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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gewählt

Der öster­rei­chi­sche Wahl­kampf und das Ergeb­nis erin­nern an die Komö­die »Pen­si­on Schöl­ler«. Die Poli­ti­ke­rin­nen­Po­li­ti­ker hal­ten die Wäh­le­rin­nen­Wäh­ler für Idio­tin­nen­Idio­ten, und die Wäh­le­rin­nen­Wäh­ler hal­ten die Poli­ti­ke­rin­nen­Po­li­ti­ker für Idio­tin­nen­Idio­ten, und es ist schwer zu sagen, wer mehr im Recht ist.

Aus der Wahl­kampf­zi­ta­ten­li­ste des öster­rei­chi­schen Natio­nal­rats­wahl­kamp­fes: Mit »voll­kom­men ver­blö­det« kom­men­tier­te die Schau­spie­le­rin Chri­stia­ne Hör­bi­ger eine Abwahl von Kanz­ler Kurz. – Wer­ner Kog­ler, der Grü­ne, kri­ti­siert die Neos, die mit der Kurz-ÖVP koalie­ren wol­len: »Mit die­ser Schnö­sel­trup­pe geht es sicher nicht.« Eine lei­den­schaft­li­che Kri­tik lie­fer­te der ÖVP-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de August Wögin­ger: »Es kann ja nicht sein, dass unse­re Kin­der nach Wien fah­ren und als Grü­ne zurück­kom­men. Wer in unse­rem Hau­se schläft und isst, hat auch die Volks­par­tei zu wählen.«

Das Ergeb­nis der Wahl, an der sich etwa 25 Pro­zent der wahl­be­rech­tig­ten Bevöl­ke­rung nicht betei­lig­ten: ÖVP 37,5 Pro­zent, SPÖ 21,2 Pro­zent, FPÖ 16,2 Pro­zent, Grü­ne 13,9 Pro­zent, NEOS 8,1 Pro­zent. Peter Pilz blieb mit sei­ner Liste JETZT mit 1,9 Pro­zent auf der Strecke. Die »Son­sti­gen« erreich­ten 1,3 Pro­zent. Die KPÖ ist deut­lich unter einem Pro­zent geblieben.

Die öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie hat ihr schlech­te­stes Wahl­er­geb­nis seit 1945 ein­ge­fah­ren, und die jet­zi­ge Vor­sit­zen­de Pame­la Ren­di-Wag­ner ver­such­te noch nach Ver­kün­di­gung der ersten siche­ren Ergeb­nis­se am Wahl­abend mit einem »Wei­ter so« und »die Rich­tung stimmt« eine am Boden lie­gen­de Sozi­al­de­mo­kra­tie zu moti­vie­ren. Ein­zig in Wien blieb die SPÖ stärk­ste Kraft, ver­fehl­te aber das Ergeb­nis der Natio­nal­rats­wahl 2017, wo sie noch 34,5 Pro­zent erziel­te. Der bis­he­ri­ge Geschäfts­füh­rer Tho­mas Droz­da trat zurück und wur­de durch Chri­sti­an Deutsch ersetzt, der als Wahl­kampf­ma­na­ger auch Ver­ant­wor­tung für das mise­ra­ble Wahl­er­geb­nis zu tra­gen hat. Nicht nur die Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen der SPÖ rebel­lie­ren, wie so oft, und ver­lan­gen radi­ka­le Ände­run­gen des Par­tei­kur­ses. Es ver­wun­dert nicht, dass dabei mehr Mit­be­stim­mung der Mit­glied­schaft gefor­dert wird. Dass man mit der Kurz-ÖVP nicht koalie­ren will, hat einen gewis­sen Bei­geschmack, denn mit der SPÖ haben auch die Grü­nen und die neo­li­be­ra­len NEOS immer wie­der im Wahl­kampf ver­kün­det, man wol­le eine wei­te­re Kurz-ÖVP-Koali­ti­on mit der natio­nal­re­ak­tio­nä­ren FPÖ verhindern.

Seba­sti­an Kurz tritt nun als Koali­ti­ons­bast­ler an. Die FPÖ, die nicht nur den Ibi­za-Skan­dal ver­ar­bei­ten muss­te, son­dern auch eine Spe­sen­af­fä­re ihres ehe­ma­li­gen Vor­sit­zen­den Stra­che, ver­kün­de­te am Wahl­abend, nicht für eine Wei­ter­füh­rung der Koali­ti­on zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Stra­che hat in der Zwi­schen­zeit ver­laut­bart, er wer­de nie wie­der für poli­ti­sche Arbeit zur Ver­fü­gung ste­hen. Sei­ne FPÖ-Mit­glied­schaft ruht. Stra­ches Frau, Phil­ip­pa Stra­che, erreich­te für die FPÖ ein Natio­nal­rats­man­dat und sitzt nach Par­tei­aus­schluss jetzt als frak­ti­ons­lo­se Abge­ord­ne­te im Parlament.

