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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Früchte des Zorns

Wer besin­nungs-los Abschied vom Gestern nimmt, dem fehlt für mor­gen die weg­wei­sen­de Gesin­nung. Wen die Geschich­te nichts leh­ren konn­te, der wird womög­lich dazu ver­ur­teilt sein, die­sel­be Tra­gö­die erneut zu erle­ben. Und sei es als Farce.

Im Mai 1957, als die »zor­ni­gen jun­gen Män­ner« mit John Osborns Thea­ter­stück Look Back in Anger die Weltbühne betra­ten, war Chri­sti­an Schultz zwölf Jah­re alt. 15 Jah­re spä­ter war er selbst ein Angry Young Men. Er füg­te sei­nem Namen den Zusatz Ger­stein bei, »um zu bekun­den, dass er dar­un­ter litt, Sohn eines NS-Rich­ters zu sein und ger­ne einen Mann wie den Wider­stands­kämp­fer Kurt Ger­stein zum Vater gehabt hät­te«. Das Zitat stammt von dem eben­falls 1945 gebo­re­nen und im Dezem­ber 2018 gestor­be­ne Publi­zi­sten Wolf­gang Pohrt. Zu fin­den ist es in Pohrts Vor­wort zu der nach 34 Jah­ren von Klaus Bit­ter­mann in sei­nem ver­dienst­vol­len Ver­lag Edi­ti­on Tiamat wie­der auf­ge­leg­ten Samm­lung von Por­träts, Essays, Repor­ta­gen und Glos­sen Schultz-Ger­steins. Titel: »Rasen­de Mit­läu­fer, kri­ti­sche Oppor­tu­ni­sten«.

Die Zor­ni­gen jun­gen Män­ner, kurz Angries genannt, hat­ten den Zwei­ten Welt­krieg nicht mehr mit­er­lebt und blick­ten daher umso (gesellschafts-)kritischer auf die Nach­kriegs­kul­tur. So wur­den der schrift­stel­lern­de Bern­ward Ves­per, Sohn des Nazi-Autors Will Ves­per, und der öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler, Wider­stands­kämp­fer und KZ-Häft­ling Jean Amé­ry zu Vor­bil­dern Schultz-Ger­steins. Bei­de hat­ten ihre Leh­re aus der Geschich­te gezo­gen und woll­ten nicht, dass sie sich wiederholt.

Schultz-Ger­stein stu­dier­te Ger­ma­ni­stik und Theo­lo­gie in Ham­burg und Tübin­gen, ver­dien­te sein Geld als Ten­nis­leh­rer und schrieb ab 1970 als frei­er Autor für die Zeit. Zwi­schen 1976 und 1984 war er als Kul­tur­re­dak­teur beim Spie­gel ange­stellt und anschlie­ßend für kur­ze Zeit beim Stern. Als er im Früh­jahr 1987 mit 42 Jah­ren starb, kräh­te aus all die­sen Blät­tern unse­rer anson­sten geschwät­zi­gen Zunft kein Hahn nach ihm. Wenn über­haupt, beschränk­ten sich die Nach­ru­fe auf weni­ge Zei­len im ein­spal­ti­gen Bereich. Auch heu­te hält sich die Anzahl der Rezen­sio­nen des wie­der auf­ge­leg­ten Sam­mel­ban­des in all die­sen Blät­tern in Gren­zen. Den Grund benann­te Peter Nowak im nd am 2. Janu­ar 2022: Schultz-Ger­stein war ein »Pro­vo­ka­teur und ste­ti­ger Kri­ti­ker einer sich rechts wen­den­den libe­ra­len Kul­ture­li­te«. Sei­ne Tex­te sei­en heu­te »Dia­gram­me einer ver­schüt­te­ten Welt«.

Ver­set­zen wir uns also lesend zurück in die 1970er und 1980er Jah­re, »in die nun end­gül­tig ver­gan­ge­ne gute Zeit, in der selbst Mumi­en noch Fun­ken sprü­hen, weil ein Schultz-Ger­stein sich an ihnen rieb« (Porth). Lesen wir, was von jenen Tagen übrig­blieb. Ent­decken wir, war­um Wolf­ram Schüt­te in der Frank­fur­ter Rund­schau frag­te, ob die­ser Mann »noch zurech­nungs­fä­hig« sei, war­um sich Ulrich Grei­ner in der Zeit in einem lan­gen Arti­kel gegen ihn posi­tio­nier­te und Buch­ver­le­ger dem Spie­gel mit Anzei­gen­boy­kott drohten.

1982, das Feuil­le­ton ist aus dem Häus­chen: Botho Strauß hat ein neu­es Buch geschrie­ben, »end­lich wie­der eine Spra­che, die man in der deut­schen Lite­ra­tur lan­ge ver­misst hat«. Joa­chim Kai­ser in der Süd­deut­schen Zei­tung: »Das Erschei­nen die­ses Buches ist ein histo­ri­sches Datum.« Schultz-Ger­stein dage­gen im Spie­gel: Strauß lau­fe jeder Mode nach, um sie anschlie­ßend als Mode zu denun­zie­ren: »Die­se Phi­lo­so­phie ist genau das Evan­ge­li­um, das der Lite­ra­tur­be­trieb des­halb so inbrün­stig anbe­tet, weil es den Oppor­tu­nis­mus der Sai­son-Den­ker, die noch in jeder Ten­denz­wen­de mit kri­ti­schem Bewusst­sein sich mit­ge­wen­det haben, zur höhe­ren Ver­nunft non­kon­for­mer Intel­lek­tu­el­ler erklärt.«

