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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Geschichte? Alltägliche Gegenwart

Es erscheint als Wider­spruch und ist – je nach Betrach­tungs­wei­se – sicher­lich einer. Im All­tag begeg­net uns Histo­rie als Ver­gan­gen­heit auf Schritt und Tritt – in Stra­ßen­na­men, als Denk­mal, Mahn­mal oder Erin­ne­rungs­ort, als Stol­per­stein, in Akten, Anna­len und zeit­ge­mäß im Inter­net. Über das Fach Geschich­te in der Schu­le und sei­ne Wer­tig­keit wäre gleich­falls nach­zu­den­ken. Lan­den wir in der Gegenwart.

Wie gehen wir mit Geschich­te um, wie deu­ten wir Ver­gan­ge­nes mit dem Blick der heu­ti­gen Tage? Da gibt es die Deu­tungs­kämp­fe der Histo­ri­ker­zunft wie Defi­zi­te all­ge­mein beim Nor­mal­bür­ger, in den Medi­en und der Poli­tik im Beson­de­ren. Dort zählt nur, was ins gän­gi­ge Bild passt oder mit ent­spre­chen­der Wort­wahl pas­send gemacht wird.

75 Jah­re nach Beginn der Nürn­ber­ger Pro­zes­se gegen die Haupt­kriegs­ver­bre­cher und den Nazi-Klün­gel erscheint es fast sen­sa­tio­nell, dass end­lich die beson­ders hohe NS-Bela­stung bei der Bun­des­an­walt­schaft in Karls­ru­he wis­sen­schaft­lich erforscht und publik gemacht wur­de. Die Ergeb­nis­se einer umfang­rei­chen Stu­die des Rechts­wis­sen­schaft­lers Chri­stoph Saf­fer­ling und des Histo­ri­kers Fried­rich Kieß­ling zu ihren For­schun­gen lie­gen nun als Buch vor (»Staats­schutz im Kal­ten Krieg – Die Bun­des­an­walt­schaft zwi­schen NS-Bela­stung, Spie­gel-Affä­re und RAF«).

Das Resul­tat an sich steht außer Fra­ge. Bei den für die Straf­ver­fol­gung ver­ant­wort­li­chen Bun­des­an­wäl­ten waren 1966 zehn von elf frü­her NSDAP-Mit­glie­der. Dies ent­spricht einer Quo­te von 91 Pro­zent. Ist es die gan­ze Wahr­heit? War­um erst jetzt? Am 2. Juli 1965 war auf einer inter­na­tio­na­len Pres­se­kon­fe­renz von der DDR das Braun­buch »Kriegs- und Nazi­ver­bre­cher in der Bun­des­re­pu­blik und in West­ber­lin« publik gemacht wor­den. Es ent­hielt die Namen von 2300 Nazi-Akti­vi­sten mit allein 1118 Justiz­be­am­ten, Staats­an­wäl­ten und Rich­tern. So den des ehe­ma­li­gen Gene­ral­bun­des­an­walts Wolf­gang Frän­kel. Sei­ne beruf­li­che Vita ist cha­rak­te­ri­stisch und bis heu­te geschönt.

Weni­ge Mona­te nach sei­ner Ernen­nung wur­de Frän­kel am 24. Juli 1962 in den einst­wei­li­gen Ruhe­stand ver­setzt. Wolf­gang Frän­kel sei als soge­nann­ter »Hilfs­ar­bei­ter« von 1936 bis 1945 bei der Reichs­an­walt­schaft für die Bear­bei­tung von »Nich­tig­keits­be­schwer­den« zustän­dig gewe­sen. Im Rah­men die­ser Tätig­keit hat­te er in meh­re­ren Dut­zend Fäl­len die Todes­stra­fe beantragt.

Konn­te ein Hilfs­ar­bei­ter Todes­stra­fen for­dern? Laut DDR-Braun­buch war der Mann Stell­ver­tre­ten­der Reichs­an­walt beim Reichs­ge­richt in Leip­zig. Und als Gene­ral­bun­des­an­walt kam er nicht von einem ande­ren Stern, son­dern hat­te sich zuvor von 1947 bis 1951 am Amts­ge­richt Rends­burg sowie von 1951 bis 1962 bereits als Bun­des­an­walt beim Bun­des­ge­richts­hof sei­ne Meri­ten auf der Kar­rie­re­lei­ter erworben.

Die Kal­te-Kriegs-Men­ta­li­tät in und nach der Ade­nau­er-Ära stand jeg­li­chen Ansät­zen einer wis­sen­schaft­li­chen Auf­ar­bei­tung ent­ge­gen. Womit wir bei den andau­ern­den Deu­tungs­kämp­fen und neu­zeit­li­chen Betrach­tungs­wei­sen wären.