Dass die Kurz-ÖVP vor allem Stim­men­zu­wäch­se aus dem reak­tio­när-natio­na­li­sti­schen Lager ver­zeich­nen durf­te, es waren etwa eine Vier­tel­mil­li­on Stim­men, lässt nichts Gutes erwarten.

Die ehe­mals christ­lich-kon­ser­va­ti­ve ÖVP hat sich unter Seba­sti­an Kurz zu einer schaum­ge­brem­sten Filia­le der FPÖ ent­wickelt. Ob die Grü­nen unter Auf­ga­be wich­ti­ger Punk­te ihrer Wahl­ver­spre­chun­gen mit der Kurz-ÖVP koalie­ren? Das hat bis­her in eini­gen Bun­des­län­dern funk­tio­niert und, wie soll­te es anders sein, vor allem der Kurz-ÖVP geholfen.

Spit­zen­rei­ter kon­ser­va­ti­ver Gesin­nung blieb das Land Salz­burg, 46,4 Pro­zent der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler gaben ins­ge­samt der Kurz-ÖVP ihre Stimme.

Hand in Hand mit vie­len Medi­en ist die öster­rei­chi­sche Poli­tik – und nicht nur sie – auf dem Weg, jene kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on zu ver­wirk­li­chen, die dem Teil der Bevöl­ke­rung, der abhän­gig beschäf­tigt ist, wei­te­re Ver­schlech­te­run­gen zumu­tet. Außen­po­li­tik, Euro­päi­sche Uni­on, der Skan­dal der Ein­füh­rung eines 12-Stun­den­ta­ges waren kein The­ma für die Mehr­heit der wahl­wer­ben­den Par­tei­en im Natio­nal­rats­wahl­kampf. Seba­sti­an Kurz ist der »star­ke« Mann, den sich wohl vie­le Wahl­be­rech­tig­te in Öster­reich gewünscht haben. Die Kurz-ÖVP, das bestä­tigt die Stim­men­wan­de­rung von der FPÖ zu ihr, wird grenz­wer­tig rechts blei­ben und wer­den. Tra­gisch. Har­te Zei­ten bre­chen an – für Kran­ke, Behin­der­te, Arbeits­lo­se, Allein­er­zie­hen­de, zukünf­ti­ge Alte und son­sti­ge Leu­te, die aus irgend­ei­nem Grund nicht mehr die vol­le Lei­stung brin­gen kön­nen. Ob da die Grü­nen den Koali­ti­ons­part­ner und Erfül­lungs­ge­hil­fen spie­len wollen?

Seba­sti­an Kurz hat inzwi­schen vom Bun­des­prä­si­den­ten Alex­an­der Van der Bel­len den Regie­rungs­bil­dungs­auf­trag bekom­men. Mit allen im Natio­nal­rat ver­tre­te­nen Par­tei­en wur­den erste Gesprä­che geführt, und die Wunsch­ko­ali­ti­on der »mei­nungs­bil­den­den« Medi­en ist eine ÖVP-Grü­nen-Koali­ti­on. Bei der SPÖ dürf­te die jet­zi­ge Vor­sit­zen­de Pame­la Ren­di-Wag­ner demon­tiert wer­den, denn die SPÖ ver­sinkt in Gra­ben­kämp­fen. Bei der Land­tags­wahl im Bun­des­land Vor­arl­berg (13.10.2019) erreich­te die ÖVP mehr als 43 Pro­zent, die Grü­nen kamen auf fast 20 Pro­zent. Die SPÖ hielt ihre beschei­de­nen 9 Pro­zent, wäh­rend die FPÖ auf 13 Pro­zent her­un­ter­ge­wählt wur­de (-10 Pro­zent). Schuld dar­an war nicht die Ibi­za-Affä­re, son­dern die Par­tei­geld­ver­schwen­dung der Fami­lie Stra­che, die der­zeit staats­an­walt­lich unter­sucht wird. Dazu eska­liert, wegen Sper­rung zwei­er FPÖ-Face­book-Sei­ten der Stra­ches durch die Par­tei, der Streit um die Macht bei den Reak­tio­när­na­tio­na­len. Stra­ches Sei­te hat­te knapp 800.000 Fans.

Wahl in Öster­reich: Die Bier­par­tei Öster­reichs bekam 4856 Stim­men, das gelang der Christ­li­chen Par­tei Öster­reichs, der Alli­anz der Patrio­ten, der Sozia­li­sti­schen Links­par­tei und der Liste GILT gemein­sam nicht, sie blie­ben unter die­sem Ergebnis.

Wah­len (nicht nur) in Öster­reich: Was die Poli­tik ver­daut, das kriegt das Volk auf den Tisch.