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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gott updated

Sonn­tag­mor­gen um halb Neun. Die Nach­rich­ten sind vor­bei. Zu faul, vom Früh­stück auf­zu­ste­hen, das Radio aus­zu­schal­ten: »Wie fühlt sich Sün­den­ver­ge­bung an?« Hä? Ach so, die Sen­dung im Deutsch­land­funk heißt: »Wenn Design­stu­den­ten katho­li­sche Ritua­le erleb­bar machen.«

Neu­gie­rig? Na und wie – der Kaf­fee wird kalt. »Sün­den­ver­ge­bung irgend­wie erleb­bar machen«? Ganz ein­fach, so wie Jesus Was­ser in Wein ver­wan­del­te: Man nimmt ein Objekt, nennt es »Cand­le of Sins« – eine Ker­ze, die, aber ja, »aus ver­ge­be­nen Sün­den gegos­sen wird«.

Herr, wie soll das gehen? Dr. Fabi­an Hem­mert, Pro­fes­sor für Design an der Uni­ver­si­tät Wup­per­tal hat sich mit sei­nen Stu­den­ten die kirch­li­chen Ritua­le ange­se­hen, die­se »Schnitt­stel­le zwi­schen Mensch und Gott«. Die muss »über­ar­bei­tet« wer­den – nach den »Regeln des Pro­dukt­de­signs« und über­führt in eine »zeit­ge­mä­ße Ästhe­tik«. Die­se Ritua­le »ins 21. Jahr­hun­dert brin­gen«: Das ist die Aufgabe.

Ein katho­li­scher Scha­ma­ne, Dia­kon Dr. Dr. Andre­as Bell, der für das Erz­bis­tum Köln »den Dia­log« mit »den Wis­sen­schaf­ten« betreibt, wird von der Autorin die­ser Sen­dung, Vere­na Trö­ster, die auch beim Dom­ra­dio Köln mode­riert, befragt, ob man die Sün­de als Segen begrei­fen kann. Ablass? Tet­zel? Gegen­fra­ge des Dia­kons: »War­um ist die Schuld glück­lich? Wie fühlt sie sich an?« Ist sie eine Frau? Ant­wort: Um den »tief­sten Win­kel ihrer See­le Gott zei­gen zu kön­nen« – das sei der »Luxus«, den Chri­sten haben.

Doch um den letz­ten Win­kel aus­zu­leuch­ten, braucht es das Licht. Das bringt uns zu »Schritt zwei im Pro­duk­ti­ons­pro­zess: Die Kon­zep­ti­on von Lösungs­va­ri­an­ten«. Die­se »glück­li­che Schuld« müs­se nun »im Design erleb­bar wer­den«. Man soll sie »in die Hand neh­men kön­nen«. Die Fra­ge: Wel­ches Mate­ri­al eig­net sich? Stei­ne? »Das hat zwar schon eine gewis­se Hap­tik, aber was macht man dann nach­her mit den Stei­nen?« So sei­en sie dar­auf gekom­men, Wachs zu ver­wen­den und es ein­zu­schmel­zen. Schon sind wir bei »Pha­se drei, dem Ent­wurf. Klei­ne Stücke Wachs machen den Bal­last der Sün­de anfass­bar.« Aus den Ver­feh­lun­gen wird ein far­bi­ges Wachs­stück, das in einen klei­nen guss­ei­ser­nen Behäl­ter gewor­fen wird, eben die »Cand­le of Sins«. Übers Jahr füllt er sich, die »Sün­den wer­den sicht­bar, ihre Last schwerer«.

Die Idee der Design-Stu­die­ren­den: »Und dann schmel­zen die Wachs­pel­lets zusam­men, soll­ten idea­ler­wei­se sin­tern, also sich lang­sam inein­an­der schmie­gen« zu einer mar­mor­nen Far­big­keit. Nach der Abküh­lung hat man eine Ker­ze, »in der jedes ein­zel­ne Eck­chen dafür steht, dass ein Gemein­de­mit­glied eine Sün­de gebeich­tet hat «. Der Beicht­va­ter ist weg­ra­tio­na­li­siert. Den­noch, »alle Sün­den sind ver­ge­ben«. Die Sün­den einer gan­zen Gemein­de sind »Licht« geworden.

Desi­gnex­per­te Hem­mert sagt: »Von der Insu­lin­sprit­ze bis zum Schreib­tisch, über­all umgibt uns Pro­dukt­de­sign.« Und zum Objekt, es sei immer dann gut, »wenn es sei­nen Zweck« erfül­le: die Mensch-Gott-Schnitt­stel­le? Die von sei­nen Stu­den­ten ent­wor­fe­nen Objek­te sei­en »sehr klar nach den Regeln des Pro­dukt­de­signs ent­stan­den«, den­noch »rech­nen sie qua­si mit Got­tes Anwe­sen­heit«. Noch ein Pro­jekt: »Fla­me of Pray­ers«. Hier wer­den Gebe­te in Far­be beant­wor­tet. Das Design, ein­fach, aber wir­kungs­voll. Eine »kup­fer­far­be­ne Mes­sing­scha­le«, wor­in ein paar Lava­stei­ne lie­gen. Und unter den Stei­nen der Flam­men­wer­fer: eine »Gas­kar­tu­sche, die eine Flam­me wirft«. Am wich­tig­sten: Metall­sal­ze als Pel­lets ein­ge­setzt. Ob das dann rot, blau, grün oder gelb leuch­tet: Der Beten­de bekommt – mut­maß­lich von Gott – ein »farb­li­ches Feed­back zu sei­nem Anliegen«.

Und so sind sie­ben Ein­zel­ob­jek­te für den upge­da­te­ten Gott in der Design­klas­se von Pro­fes­sor Hem­mert ent­stan­den. Wo kann man sie bestel­len? Kein Hin­weis. Der Hörer am Sonn­tag­mor­gen erfährt immer­hin, dass die­se Arbei­ten an der Mensch-Gott-Schnitt­stel­le »eine sehr gewinn­brin­gen­de Sache« sei­en. Und Dia­kon Andre­as Bell weiß, dass die von den Stu­die­ren­den design­ten Objek­te »durch­aus für den rea­len Ein­satz« taugen.

Und wo das Beich­ten nicht mehr in ist, kann man, so der Dia­kon, einen »Wall of Con­fes­si­ons« schaf­fen. Der Beicht­stuhl im Design des 21. Jahr­hun­derts, eine »öffent­li­che Wand zur Beich­te«? Nun der Regen wird alles »rein­wa­schen«. Der geup­date­te Gott macht alles, was die Desi­gner­klas­se von Pro­fes­sor Hem­mert will. Ob das Kir­chen­volk da mitzieht?

Bevor die katho­li­schen Heer­scha­ren auf­bre­chen und dem Deutsch­land­funk in Köln wegen Got­tes­lä­ste­rung die Schei­ben ein­wer­fen: stopp! Der Sen­der will für den Inhalt der Sen­dung, die er nach­weis­bar gesen­det hat, nicht ver­ant­wort­lich sein, das sei Sache einer kirch­li­chen Ein­rich­tung, der »Katho­li­schen Hör­funk­ar­beit«. Also, kehrt marsch! Der Köl­ner Dom hat auch präch­ti­ge Fenster.

P.S. Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne vier Tage spä­ter: »Im Erz­bis­tum Köln reiht sich der­zeit in rascher Fol­ge eine Erschüt­te­rung an die nächste.«