Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Glaube und Vernunft

Zuletzt war es still um ihn gewor­den. Jetzt ist der Theo­lo­ge Gerd Lüde­mann, der in den Jah­ren nach 1998 gro­ße Beach­tung auch in der nicht­kirch­li­chen Öffent­lich­keit gefun­den hat­te, fast 75jährig in Göt­tin­gen gestorben.

Eine Pro­gno­se sei gewagt: Sei­ne zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen wer­den wei­ter­hin ihre Wirk­sam­keit ent­fal­ten. Des­glei­chen wird sein jah­re­lan­ger Rechts­streit mit den staat­li­chen Behör­den, die dazu von der evan­ge­li­schen Kir­che ver­an­lasst wor­den waren, nicht der Ver­ges­sen­heit anheim­fal­len. Streit­punkt war, ob ihm sein Lehr­stuhl an der – staat­li­chen (sic) – theo­lo­gi­schen Fakul­tät auf Druck der Kir­chen ent­zo­gen wer­den kann. Der »Fall Lüde­mann«, der vor­erst 2008 mit einem Beschluss der Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tet been­det wur­de, wird sicher­lich dann wie­der von Belang wer­den, wenn es grund­sätz­lich um die Vor­rech­te der »Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten« in der Gesell­schaft geht, etwa bei Grund­rechts­ver­let­zun­gen in ihren Berei­chen oder auch bei der seit 121 Jah­ren über­fäl­li­gen »Ablö­sung der Staats­lei­stun­gen an die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten« nach GG Art. 140 in Ver­bin­dung mit Art. 138 (1) WRV.

Gerd Lüde­mann wur­de gebo­ren in dem kirch­lich gepräg­ten Hei­de­ort Vis­sel­hö­ve­de. Als Theo­lo­gie­stu­dent fand er zu der histo­risch-kri­ti­schen Bibel­for­schung, der er zeit­le­bens kon­se­quent ver­pflich­tet blieb. Mit die­ser Kon­se­quenz steht er in einer Rei­he gro­ßer Theo­lo­gen, die auch bei allen Nach­tei­len, die sie erfuh­ren, ihren kri­ti­schen For­schungs­er­kennt­nis­sen an der Bibel treu blie­ben. Es sei­en genannt: Her­mann Samu­el Rei­ma­rus (1694-1768), David Fried­rich Strauss (1808-1878) und im 20. Jahr­hun­dert Rudolf Bult­mann (1884-1976).

Mit Rei­ma­rus, der in Ham­burg als Ori­en­ta­list lehr­te und sich der »Auf­klä­rung« ver­pflich­tet wuss­te, kam die histo­risch-kri­ti­sche Betrach­tungs­wei­se von Bibel­tex­ten in die Theo­lo­gie. Durch die zahl­rei­chen Wider­sprü­che dar­in waren bei ihm Zwei­fel an der Glaub­wür­dig­keit der »Hei­li­gen Schrift« ent­stan­den, ins­be­son­de­re an der Geschicht­lich­keit der »Auf­er­ste­hungs­er­zäh­lun­gen«. Er kam dabei zu der begrün­de­ten Aus­sa­ge: Wenn das Grab Jesu wirk­lich »leer« war, so müs­sen sei­ne Jün­ger »sei­nen Leich­nam gestoh­len haben«. Sol­che Aus­sa­gen waren damals, auch in der Han­dels­stadt Ham­burg, exi­stenz­be­dro­hend. Hier bestimm­te der stren­ge luthe­ri­sche Fun­da­men­ta­list Johann Mel­chi­or Goe­ze, was der Bür­ger zu glau­ben habe: Jede Bibel­stel­le ist irr­tums­los rich­tig, jede Geschich­te der Bibel ist histo­risch so gesche­hen, die­ser Glau­ben hat Vor­rang vor aller Ver­nunft. Erst nach Rei­ma­rus Tod brach­te Gott­hold Ephraim Les­sing, ein Freund der Fami­lie Rei­ma­rus, als Biblio­the­kar in Wol­fen­büt­tel in den Jah­ren 1774-1778 die Erkennt­nis­se Rei­ma­rus unter dem Titel »Frag­men­te eines Wol­fen­büt­tel­schen Unge­nann­ten« her­aus, die den soge­nann­ten »Frag­men­ten­streit« aus­lö­sten. Der wur­de zu der wohl größ­ten wis­sen­schaft­li­chen Kon­tro­ver­se des 18. Jahr­hun­derts in Deutsch­land, in des­sen Ver­lauf der Her­zog von Braun­schweig, der Lan­des­herr Les­sings, für sei­nen Biblio­the­kar ein Schreib­ver­bot ver­häng­te. Um sei­nen Kampf für Auf­klä­rung und Tole­ranz gegen eine bor­nier­te Reli­gi­on fort­zu­set­zen, wand­te Les­sing sich wie­der »sei­ner alten Kan­zel, dem Thea­ter« zu, ob man ihn dort »wenig­stens noch unge­stört will pre­di­gen las­sen«: Er schrieb sei­nen »Nathan«.

