Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gärige Haufen

Dem Wort­sin­ne nach gibt es mitt­ler­wei­le drei gäri­ge Hau­fen im Bun­des­tag. Neben der AfD, auf die ihr ein­sti­ger Vor­sit­zen­der Gau­land den Begriff ursprüng­lich gemünzt hat­te, gärt es auch in der SPD und in der CDU, wie deren jüng­ste Par­tei­ta­ge gezeigt haben. Bei den Sozi­al­de­mo­kra­ten und den Christ­de­mo­kra­ten geht es dar­um, ob sie ihre poli­ti­sche Zweck­ehe fort­set­zen sol­len oder nicht, wäh­rend in der Alter­na­ti­ve für Deutsch­land dar­über gestrit­ten wird, ob sie sich als bür­ger­lich oder deutsch­na­tio­nal ver­steht. Wohin die Rei­se gehen wird, kann der­zeit nie­mand ver­läss­lich vorhersagen.

Nimmt man das jüng­ste ZDF-Polit­ba­ro­me­ter zur Grund­la­ge, kön­nen CDU und CSU nur dann damit rech­nen, wie­der die Bun­des­kanz­le­rin oder den Bun­des­kanz­ler zu stel­len, wenn sie neben den Frei­en Demo­kra­ten ent­we­der die Grü­nen oder die AfD ins Boot holen. Eine Neu­auf­la­ge der Gro­ßen Koali­ti­on scheint aus­ge­schlos­sen. Rech­ne­risch denk­bar wäre eine Koali­ti­on unter Füh­rung der Grü­nen, mit­ge­tra­gen von den Sozi­al­de­mo­kra­ten und der Links­par­tei. Ein sol­ches Bünd­nis könn­ten CDU/​CSU, FDP und AfD zusam­men jedoch verhindern.

Solan­ge die Uni­ons­par­tei­en bei ihrer ableh­nen­den Hal­tung gegen­über der Alter­na­ti­ve für Deutsch­land blei­ben, besteht kein Grund zur Sor­ge vor einem Abrut­schen des Lan­des in natio­na­li­sti­sches Fahr­was­ser, obwohl sich – wie die Süd­deut­sche Zei­tung die­ser Tage bemerk­te – »in der Welt, zuvor­derst in Ame­ri­ka, aber auch in Groß­bri­tan­ni­en oder Ost­eu­ro­pa, der poli­ti­sche wie wirt­schaft­li­che Fokus stär­ker auf das Natio­na­le rich­tet«. US-Prä­si­dent Trump hat das mit sei­nem bru­ta­len »Ame­ri­ca first« auf den Punkt gebracht.

Was die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on von frü­her unter­schei­det, ist die Hal­tung der deut­schen Wirt­schaft. Als die rechts­ge­rich­te­te Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands zu ihrem Höhen­flug ansetz­te, schrieb die Zeit­schrift des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Arbeit­ge­ber­ver­bän­de, Der Arbeit­ge­ber, in der Aus­ga­be vom 20. April 1966, dass die natio­na­le Fra­ge viru­lent gewor­den sei, »hal­ten wir nicht von vorn­her­ein für ein Unglück … Bis zum Beweis des Gegen­teils sind wir n i c h t der unab­ding­ba­ren Mei­nung, bei der NPD han­de­le es sich um eine Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der NSDAP«. Das Blatt for­der­te »Mut zur sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung«. Dann wer­de sich zei­gen, ob bei der NPD »die ein­fluss­rei­che, dem natio­na­li­sti­schen und rechts­ex­tre­men Gedan­ken­gut ver­pflich­te­te Funk­tio­närs­grup­pe die Ober­hand behält, oder ob es neu­en, demo­kra­ti­schen Kräf­ten gelin­gen wird, die Par­tei in eine natio­nal-kon­ser­va­ti­ve, doch der frei­heit­li­chen Grund­ord­nung ver­pflich­te­te Rich­tung zu führen«.

Was dar­aus gewor­den ist zeig­te sich 2017, als das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der NPD eine »Wesens­ver­wandt­schaft« zum Natio­nal­so­zia­lis­mus beschei­nig­te, ein Ver­bot der Par­tei gleich­wohl aber ablehn­te, weil sie zu bedeu­tungs­los sei, um die Demo­kra­tie zu gefähr­den. Im sel­ben Jahr zog die AfD mit rund 90 Abge­ord­ne­ten in den Bun­des­tag ein und ent­wickel­te sich in meh­re­ren ost­deut­schen Bun­des­län­dern zur unmit­tel­ba­ren Kon­kur­ren­tin der CDU. Noch ehe es so weit war, hat­te der Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der deut­schen Indu­strie, Kempf, vor nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen gewarnt. »Erfol­ge der AfD scha­den dem Image unse­res Lan­des«, sag­te er. Der Arbeit­ge­ber­ver­band der Regi­on Braun­schweig kri­ti­sier­te die Hal­tung der AfD in der Flücht­lings­fra­ge und warf ihr Frem­den­feind­lich­keit vor. Die Arbeit­ge­ber erleb­ten in den Betrie­ben jeden Tag, dass Flücht­lin­ge zu geschätz­ten Kol­le­gen gewor­den seien.

Nach Ansicht des Mei­nungs­for­schers Güll­ner vom Befra­gungs­in­sti­tut For­sa ver­sam­meln sich bei der AfD über­wie­gend Men­schen mit einem rechts­ra­di­ka­len Welt­bild. Zwei­und­vier­zig Pro­zent die­ser Wäh­ler sei­en der Mei­nung, dass Deutsch­land wie­der einen star­ken Mann brau­che, 15 Pro­zent sag­ten sogar, dass die Nazis Mil­lio­nen Men­schen umge­bracht hät­ten, sei Pro­pa­gan­da der Sie­ger­mäch­te. Die AfD sei jeden­falls kei­ne bür­ger­li­che Par­tei, so Güll­ner. Den gegen­tei­li­gen Ein­druck zu erwecken war das Haupt­ziel ihres Braun­schwei­ger Par­tei­ta­ges. Des­halb kamen Scharf­ma­cher wie Höcke und Curio nicht zum Zuge. Was mor­gen in die­sem, aber auch in den bei­den ande­ren »gäri­gen Hau­fen« sein wird, bleibt abzuwarten.