Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gremlizas Vermächtnis

Er erkann­te – wohl als ein­zi­ger –, womit im Bon­ner Bun­des­tag jener 9. Novem­ber ende­te, der in Deutsch­lands neue Krie­ge führ­te: »Sie saßen nicht mehr, und sie stan­den noch nicht. Wip­pen in der Hocke, den Hin­tern zehn Zen­ti­me­ter überm Sitz, den Kopf hil­fe­su­chend nach rechts und links und schräg hin­ten gedreht: So fing die Kame­ra sie ein, die Grü­nen im Bun­des­tag. Sekun­den zuvor hat­ten sich die Abge­ord­ne­ten erst der Regie­rungs­frak­tio­nen, dann der SPD erho­ben und das Deutsch­land­lied ange­stimmt. Soll­te, durf­te, muß­te man jetzt auch auf­ste­hen und mit­sin­gen? Jeder, jede spür­te, daß dies die Ent­schei­dung war, an der sich vor­bei­zu­mo­geln den eige­nen und den Erfolg der Bewe­gung aus­ge­macht hat­te. Weit und breit kei­ne Nische, in die man sich hät­te drücken kön­nen, wie es einst der Nazi Glob­ke getan haben woll­te, als der Eid auf den Füh­rer gelei­stet wur­de. Ach, wäre man doch vor fünf Minu­ten zum Pin­keln gegan­gen! Und so balan­cier­ten sie denn, end­lo­se Sekun­den lang, über den Sitz­flä­chen, zwi­schen Vater­land und Sze­ne, Chuz­pe und Scham, Frei­heit und Sozialismus.«

Und sie erho­ben sich zu vol­ler deut­scher Grö­ße, die Grü­nen, san­gen das Deutsch­land­lied mit. Die Sozi­al­de­mo­kra­ten sowie­so. Grem­li­za in der dar­auf­fol­gen­den Kon­kret-Aus­ga­be (12/​89) wei­ter: »Ob sich einer oder eine von ihnen in die­sem Augen­blick dar­an erin­ner­te, wann zuletzt das Deutsch­land­lied in einem deut­schen Par­la­ment so spon­tan gegrölt wor­den war; an jenen 17. Mai 1933, an dem sich nach der außen­po­li­ti­schen Erklä­rung des Füh­rers und Reichs­kanz­lers die Abge­ord­ne­ten der NSDAP, des Zen­trums und auch der Sozi­al­de­mo­kra­tie zum Gesang des ›Deutsch­land, Deutsch­land über alles‹ verbanden?«

Die SPD-Abge­ord­ne­ten hat­ten Rou­ti­ne im fal­schen Auf­ste­hen und im üblen Gesang, 1914 jubel­ten sie dem Kai­ser des Hohen­zol­lern­ge­sin­dels zu, das uns heu­te wie­der belä­stigt, sie sag­ten Ja zu den Kriegs­kre­di­ten, die Mil­lio­nen Men­schen das Leben koste­ten. Grem­li­za 1989: »Zum drit­ten Mal in die­sem Jahr­hun­dert, nach 1914 und 1933, gab es in einem deut­schen Par­la­ment kei­ne Par­tei­en mehr. Und zum drit­ten Mal Grund für alle, die noch einen Kopf zu ver­lie­ren haben, sich in Sicher­heit zu brin­gen. Was denn hät­te die Geschich­te leh­ren kön­nen, wenn nicht dies: daß man bes­ser in Deckung geht, wenn Deut­sche Deut­sche wg. erwie­se­nen Deutsch­seins umarmen.«

Rudolf Aug­stein – er ent­fern­te 1971 Grem­li­za aus dem Spie­gel – ver­harm­lo­ste damals: »Laßt uns doch auf­hö­ren, die preu­ßisch-deut­sche Geschich­te als Schreck­ge­spenst ins Feld zu füh­ren, mit ihr ist es zu Ende. Der neue Staat wür­de, wie ande­re auch, nur noch wirt­schaft­lich expan­die­ren wol­len.« Grem­li­zas Ant­wort: »›Nur noch‹ – als hät­te das deut­sche Kapi­tal 1914 und 1933 etwas ande­res gewollt – damals wur­den zu die­sem Zweck zwar Welt­krie­ge geführt, aber einer Spra­che, in der die Erin­ne­rung an Ausch­witz heu­te als ›Schreck­ge­spenst‹ vor­kommt, ist auch mor­gen kei­ne impe­ria­li­sti­sche Bru­ta­li­tät fremd.«

Auch mor­gen. Zehn Jah­re nach dem gemein­sa­men Grö­len sei­ner Natio­nal­hym­ne erreich­te das wie­der zusam­men­ver­wach­se­ne Deutsch­land den End­sieg im Krieg gegen die Ser­ben, den Wil­helm Zwo begon­nen und Adolf Hit­ler fort­ge­führt hat.

Her­mann Grem­li­za starb am 20. Dezem­ber 2019. Drei­ßig Jah­re zuvor schrieb er in sei­ner Kolum­ne zum Aus­bruch der Deut­schen Ein­heit: »Wie immer haben auch hier die schlimm­sten Pro­gno­sen die besten Chan­cen, Wirk­lich­keit zu werden.«

Wir wer­den ohne ihn sein, wenn näch­stes Jahr im Janu­ar die­ses im Schloss zu Ver­sailles aus Krieg und Kor­rup­ti­on gebo­re­ne Deutsch­land sei­nen 150. Geburts­tag fei­ert. Im ver­schwun­de­nen Palast der Repu­blik, an des­sen Stel­le recht­zei­tig das Schloss Wil­helm II. wirk­lich­keits­ge­treu wie­der­auf­ge­baut ist.

Her­mann muss es nicht mehr erleben.