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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ganz Schön Lustig

Unweit mei­ner noch zu DDR-Zei­ten bezo­ge­nen Miet­woh­nung, gleich­sam in Sicht­wei­te, befin­den sich der Reichs­tag und ande­re Gebäu­de unse­rer Obrig­keit. Da kommt es schon vor, dass man auf der Stra­ße oder im Zei­tungs­la­den auf die­ses oder jenes aus dem Fern­se­hen bekann­te Gesicht trifft. Je bedeu­ten­der das Amt, desto mehr Men­schen hän­gen am Rock­zip­fel. Die mei­sten sind solo unter­wegs, weil nur ein­fa­che Abge­ord­ne­te. Nicht weni­ge woh­nen auch im ver­meint­li­chen Zen­trum der Macht. So ist der Weg zum Arbeits­platz kurz und emis­si­ons­arm oder sogar -frei. Um die Ecke wohn­te mal ein grü­ner Außen­mi­ni­ster. Der war damals rank und schlank und jogg­te mit ins Gesicht gezo­ge­nem Base­cap immer an der Spree ent­lang, gefolgt von zwei kurz­at­mi­gen Per­so­nen­schüt­zern. Manch­mal glaub­te ich, er lief nur zum Ver­gnü­gen, um sie zu ärgern. Die muss­ten ihm schließ­lich auf den Fer­sen blei­ben. Als er sei­nes Amtes und die­ses Ver­gnü­gens ver­lu­stig ging, wur­de er wie­der fett wie einst. Aber, und des­halb erzäh­le ich es: Er war augen­schein­lich bele­sen und besaß ein gewis­ses Gespür für Poin­ten. Sei­ne Woh­nung befand sich näm­lich um die Ecke in der Tuchol­sky­stra­ße. Und unten an der Klin­gel­lei­ste stan­den die Namen Peter Pan­ther und Theo­bald Tiger.

Nur weni­ge hun­dert Meter wei­ter, vis-à-vis dem sei­ner­zei­ti­gen Haupt­ein­gang zum Per­ga­mon­mu­se­um, hat­te eine Frau aus der Ucker­mark Quar­tier genom­men. Sie wohn­te in einem der restau­rier­ten Bür­ger­häu­ser wie Kre­ti und Ple­ti zur Mie­te, die ihr nach­ge­sag­te Beschei­den­heit wur­de auch dadurch sicht­bar. Kabi­netts­mit­glie­der besa­ßen mil­lio­nen­teu­re Vil­len im Gru­ne­wald und lie­ßen sich das Essen ins Haus brin­gen – sie kauf­te im Super­markt um die Ecke und trug die Taschen selbst. Am Por­tal des Mehr­ge­schos­sers stan­den ver­schie­de­ne Namen, u. a. »Schön«, »Ganz« und »Lustig«. Wor­aus geschlos­sen wer­den konn­te, dass es sich wohl um das auf die­se Wei­se getarn­te Domi­zil der Kanz­le­rin han­deln muss­te, wel­che für ihren fein­sin­ni­gen Humor bekannt war. »Ganz Schön Lustig«, las man da von oben nach unten an der Leiste.

Im Kiez zwi­schen Tuchol­sky­stra­ße und Mon­bi­jou Park, Syn­ago­ge und Muse­ums­in­sel wur­den und wer­den alte Gebäu­de wie­der her­ge­rich­tet und als Resi­denz, Palais, Gro­pi­us-Ensem­ble, Logen­haus und Haupttele­gra­fen­amt »an den Markt«, also an zah­lungs­kräf­ti­ge Kun­den gebracht. Dar­un­ter, wie erwar­tet, sind auch etli­che noch frem­de Gesich­ter, deren Arbeits­weg seit dem Herbst ent­lang der Spree bis zum Bun­des­tag führt. Die neu­en Nach­barn schei­nen aller­dings weni­ger lite­ra­risch und histo­risch bewan­dert zu sein als ihre Vor­gän­ger, sie wir­ken auch weni­ger lustig und vom Geni­us loci unbe­rührt. An den Klin­gel­lei­sten der Ein­gän­ge ste­hen nur Kür­zel wie E. W., G. H., W. G., N. M., A. P., G. Z., D. M., B. M.

Viel­leicht aber schüt­zen sich die Bewoh­ner mit den Initia­len auch nur vor mög­li­chen Fackel­um­zü­gen und Auf­mär­schen poli­ti­scher Wirr­köp­fe und rech­ter Fana­ti­ker, die jetzt in Mode gekom­men sind. Die­se Umzü­ge sind näm­lich über­haupt nicht lustig.