Vom 5. bis 8. Okto­ber 2021 hat­te die Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen zum 53. Histo­ri­ker­tag gela­den. Dank her­vor­ra­gen­der Orga­ni­sa­ti­on war es Coro­na trot­zend gelun­gen, erst­mals eine digi­ta­le Kon­gress­wo­che mit rund 3.000 Besu­che­rin­nen und Besu­chern aus dem In- und Aus­land nicht nur rei­bungs­los zu ermög­li­chen, son­dern mit einem brei­ten The­men­spek­trum vom Alter­tum bis zur Zeit­ge­schich­te auf­zu­war­ten. Aus Sicht der Histo­ri­ker wird über kon­kur­rie­ren­de Deu­tun­gen der Ver­gan­gen­heit nicht zuletzt die Zukunft ver­han­delt. Geschichts­wis­sen­schaft ermög­licht ein tie­fer­ge­hen­des Ver­ständ­nis für die Kom­ple­xi­tät der Gegen­wart und kon­kur­rie­ren­de Per­spek­ti­ven. Des­halb vor allem wird eine stän­di­ge, offen­si­ve und öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung um sol­che Deu­tun­gen ange­sichts poli­ti­sier­ter Angrif­fe auf wis­sen­schaft­li­che For­schungs­er­geb­nis­se heu­te not­wen­di­ger denn je.

Hät­te sich jemand vor kur­zer Zeit vor­stel­len kön­nen, dass in einer Sek­ti­on des Kon­gres­ses die DDR-Auf­ar­bei­tung im »Zeit­ge­schichts­bio­top« der 1990er-Jah­re in Mün­chen einer ande­ren Aus­gangs­the­se nach­ge­gan­gen wur­de? Der Bei­tritt der DDR zur Bun­des­re­pu­blik hat­te näm­lich nicht allein die Ver­än­de­rung der staat­li­chen Struk­tu­ren zur Fol­ge. Ein­her ging mit den bun­des­deut­schen Insti­tu­tio­nen ein erin­ne­rungs­kul­tu­rel­les Wer­te­sy­stem mit ein­ge­führ­ten Blick­win­keln auf die deutsch-deut­sche Geschich­te. Den Debat­ten lie­gen bis heu­te, vor­nehm­lich in der Poli­tik, die Dis­kurs­be­din­gun­gen der (alten) Bun­des­re­pu­blik zugrun­de, in die sich DDR-The­men und -Akteu­re inte­grie­ren muss­ten. In die­ser Hin­sicht dien­ten letz­te­re der Bestä­ti­gung bestehen­der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Selbst- und DDR-Geschichtsbilder.

Mit einem der Kon­flik­te befass­te sich Dr. Kri­jn Thijs vom »Duit­s­land Insti­tuut« Amster­dam. Unter dem Titel »Über­for­der­te Eva­lu­ie­rung. Wie Gut­ach­ter aus dem Westen den Gei­stes­wis­sen­schaf­ten der (ehe­ma­li­gen) DDR begeg­ne­ten« unter­such­te er unvor­ein­ge­nom­men Prak­ti­ken, Erfah­run­gen und Ergeb­nis­se der Gut­ach­ter­gre­mi­en im Eva­lu­ie­rungs­ver­fah­ren der Insti­tu­te der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR. Am Bei­spiel der Arbeits­grup­pe Gei­stes­wis­sen­schaf­ten des Wis­sen­schafts­ra­tes sei bei den »Erkun­dungs­rei­sen« der west­deut­schen Gut­ach­ter deut­lich gewor­den, dass ost­deut­sche Gesprächs­part­ner auf Augen­hö­he fast völ­lig fehl­ten und bun­des­deut­sche Erwar­tungs­rah­men und Dis­kus­si­ons­li­ni­en in den Osten hin­ein ver­län­gert wur­den. Die­se Kon­stel­la­ti­on, so sei­ne Aus­gangs­the­se, habe dazu geführt, dass die »Vereinigungs«-konflikte des Jah­res 1990 die ost­deut­sche For­schungs­land­schaft auf vie­le Jah­re (ange­merkt: bis auf den heu­ti­gen Tag!) präg­ten. Der Tages­spie­gel ging just vor einem Jahr der Fra­ge nach, wor­an es liegt, dass kaum Ost­deut­sche an der Spit­ze von Hoch­schu­len ste­hen. Zum einen, weil die Lehr­kör­per zu einem guten Teil aus Per­so­nen bestün­den, die ihre ersten aka­de­mi­schen Schrit­te in Westen getan haben und dort sozia­li­siert wur­den (Selbst­dar­stel­lung). Zum ande­ren, weil es, wie in ande­ren Berei­chen auch, Seil­schaf­ten gibt, wo dann die Stim­me eher dem Kol­le­gen aus dem Westen gege­ben wird und nicht der Kan­di­da­tin aus dem Osten.

Ähn­li­ches voll­zog sich, heu­te fast ver­ges­sen, in glei­cher Wei­se in den Natur­wis­sen­schaf­ten und ande­ren Berei­chen. So wur­de das Zen­tral­in­sti­tut für Phy­si­ka­li­sche Che­mie (ZIPC), das 1990 etwa 750 Mit­ar­bei­ter hat­te, am 31. Dezem­ber 1991 gemäß Eini­gungs­ver­trag »abge­wickelt«. Sämt­li­che Mit­ar­bei­ter erhiel­ten die frist­lo­se Kün­di­gung. Nur die Iso­ther­mi­schen Kugel­la­bo­re blie­ben als Bau­denk­mal »Adlers­ho­fer Busen« an der Rudower Chaus­see erhal­ten. Die­ser ent­wür­di­gen­de wis­sen­schaft­li­che und intel­lek­tu­el­le Kahl­schlag passt so gar nicht in die fort­wäh­ren­den Sonn­tags­re­den zu blü­hen­den Land­schaf­ten und zur deutsch-deut­schen Vereinigungsgeschichte.

