Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Gelebte Poesie

Immer, wenn die jewei­li­gen Büch­ner-Preis­trä­ger bekannt gege­ben wur­den, war ich trau­rig, weil mein Favo­rit Chri­stoph Hein es nicht gewor­den war. Sein umfang­rei­ches Werk ver­dient mei­ner Ansicht nach die hohe Aus­zeich­nung mehr als die Bücher der Autoren, die in den letz­ten Jah­ren den Preis erhal­ten haben.

In die­sem Jahr also Emi­ne Sev­gi Özda­mar, und die Lek­tü­re ihres jüng­sten Buches »Ein von Schat­ten begrenz­ter Raum« ver­söhnt mich ein biss­chen (wenn auch nicht ganz!) mit der Jury. Nicht nur, dass Emi­ne Sev­gi Özda­mar eine Frau (erst die Zwölf­te!) ist, sie ist auch die erste Preis­trä­ge­rin über­haupt, deren Mut­ter­spra­che nicht Deutsch ist, macht die dies­jäh­ri­ge Ent­schei­dung bedeu­tend – vor allem geht es doch um Lite­ra­tur, und da über­zeugt die Autorin auf ein­drucks­vol­le Wei­se. Das Buch ist eine Wucht, hat Charme, ist eigen­stän­dig und ori­gi­nell, bil­der­reich und welt­hal­tig. Es ver­blüfft und unter­hält die Leser immer aufs Neue. Eben gro­ße Literatur.

Gebo­ren wur­de Emi­ne Sev­gi Özda­mar 1946 in Malatya/​Türkei. Sie erleb­te ihre Kind­heit in Istan­bul. Bereits mit 12 Jah­ren stand sie auf der Büh­ne und woll­te seit­dem nur Schau­spie­le­rin wer­den. Doch vor­her arbei­te­te sie ein hal­bes Jahr als Gast­ar­bei­te­rin in einer Elek­tro­fa­brik in Deutsch­land. Dem folg­te die Schau­spiel­schu­le in Istan­bul, sie spiel­te Peter Weiss und Brecht war eine enga­gier­te Stu­den­tin, die gegen den Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus im eige­nen Land auf­be­gehr­te und nach dem Mili­tär­putsch nicht mehr sicher war. Sie ging nach Deutsch­land, arbei­te­te bei Ben­no Bes­son und Mat­thi­as Lang­hoff, war zwi­schen­zeit­lich in Paris und Avi­gnon, dann in Bochum bei Claus Pey­mann und in Gast­spie­len ande­rer berühm­ter Regis­seu­re. In der Tür­kei hat­te sie Medea und die Corday gespielt, in Deutsch­land wur­de sie »berühmt« in Rol­len tür­ki­scher Putz­frau­en. Aber sie setz­te sich durch und über­zeug­te, denn ihrer Krea­ti­vi­tät waren kei­ne Gren­zen gesetzt: Ob Hand­pup­pen oder Col­la­gen zur jewei­li­gen Auf­füh­rung – immer setz­te sich Özda­mar mit der anste­hen­den Auf­ga­be auf ori­gi­nel­le Art auseinander.

1982 erschien ihr erstes schrift­stel­le­ri­sches Werk – die sozi­al­kri­ti­sche Thea­ter­ko­mö­die »Kara­göz in Ale­ma­nia«. Für einen Text aus dem 1992 ver­öf­fent­lich­ten Roman »Das Leben ist eine Kara­wan­se­rei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der ande­ren ging ich raus« erhielt sie 1991 den Inge­borg-Bach­mann-Preis. In wei­te­ren Roma­nen – »Die Brücke vom Gol­de­nen Horn« (1998), »Selt­sa­me Ster­ne star­ren zur Erde. Wed­ding-Pan­kow 1976/​77« (2003) – ver­ar­bei­te­te sie jeweils Sta­tio­nen ihres Lebens. Immer blieb sie ihrem Stil, der genau­en Dar­stel­lung der Umwelt, gemischt mit der fan­ta­sie­vol­len Schil­de­rung des sub­jek­ti­ven Erle­bens treu. Sie erzählt schein­bar unge­hemmt, manch­mal ausschweifend.

Nach län­ge­rer Pau­se erschien im ver­gan­ge­nen Jahr »Ein von Schat­ten begrenz­ter Raum«, eine Auto­bio­gra­phie, frei­lich in der Art Özda­mars. Da reden Wän­de, und Krä­hen bera­ten. Träu­me neh­men gro­ßen Platz ein, und die Autorin strei­tet mit sich selbst. Fremd­sein wird hin­ter­fragt und wider­legt. Auf die Hal­tung zum Leben kommt es an, und da ent­wirft Özda­mar die gro­ße Uto­pie geleb­ter Poe­sie. Sich selbst schil­dert sie als stän­dig Ler­nen­de, Beob­ach­ten­de. Die Thea­ter sind Stät­ten des Suchens und Fin­dens, des freud­vol­len Mit­ein­an­ders, letzt­end­lich steht die Ver­nunft auf dem Plan. Gedich­te unter­stüt­zen die Bestre­bun­gen. Sie beschreibt die Soli­da­ri­tät und Zärt­lich­keit der Thea­ter­leu­te unter­ein­an­der, wie vie­le Kol­le­gen und Freun­de gaben ihr Obdach und Hil­fe. Das Lebens­ge­fühl tri­um­phiert, weder bloß in Ber­lin, Istan­bul oder Paris, son­dern in den Freun­den, in den Büchern und Tex­ten und in den Kämp­fen der Zeit zuhau­se zu sein, dar­in zu woh­nen. Immer ist sie sich bewusst, dass das eine Zwi­schen­zeit ist, und »drau­ßen« oder »spä­ter« wie­der die all­täg­li­che Gewalt, gar Krie­ge domi­nie­ren. Aber jetzt, gera­de jetzt genießt sie die Freund­schaf­ten, die gegen­sei­ti­ge Hil­fe, die Lust am Schöp­fe­ri­schen und die Lebens­lust. Sie erlebt, ver­teilt und erhält Freund­lich­keit und Ver­ständ­nis, und fast könn­te man mei­nen, dass eine sol­che Exi­stenz leb­bar wäre, gäbe es nicht die Schat­ten, die die­sen Raum begren­zen. Özda­mar weiß dar­um, sie bezieht die gan­ze Welt in ihren lite­ra­ri­schen Kos­mos ein. Ein gro­ßes Buch!

Emi­ne Sev­gi Özda­mar: »Ein von Schat­ten begrenz­ter Raum«, Suhr­kamp Ver­lag, 800 S., 28 €.