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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gedanken in schlaflosen Nächten

Die­ser unge­heu­er­li­che Krieg lässt mich nicht schla­fen, aber auch so man­che der jetzt schnell und uni­so­no beschlos­se­nen Fol­ge­maß­nah­men rau­ben mir den Schlaf.

Mei­ne Gedan­ken sind beim ukrai­ni­schen Volk, ins­be­son­de­re bei mei­nen vie­len lang­jäh­ri­gen wis­sen­schaft­li­chen Koope­ra­ti­ons­part­nern und Freun­den, so z. B. bei mei­nen väter­li­chen Wis­sen­schaft­ler­kol­le­gen Ale­xei und Anton, die mich 1989/​90 in ihrem Labor in Kiew auf­ge­nom­men haben und die nun bei­de fast 90-jäh­rig mit ihren Frau­en in der Innen­stadt von Kiew ausharren.

Mei­ne Gedan­ken sind bei unse­ren aktu­el­len Koope­ra­ti­ons­part­nern Tama­ra, Dima, Ser­gei und Oleg. Oleg, unser Haus steht Dei­nen bei­den Töch­tern offen, sofern ihnen die Flucht – unbe­scha­det von abscheu­li­chen Men­schen­händ­ler­ban­den – gelin­gen sollte.

Mei­ne Gedan­ken sind bei mei­nem Kol­le­gen And­rey, der zufäl­lig zu Kriegs­aus­bruch zu einem For­schungs­aus­tausch in Deutsch­land weil­te und nun um sei­nen Sohn bangt, der auf­grund des ver­häng­ten Kriegs­rechts die Ukrai­ne genau­so nicht ver­las­sen darf wie die vie­len jun­gen Fami­li­en­vä­ter, die ihre flüch­ten­den Frau­en und Kin­der an den Gren­zen der Ukrai­ne allein wei­ter­zie­hen las­sen müssen.

Mei­ne Gedan­ken sind bei der Kie­wer Dok­to­ran­din Dar­i­na, die vor 5 Jah­ren in mei­nem Labor forsch­te und inzwi­schen in Deutsch­land lebt und arbei­tet. Dar­i­na, wir den­ken noch an die­ses wun­der­vol­le Fest­mahl kurz vor Weih­nach­ten 2018, wel­ches Dei­ne für­sorg­li­che Mama in Eurer engen Woh­nung in einem Kie­wer Rand­be­zirk für Dei­ne Freun­de aus Öster­reich und Deutsch­land gezau­bert hat­te. Wir erin­nern uns aber auch an Dei­ne Sor­gen damals, dass die Ehe Dei­ner Eltern an den von Dei­ner Mut­ter nicht zu akzep­tie­ren­den ultra­na­tio­na­li­sti­schen Ansich­ten Dei­nes Vaters zu zer­bre­chen droht.

Dar­i­na, ich tei­le Dein Ent­set­zen dar­über, dass Dei­ne in Deutsch­land arbei­ten­den rus­si­schen Kol­le­gen, die z. T. seit drei Jahr­zehn­ten best­aus­ge­bil­det auf nied­rig dotier­ten befri­ste­ten Stel­len Spit­zen­for­schung betrie­ben haben, nun plötz­lich mit Ver­trags­kün­di­gun­gen rech­nen müssen.

Mei­ne Gedan­ken sind auch bei den muti­gen rus­si­schen Frau­en und Män­nern, die in ihrem Hei­mat­land gegen die­sen Krieg demon­strie­ren und das mit Frei­heits­ent­zug bezah­len. Mei­ne Gedan­ken sind aber auch bei den­je­ni­gen rus­si­schen Frau­en und Män­nern, die momen­tan in schlaf­lo­sen Näch­ten mit sich rin­gen, die­sen Schritt zu gehen, eben­so bei allen, die in Russ­land unter die­sem Krieg leiden.

Wei­ter gehen mei­ne Gedan­ken heu­te auch 20 Jah­re zurück, als die afro­ame­ri­ka­ni­sche Abge­ord­ne­te Bar­ba­ra Lee, als ein­zi­ge Ver­tre­te­rin bei­der Kon­gress­kam­mern der USA, gegen die Auto­ri­sie­rung mili­tä­ri­scher Gewalt als Ant­wort auf die Ter­ror­an­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 gestimmt hat. In die­sem Zusam­men­hang sei auch an den aus Wien stam­men­den Wal­ter Kohn (1923-2016) erin­nert. Er gelang­te durch die von Groß­bri­tan­ni­en orga­ni­sier­ten »Kin­der­trans­por­te« zur Ret­tung jüdi­scher Kin­der 1938/​39 nach Eng­land, pro­mo­vier­te 10 Jah­re spä­ter in den USA in theo­re­ti­scher Phy­sik und erhielt 1998 den Nobel­preis für Che­mie. Wal­ter Kohn, des­sen Eltern im Holo­caust umka­men, initi­ier­te im Janu­ar 2003 eine Dekla­ra­ti­on von 41 US-ame­ri­ka­ni­schen Nobel­preis­trä­gern gegen den dro­hen­den Irak­krieg. Lei­der blieb die­se muti­ge Akti­on unge­hört. Zwei Mona­te spä­ter begann die als »Prä­ven­tiv­krieg« bezeich­ne­te Aggres­si­on der USA und Groß­bri­tan­ni­ens auf ein Land auf einem ande­ren Kon­ti­nent, deren Begrün­dung sich als falsch erwie­sen hat und die zu unzäh­li­gen zivi­len Opfern führ­te. Die ver­ant­wort­li­chen Staats­män­ner haben sich mit einem »I am sor­ry« und Hin­weis dar­auf, dass sie falsch infor­miert wor­den wären, aus der Affä­re gezogen.

Letzt­lich sind mei­ne Gedan­ken bei der jun­gen, beherz­ten Gre­ta Thun­berg, die jeden Frei­tag welt­weit Zehn­tau­sen­de jun­ge Demon­stran­tIn­nen für Kli­ma­ge­rech­tig­keit und Frie­den mobi­li­siert. Jeder Tag, der die­ser Krieg län­ger dau­ert, jede Waf­fe, die in das Kriegs­ge­biet gelie­fert wird, jeder Euro, der jetzt für die Rüstung locker gemacht wird, ver­schlim­mert nicht nur das Leid von Unschul­di­gen, son­dern befeu­ert auch den die gesam­te Mensch­heit bedro­hen­den Klimawandel.