Mit Isra­el war in die­sem Jahr ein Part­ner­land ver­tre­ten, das wie weni­ge ande­re Län­der im Zen­trum exi­sten­ti­el­ler histo­ri­scher und poli­ti­scher Deu­tungs­kämp­fe steht. Mit die­ser Wahl soll­te die beson­de­re Bedeu­tung der Geschich­te Isra­els und des Nahen Ostens ins­ge­samt für die deut­sche und euro­päi­sche Wis­sen­schafts­land­schaft unter­stri­chen wer­den. Unter dem Titel »Erfah­rung und Erin­ne­rung. Isra­el, die deutsch­spra­chi­ge Lin­ke und der Holo­caust« wur­de u. a. das Ver­hält­nis der deutsch­spra­chi­gen Lin­ken zu Isra­el aus der bis­lang wenig beach­te­ten Per­spek­ti­ve ihrer jüdi­schen Ange­hö­ri­gen betrach­tet. Wäh­rend sich etwa ein Groß­teil der Lin­ken in Deutsch­land und Öster­reich infol­ge des Sechs­ta­ge­krie­ges von Isra­el abwand­te, habe sich eine Rei­he lin­ker Juden wie Micha­el Land­mann, Jean Amé­ry, Peter Edel oder Bru­no Frei die­ser Ent­wick­lung versagt.

1967 hat­ten es vor allem Arnold Zweig, Peter Edel, Heinz Kam­nit­zer, Lin Jal­da­ti, der Ver­bands­prä­si­dent der Jüdi­schen Gemein­den, Hel­mut Aris, und der Vor­sit­zen­de der Ost­ber­li­ner Gemein­de, Heinz Schenk, abge­lehnt, eine öffent­li­che Stel­lung­nah­me gegen­über Isra­el anläss­lich die­ses Krie­ges zu unter­zeich­nen. Sie wie ande­re sahen sich nach dem Holo­caust wie­der als Teil der jüdi­schen Welt und lehn­ten Ver­nich­tungs­dro­hun­gen ab, obwohl sie der israe­li­schen Poli­tik nicht kri­tik­los gegen­über­stan­den. Ein Kon­flikt­stoff der bis zum heu­ti­gen Tag alle Anti­se­mi­tis­mus-Debat­ten prägt.

Und was hielt die media­le Öffent­lich­keit von die­sem Histo­ri­ker-Kon­gress und sei­nen Deu­tun­gen? Die digi­ta­le Pres­se­kon­fe­renz zum Abschluss offen­bar­te die ent­lar­ven­de Absti­nenz von Pres­se, Funk und Fern­se­hen: Nur ein­zi­ge Fra­ge, offen­bar vor­be­rei­tet, lag vor! Will­kom­men im All­tag der Gegen­wart. Prof. Dr. Lutz Rapha­el, Seni­or­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Trier, mahn­te als neu­ge­wähl­ter Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des der Histo­ri­ker und Histo­ri­ke­rin­nen Deutsch­lands e. V. für die Zukunft an, in der Öffent­lich­keit stär­ker Prä­senz zu zei­gen und enga­giert Stel­lung zu neh­men. Auch außer­halb des Hohen­zol­lern-Streits bleibt es ein her­aus­for­dern­der Sisy­phos-Kampf gegen Igno­ranz und Geschichts­im­mu­ni­tät. Aber nicht nur Histo­rie an sich ver­fügt über einen lan­gen Atem, son­dern eben­so alle, die sich ihr mit Herz und Ver­stand ver­schrie­ben haben. Nach Rom, so heißt es, füh­ren vie­le Wege. Zur Erkennt­nis und Wahr­heit desgleichen.

Der 54. Deut­sche Histo­ri­ker­tag 2023 wird in Leip­zig stattfinden.

Post­skrip­tum: Genera­tio­nen von Juri­sten haben mit dem »Palandt« mit Kom­men­tie­run­gen zum BGB, dem »Maunz/​Dürig« zum Grund­ge­setz und auch dem »Schön­fel­der« gear­bei­tet. Der Ver­lag C.H.BECK hat sich ent­schlos­sen, eine Rei­he lang­jäh­ri­ger Stan­dard­kom­men­ta­re sei­nes Ver­lags­pro­gramms umzu­be­nen­nen, auf denen als Her­aus­ge­ber oder Autoren sol­che Juri­sten genannt sind, die wäh­rend der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Dik­ta­tur eine akti­ve Rol­le ein­ge­nom­men haben (sie­he hier­zu schon den Bei­trag von Hel­mut Ort­ner: »Ent­na­zi­fi­zier­te Juri­sten«, in: Ossietzky 19/​2021).