt Stein­hoffs in Male­rei ver­wan­del­te. Wäh­rend einer sol­chen Stim­mung glaub­te ich, eine Gestalt El Gre­cos zu sehen. Saß da ein Kar­di­nal vor mir?«

Nun, die SPD-geführ­te Staats­kanz­lei nahm das Ange­bot nicht an. Stein­hoff war 1949 näm­lich von der Lan­des- in die DDR-Regie­rung gewech­selt und erster Innen­mi­ni­ster der ost­deut­schen Repu­blik gewor­den. Und hat­te oben­drein vor der Volks­kam­mer am 8. Febru­ar 1950 auch noch das Gesetz zur Bil­dung eines Mini­ste­ri­ums für Staats­si­cher­heit begrün­det. Die­ses Kains­mal wusch auch nicht der Umstand ab, dass er 1952 auf Mos­kaus Geheiß sein Mini­ster­amt auf­ge­ben muss­te: Im Kal­ten Krieg wünsch­te Sta­lin einen Mili­tär auf die­sem Stuhl, kei­nen Zivi­li­sten. So bekam denn Carl Stein­hoff, Mit­glied des ZK und kurz­zei­ti­ger Kan­di­dat des Polit­bü­ros, eine Pro­fes­sur für Ver­wal­tungs­recht an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät. Obgleich also nach heu­ti­ger Les­art »Opfer des Sta­li­nis­mus«, ret­te­te ihn das nicht. Denn wie heißt es schon bei Les­sing im Vier­ten Auf­zug: »Tut nichts! Der Jude wird verbrannt.«

Die Staats­kanz­lei woll­te Kühns Stein­hoff-Por­trät also nicht. Eben­falls kein Inter­es­se zeig­ten die Frak­ti­on der Lin­ken und die der Par­tei nahe­ste­hen­de Rosa-Luxem­burg-Stif­tung. Man schen­ke die Auf­merk­sam­keit lie­ber den leben­den als den toten Künst­lern, hieß es zur Begrün­dung, was Kühn jr. zu der sar­ka­sti­schen Bemer­kung ver­an­lass­te, dass dies wohl zuträ­fe. Marx ist ja auch tot.

Aller­dings war da der Bran­den­bur­ger Lan­des­ver­band der Lin­ken, also sozu­sa­gen die Par­tei­ba­sis, ganz ande­rer Auf­fas­sung. Sie nahm das Geschenk dank­bar an – und rich­te­te im Par­tei­haus in der Pots­da­mer Allee­stra­ße gleich eine Aus­stel­lung mit sech­zig Arbei­ten Kühns aus (zu sehen bis zum 28. Febru­ar 2023). Nun hat Carl Stein­hoffs Por­trät eine neue Hei­mat, nach­dem er jah­re­lang bei den Neu­rup­pi­ner Stadt­wer­ken in einem Tra­fo­häus­chen unter- und abge­stellt war.