Das auf­klä­re­ri­sche Anlie­gen des Rei­ma­rus, die bibli­schen Erzäh­lun­gen histo­risch- kri­tisch zu lesen, wur­de im 19. Jahr­hun­dert ins­be­son­de­re von David Fried­rich Strauss auf­ge­nom­men und in sei­ner Schrift von 1834, »Leben Jesu«, weitergegeben.

Die Berich­te in den Evan­ge­li­en von der Auf­er­ste­hung Jesu, die ohne­hin erst 40ff Jah­re nach dem Tode Jesu schrift­lich fest­ge­hal­ten wor­den waren, erkann­te er als Mythen, »als unbe­wusst erzeug­te Phan­ta­sie­pro­duk­te der Gemein­de«. Sein Buch erziel­te in nicht­kirch­li­chen Krei­sen höch­ste Wir­kung und Aner­ken­nung, in kirch­li­chen Krei­sen, ins­be­son­de­re in sei­ner pie­ti­sti­schen Hei­mat Würt­tem­berg, löste es jedoch blan­kes Ent­set­zen aus und führ­te dazu, dass Strauss sein Amt als Pfar­rer ver­lor. Die »Leben-Jesu-For­schung«, deren Geschich­te der Theo­lo­ge, Arzt, Orgel­künst­ler und Frie­dens­ak­ti­vist Albert Schweit­zer, der 1952 den Frie­dens­no­bel­preis erhielt, ein­drucks­voll beschrie­ben hat (1906, »Von Rei­ma­rus zu Wre­de«), wäre ohne die Vor­ar­bei­ten von Strauss sicher nicht entstanden.

Neben Karl Barth und Diet­rich Bon­hoef­fer gilt Rudolf Bult­mann zu Recht als der bedeu­tend­ste pro­te­stan­ti­sche Theo­lo­ge des 20. Jahr­hun­derts. Als Neu­te­sta­ment­ler war auch er der histo­risch-kri­ti­schen For­schung ver­pflich­tet. Sein Pro­gramm, das er in einer Schrift 1941 (»Neu­es Testa­ment und Mytho­lo­gie«) vor­ge­stellt hat­te, wur­de als »Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung der bibli­schen Geschich­ten« bekannt. Dar­in heißt es bezeich­nend: »Man kann nicht elek­tri­sches Licht und Radio­ap­pa­rat benut­zen, in Krank­heits­fäl­len medi­zi­ni­sche und kli­ni­sche Mit­tel in Anspruch neh­men und gleich­zei­tig an die Gei­ster - und Wun­der­welt des Neu­en Testa­men­tes glau­ben.« Zur Auf­er­ste­hung Jesu erklär­te Bult­mann: »Jesus ist ins Keryg­ma, in die Ver­kün­di­gung, auf­er­stan­den«; wo immer sie in sei­nem Namen geschieht, da sei er lebendig.

Im Jah­re 1952 wur­de von den deut­schen luthe­ri­schen Bischö­fen eine »Erklä­rung gegen die Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung« her­aus­ge­ge­ben. Auf Grund die­ser Erklä­rung wur­de der Ver­fas­ser die­ser Zei­len als ange­hen­der Theo­lo­gie­stu­dent von einem Ver­tre­ter sei­ner han­no­ver­schen Lan­des­kir­che offi­zi­ell gewarnt, »zum Stu­di­um nach Mar­burg zu gehen«, wo Bult­mann damals noch lebte.