Über Gün­ter Grass schrieb Schultz-Ger­stein 1986 im Stern: »Seit dem Erfolg sei­nes 1959 erschie­ne­nen Romans Die Blech­trom­mel (…) neigt Gün­ter Grass dazu, jedes Goe­the-Insti­tut, das ihn ein­lädt, mit dem Wei­ßen Haus zu ver­wech­seln und bei öffent­li­chen Auf­trit­ten wie sein Kol­le­ge im Vati­kan urbi et orbi zu sprechen.«

Peter Hand­ke, Rai­nald Goe­tz (»Der rasen­de Mit­läu­fer«), Urs Jaeg­gi (»Ein Radi­ka­ler für alle Fäl­le«), Hans Chri­stoph Buch, André Hel­ler (»Melan­cho­lie ist sein Par­füm«), Peter Schnei­der (»Ein Genos­se auf der Suche nach sich selbst«) fin­den sich auf dem Sezier­tisch wie­der, um nur eini­ge auch heu­te noch bekann­te Namen zu erwäh­nen. Und selbst­ver­ständ­lich kriegt auch Mar­cel Reich-Ranicki (»Ein furcht­ba­rer Kunst-Rich­ter«) sein Fett weg, 1978 im Spie­gel: »Mit die­ser Offi­ziers-Kasi­no-Bil­dung des ›333 – bei Issos Kei­le­rei‹, immer irgend­ei­nen Rit­ter­kreuz­trä­ger des Gei­stes zitie­rend, als wären Les­sing oder Schil­ler Zucht­mei­ster und ihre Sät­ze Rohr­stöcke, mit denen man Kin­der zur Räson bringt, die ihre Sup­pe nicht essen wol­len – nichts wei­ter tut Reich-Ranicki, als sich aus dem Arse­nal kul­tu­rel­ler Droh­ge­bär­den nach Her­zens­lust zu bedienen.«

Aber im Tage­werk Schultz-Ger­steins geht es nicht nur um Lite­ra­tur. Er befasst sich mit Micha­el Küh­nen, einem Anfang der 1980er Jah­re bekann­ten Neo­na­zi. Spie­gel 1982: »Wenn Neo­na­zis gefähr­lich sind, dann in ihrer Eigen­schaft als Ver­lie­rer, die Ver­lie­rer has­sen.« Auf die­sen Neo­na­zi folgt pas­sen­der­wei­se im Buch der Text über den ehe­ma­li­gen baden-würt­tem­ber­gi­schen CDU-Mini­ster­prä­si­den­ten Hans Fil­bin­ger, Spie­gel 1978: »So sehr man sich im Lauf der Jahr­zehn­te auch dar­an gewöhnt hat, dass es in Deutsch­land [kei­ne] Natio­nal­so­zia­li­sten (…) gab, geschwei­ge denn gibt, schon gar nicht in aller­höch­sten Ämtern des öffent­li­chen Dien­stes.« Der »Rich­ter und Straf­ver­fol­ger im Dien­ste Adolf Hit­lers« wird jour­na­li­stisch gerichtet.

Der läng­ste Text in die­sem Lese-Buch ent­hält ein Gespräch Schultz-Ger­steins mit dem von ihm bewun­der­ten Jean Amé­ry aus dem Jahr 1976, des­sen Buch »Hand an sich legen« gera­de erschie­nen war, ein Plä­doy­er für den Frei­tod. Ver­le­ger Klaus Bit­ter­mann schreibt dazu im Nach­wort: Amé­ry »war zurück­hal­tend, höf­lich, nach­denk­lich, grüb­le­risch. Amé­ry löste damit bei Schultz-Ger­stein etwas aus. War er bis dahin noch ein­ge­schüch­tert von der Eli­te mit ›ihrem her­risch-lar­moy­an­ten Gefa­sel vom man­geln­den Geschichts­be­wusst­sein der Nach­kriegs­ju­gend‹, die nicht mit­re­den konn­te, weil sie das alles nicht mit­ge­macht habe, jetzt stieg eine Wut in Schultz-Ger­stein hoch, und die­se Wut, so schrieb er, war er sich und Amé­ry schul­dig. Noch im glei­chen Jahr kam es zum Bruch mit sei­ner Fami­lie und zu einer Anstel­lung beim Spie­gel, wo er an einem zen­tra­len Ort des kul­tu­rel­len Betriebs sei­ner Wut Aus­druck ver­lieh, beherrscht, tref­fend, mit gro­ßer Ele­ganz und kaltblütig.«

Das alles kön­nen Sie jetzt ja sel­ber lesen, in die­sem bemer­kens­wer­ten Band mit den vie­len Por­traits des »Inven­tars einer Mena­ge­rie namens BRD« (Pohrt).

Chri­sti­an Schultz-Ger­stein: Rasen­de Mit­läu­fer, kri­ti­sche Oppor­tu­ni­sten, 448 S., Edi­ti­on Tiamat, Ber­lin 2021, 26 €. 

Klaus Bit­ter­mann: Der Intel­lek­tu­el­le als Unru­he­stif­ter – Wolf­gang Pohrt, eine Bio­gra­phie, Edi­ti­on Tiamat, Ber­lin 2022, 696 Sei­ten, 36 €.