Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Glückspilz unter den Literaten

Wal­ter Kauf­mann gehört zu der Sor­te von Schrift­stel­lern, die ihr gan­zes Leben lang Erfolg hat­ten – auch unter wid­ri­gen Bedin­gun­gen. Kauf­mann, der als jüdi­scher Jugend­li­cher von sei­nen Adop­tiv­el­tern nach Eng­land geschickt und von dort nach Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs als »feind­li­cher Aus­län­der« nach Austra­li­en depor­tiert wur­de, gelang es auf dem fünf­ten Kon­ti­nent, als schrei­ben­der Arbei­ter und Matro­se mit sei­nem Erst­lings­ro­man »Voices in the Storm« so bekannt zu wer­den, dass sich der in sei­nem jüng­sten Buch por­trä­tier­te Jour­na­list Phil­lip Adams noch 2013 beim Wie­der­se­hen in Sid­ney stolz an das Inter­view erin­ner­te, das er, Adams, als Sech­zehn­jäh­ri­ger mit ihm für die Schü­ler­zei­tung Trum­pet tele­fo­nisch geführt und auf­ge­zeich­net hat­te. »Die Aus­strah­lung des Gesprächs hat­te mir eine Fül­le von Kon­tak­ten beschert, die anders nie ent­stan­den wären.« Kauf­mann weiß noch zu berich­ten, dass der spä­ter als Rund­funk­re­por­ter berühmt gewor­de­ne Adams nach Donald Trumps Wahl­sieg sei­ne schmucke, White Hou­se genann­te Vil­la in Pad­ding­ton zum Kauf ange­bo­ten hat und dass sie von einem Anony­mus erwor­ben wur­de, hin­ter dem laut Adams nie­mand ande­res als Trump stecke, »weil der Tag abzu­se­hen sei«, an dem er »aus Ame­ri­ka ver­jagt und sich gezwun­gen sehen wür­de, in Austra­li­en um Asyl zu bitten«.

In der anglo­pho­nen Short Sto­ry geübt, hät­te Kauf­mann auch in die­ser Sprach­land­schaft wei­ter reüs­sie­ren kön­nen. Aber er ging 1955 in die DDR, deren Leser­schaft er mit Repor­ta­gen aus für sie selbst schwer erreich­ba­ren Län­dern und mit bestechend leicht­hän­dig geschrie­be­ner, aber durch­aus gewich­ti­ger Lite­ra­tur beglück­te. Und in der BRD gehört er zu den weni­gen alten DDR-Autoren, die Ver­le­ger fin­den und end­lich auch von den Medi­en »ent­deckt« werden.

Der Kauf­mann-Hype ist ent­lang sei­ner letz­ten drei Bücher ent­stan­den, in denen der Autor Kurz­por­träts von Men­schen zusam­men­stell­te, mit denen er im Lau­fe sei­nes Lebens zu tun hat­te. Nicht nur die unter Beweis gestell­te Gedächt­nis­lei­stung ist bewun­derns­wert, son­dern vor allem auch die Hal­tung, mit der Kauf­mann jedem gegen­über­tritt, dem er begeg­net: Neu­gier möch­te ich sie nicht nen­nen, son­dern eher eine über­aus freund­li­che und teil­neh­men­de Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on, der sich offen­bar jedes Gegen­über schnell öff­net. So habe ich ihn in einer Pau­se der vor­jäh­ri­gen PEN-Tagung in einem Göt­tin­ger Stra­ßen­ca­fé in vol­ler Dis­kus­si­on mit zwei jun­gen ein­hei­mi­schen Paa­ren ange­trof­fen. Er hat­te bereits eine impo­san­te Atmo­sphä­re der Ver­traut­heit erzeugt, in der Lebens­er­fah­run­gen und Visi­ten­kar­ten aus­ge­tauscht wurden.

Die­se Atmo­sphä­re des Ver­trau­ens schafft Kauf­mann offen­bar auch ohne Wor­te. Als er 1964 im Bistro Hale & Hear­ty im Green­wich Vil­la­ge eine Sup­pe zu sich nahm, bemerk­te er, dass der ein­zi­ge ande­re Gast mit den Fin­gern auf der Tisch­plat­te klopf­te und neben sich einen Muff lie­gen hat­te, obwohl kei­nes­wegs win­ter­li­che Tem­pe­ra­tu­ren herrsch­ten. Plötz­lich erkann­te er den Pia­ni­sten Glenn Gould. Die­ser war es jedoch, der dann das Gespräch such­te und ihn schließ­lich ein­lud, mit in die »Church« zu kom­men. Kauf­mann mein­te, Gould an einer Kir­chen­or­gel erle­ben zu kön­nen. Die »Church« ent­pupp­te sich aber als Kurz­na­me für die Colum­bia Record­ing Stu­di­os, in denen er der Auf­zeich­nung der Bach’schen Fugen bei­woh­nen durfte.