In die­se Rei­he der »Auf­klä­rungs­theo­lo­gen« – Rei­ma­rus-Strauss-Bult­mann – gehört also auch Gerd Lüde­mann hin­ein. Nach dem Eschei­nen sei­nes Buches »Der gro­ße Betrug« (1998) wur­de die »Kon­fö­de­ra­ti­on evan­ge­li­scher Kir­chen in Nie­der­sach­sen« beim Wis­sen­schafts­mi­ni­ster, damals Tho­mas Opper­mann, in Han­no­ver vor­stel­lig, um den beam­te­ten Wis­sen­schaft­ler Lüde­mann aus dem »Staats­dienst zu ent­las­sen«. Einer der Antrags­stel­ler war der Lan­des­bi­schof der han­no­ver­schen Lan­des­kir­che, Horst Hirsch­ler, der eini­ge Jah­re zuvor einer brei­ten Öffent­lich­keit dadurch bekannt gewor­den war, dass er »kei­ne Homo­se­xu­el­len im Kir­chen­amt« haben woll­te. Der SPIEGEL schrieb in 50/​1993 dazu: »In Nie­der­sach­sen sehen sich homo­se­xu­ell leben­de Chri­sten von ihrer Kir­che ver­folgt. Wort­füh­rer der Into­le­ranz ist der luthe­ri­sche Lan­des­bi­schof Horst Hirsch­ler.« Nun, 1998, hat­te er in Lüde­mann einen neu­en Geg­ner. Der erin­nert sich 2000: »Ich bin vom Han­no­ver­schen Bischof Hirsch­ler beschimpft wor­den. Er sag­te öffent­lich über mich: ´Die­ser Mann will geschla­gen wer­den› und hielt mir wis­sen­schaft­li­che Inkom­pe­tenz vor. Doch ver­wei­ger­te er wie auch ande­re ein Streit­ge­spräch« (Mate­ria­li­en und Infor­ma­tio­nen zur Zeit. Poli­ti­sches Maga­zin für Kon­fes­si­ons­lo­se und Athe­isten, II/​2000) – kein Wun­der in der Zeit 1998/​99. Damals war Hirsch­ler näm­lich eine Art theo­lo­gi­scher Bera­ter des neu­en Bun­des­kanz­lers Ger­hard Schrö­der. Nach Beginn des völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krie­ges gegen Jugo­sla­wi­en mit deut­scher Betei­li­gung schrieb die­ser Hirsch­ler im Mai 1999 in einem Brief an den Bun­des­kanz­ler: »Sie haben in den ver­gan­ge­nen Wochen immer wie­der die Not­wen­dig­keit und Unaus­weich­lich­keit die­ser mili­tä­ri­schen Akti­on betont. Ich hal­te das, soweit ich Ein­blick habe, für rich­tig« (SPIEGEL 30.05.2000) – Kriegs­be­ja­hung, echt lutherisch.

Pro­fes­sor Lüde­mann war trotz des mäch­ti­gen Geg­ners zwar nicht aus dem Staats­dienst ent­las­sen wor­den, ver­lor aber sei­nen neu­te­sta­ment­li­chen Lehr­stuhl in der theo­lo­gi­schen Fakul­tät und ver­trat dort fort­an statt­des­sen eine eigens für ihn ein­ge­rich­te­te Abtei­lung für »Geschich­te und Lite­ra­tur des frü­hen Chri­sten­tums«, einer Art Kat­zen­tisch in der Fakul­tät mit gekürz­ten Rech­ten: Ver­lust einer Assi­sten­ten­stel­le, Ent­zug jeg­li­cher Prü­fungs­rech­te, Kür­zung von Forschungsmitteln.

Gegen die­se Maß­nah­men beschritt Lüde­mann mit Hin­weis auf Art. 5 (3) GG (»Frei­heit der Wis­sen­schaft«) den Rechts­weg bis zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Unter­stüt­zer fand er kaum in sei­ner Fakul­tät, wohl aber bei etli­chen Wis­sen­schaft­lern in den USA. Mit sei­nem Grund­satz­ur­teil vom 28.10.2008 (1. BvG 426/​05) stell­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Kern­aus­sa­ge zu dem Ver­fah­ren fest: »Die Wis­sen­schafts­frei­heit von Hoch­schul­leh­rern der Theo­lo­gie fin­det ihre Gren­zen am Selbst­be­stim­mungs­recht der Religionsgemeinschaften.«

Da lach­te der alte Haupt­pa­stor Goe­ze, er war dadurch prak­tisch selbst wie­der auf­er­stan­den: »Der Glau­be hat wie­der Vor­rang vor aller Ver­nunft und vor der Frei­heit der For­schung und Wissenschaft.«

Mit nur ein wenig juri­sti­scher Kennt­nis kann nun die­ser Urteils­spruch für alle Kon­flik­te in Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, wel­cher Art sie auch immer sind, her­an­ge­zo­gen wer­den. Mei­nungs-, Infor­ma­ti­ons-, Kunst-, Ver­samm­lungs-, Koali­ti­ons­frei­heit kön­nen danach für Mit­ar­bei­ter und Gläu­bi­ge ihre Gren­zen am Selbst­be­stim­mungs­recht ihrer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft finden.

Es ist daher nun drin­gend gebo­ten, die­se Glau­bens­ge­mein­schaf­ten von ihrer Selbst­ju­stiz, wie sie bei der »Auf­ar­bei­tung« der Miss­brauchs­fäl­le in den Kir­chen so schänd­lich prak­ti­ziert wur­de, zu befrei­en und dazu in das GG Art. 140 einen Satz ein­zu­fü­gen: »Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten fin­det sei­ne Gren­zen an den ´Grund­rech­ten› des Grund­ge­set­zes, Arti­kel 1-19.« Das wür­de zugleich eine wis­sen­schaft­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on für Pro­fes­sor Gerd Lüde­mann bedeuten.

 

Von den zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen Lüde­manns wer­den emp­feh­lend genannt: »Die Auf­er­ste­hung Jesu«, 1994; »Das Unhei­li­ge in der Hei­li­gen Schrift«, 1996; »Der gro­ße Betrug«, 1998; »Jung­frau­en­geburt?«, 2008.