Die­se Epi­so­den stam­men aus »Gibt es Dich noch – Enri­co Spoon?«, Kauf­manns jüng­stem Por­trät­band. Der Titel­held ist ein klei­ner unter­ernähr­ter Jun­ge, der sich 2002 stets um die Mit­tags­zeit in einer win­zi­gen Gar­kü­che in Rio de Janei­ro ein­fand und bar­fuß, mit einem Löf­fel in der Hand, ein paar Hap­pen von den Gästen erbet­tel­te. Die­se nann­ten ihn des­halb Enri­co Spoon. Als ihn der Kell­ner ein­mal am Schla­fitt­chen nach drau­ßen beför­der­te, hielt das Kerl­chen sei­nen Löf­fel so lan­ge klap­pernd durch einen mit dem Fuß offen gehal­te­nen Spalt, bis ihm der Kell­ner eine Kar­tof­fel dar­auf leg­te. Enri­co Spoon ist nicht die ein­zi­ge pre­kä­re Exi­stenz, an die sich Kauf­mann mit Ban­gen erinnert.

Er setzt Men­schen aus den ver­schie­den­sten Lebens­be­rei­chen Denk­mä­ler – nicht nur freund­li­che. Schlecht kommt zum Bei­spiel einer sei­ner vie­len Ver­le­ger aus DDR-Zei­ten weg, der ihn als »Autor mit Prin­zi­pi­en« gelobt hat­te, weil er sich wei­ger­te, eine Pas­sa­ge aus einem Text zu strei­chen. Als bei­de zu einem Abend bei Wolf Bier­mann ein­ge­la­den waren, den der Ver­le­ger zuvor als »Rene­gat« und »Kon­ter­re­vo­lu­tio­när« bezeich­net hat­te, ihn dann aber elek­tri­siert ansporn­te, sei­ne Lie­der vor­zu­tra­gen – ver­ließ Kauf­mann die Run­de. Der Leser kann spe­ku­lie­ren, dass der Ver­le­ger einem Auf­trag der Sta­si nach­kam, prin­zi­pi­en­los war er alle­mal. Sei­nen Namen ver­schweigt Kauf­mann gnädig.

Ein Mann mit qua­si ange­bo­re­nem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ta­lent zieht selbst­ver­ständ­lich auch qua­si magisch die Frau­en an. Da er aber nun mal Prin­zi­pi­en hat, zu denen zwei­fel­los auch die ange­bo­re­ne Lie­be zur Treue gehört, kam Kauf­mann immer wie­der in schwie­ri­ge Situa­tio­nen, in denen sich Bezie­hun­gen über­schnit­ten – man kennt das von Brecht. Da er wie die­ser aber nur mit eman­zi­pier­ten Frau­en Ver­hält­nis­se ein­ging, ent­stan­den dar­aus kei­ne dau­er­haf­ten Tra­gö­di­en, wohl aber immer wie­der tra­gi­ko­mi­sche Gewis­sens­nö­te, über die er eben­falls in etli­chen Kurz­por­träts Rechen­schaft abgibt. Als er 1973 mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau, der Schau­spie­le­rin Ange­la Brun­ner, in Not­re-Dame in Paris andäch­tig der Orgel lausch­te und ihre Hand ergriff, ent­zog sie sie ihm und floh aus der Kir­che. Als er sie spä­ter nach dem Grund frag­te, strich sie sich eine Sträh­ne aus dem Gesicht und sag­te: »Armer Mann – armer zer­ris­se­ner Mann.« So wur­de ihm klar, dass sie wuss­te: In Wirk­lich­keit hat­te er an die Frau gedacht, »die schon seit gerau­mer Zeit zwi­schen [ihm] und Ange­la stand«.

Was Wun­der, wenn wir aus dem ersten Kurz­por­trät – das sei­nem Kin­der­mäd­chen Käte gewid­met ist – erfah­ren, dass die­se Käte aus Mit­leid mit dem Neun­jäh­ri­gen, den sein Spiel­ge­fähr­te nicht mehr besuch­te, eben die­sen Neun­jäh­ri­gen mit in ihr Bett nahm. Er fühl­te sich »selt­sam berührt durch ihre Nähe. Sie roch gut und ihr Haar war weich, ihr Busen auch«.

Wal­ter Kauf­mann: »Gibt es Dich noch – Enri­co Spoon? Über Men­schen und Orte welt­weit«, edi­ti­on memo­ria, 128 Sei­ten, 19 €