Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gründet Genossenschaften!

Die Idee der Genos­sen­schaft ist uralt, aber auch brand­ak­tu­ell. Genos­sen­schaf­ten waren in der Geschich­te und sind auch heu­te in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein wich­ti­ger Fak­tor in der Wirt­schaft. Es wird sogar in den letz­ten Jah­ren ein Auf­schwung von Genos­sen­schafts­grün­dun­gen in Deutsch­land fest­ge­stellt. Man­che spre­chen von einer Renais­sance der Genos­sen­schaft­lich­keit oder gar von einem neu ent­flamm­ten Wunsch nach Kol­lek­ti­vi­tät. Den­noch ist die Kennt­nis über Genos­sen­schaf­ten noch immer gering. Vie­le Men­schen in Deutsch­land stel­len sich unter dem Begriff »Genos­sen­schaf­ten« ledig­lich Genos­sen­schafts­ban­ken, besten­falls Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten vor. Das ist scha­de, denn als Genos­sen­schaf­ten kann man vie­les grün­den. Und Grün­dun­gen von Genos­sen­schaf­ten sind meist wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher als Ein­zel­grün­dun­gen, vor allem, wenn sie einen poli­ti­schen Anspruch haben.

»Was dem Ein­zel­nen nicht mög­lich ist, das ver­mö­gen vie­le«, die­ses Mot­to stammt von einem der Grün­dungs­vä­ter der Genos­sen­schaf­ten, Fried­rich Wil­helm Raiff­ei­sen (1818–1888), und es ist über 150 Jah­re alt. An Aktua­li­tät hat es in unse­rer Ell­bo­gen­ge­sell­schaft nichts ver­lo­ren. Aber in mei­nem Arti­kel zum Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag soll es weni­ger um die Grün­dungs­vä­ter gehen, son­dern – nach einer kur­zen Ein­füh­rung – um Frau­en­genos­sen­schaf­ten, ihre Geschich­te und ihre Gegenwart.

 

Was sind Genossenschaften?

Welt­weit sind rund 800 Mil­lio­nen Men­schen in Genos­sen­schaf­ten orga­ni­siert. Genos­sen­schaf­ten arbei­ten in den unter­schied­lich­sten Bran­chen erfolg­reich für die Zie­le ihrer Mit­glie­der. In Deutsch­land gibt es fast 8000 Genos­sen­schaf­ten mit mehr als 22 Mil­lio­nen Mit­glie­dern. Seit mehr als 160 Jah­ren sind Genos­sen­schaf­ten im Finanz­we­sen, in der Land­wirt­schaft, in Han­del und Gewer­be oder im Woh­nungs­bau erfolgreich.

Nach dem »Gesetz betref­fend die Erwerbs- und Wirt­schafts­ge­nos­sen­schaf­ten (GenG) von 1889«, das 2006 und 2017 vor allem zugun­sten klei­ne­rer Genos­sen­schaf­ten gering­fü­gig geän­dert wur­de, sind Genos­sen­schaf­ten »Gesell­schaf­ten von nicht geschlos­se­ner Mit­glie­der­zahl, deren Zweck dar­auf aus­ge­rich­tet ist, den Erwerb oder die Wirt­schaft ihrer Mit­glie­der oder deren sozia­le und kul­tu­rel­le Belan­ge durch gemein­schaft­li­chen Geschäfts­be­trieb zu fördern«.

In der Sta­ti­stik des Genos­sen­schafts­ver­ban­des wer­den fünf Genos­sen­schafts­sek­to­ren beschrie­ben: Kon­sum­ge­nos­sen­schaf­ten, Woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaf­ten, gewerb­li­che Genos­sen­schaf­ten, Genos­sen­schafts­ban­ken und länd­li­che Genos­sen­schaf­ten. Allen Sek­to­ren gemein­sam ist, dass die Genos­sIn­nen als Eigen­tü­me­rIn­nen kol­lek­tiv und gleich­be­rech­tigt die wich­tig­sten betriebs­in­ter­nen sowie pro­dukt- und pro­jekt­ori­en­tier­ten Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die Genos­sen­schaft ist dem­nach nicht nur eine Rechts­form, son­dern auch eine wirt­schaft­li­che Selbst­hil­fe­pra­xis. Wobei es in der Regel um die Erfül­lung von Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Mit­glie­der geht und weni­ger um öko­no­mi­schen Profit.

Genos­sen­schaf­ten sind die demo­kra­tisch­ste aller Rechts­for­men. Sie haben einen Auf­sichts­rat und einen Vor­stand, bei­de Gre­mi­en­mit­glie­der müs­sen zugleich auch Mit­glie­der der Genos­sen­schaft sein. Das höch­ste Gre­mi­um ist die Genos­sen­schafts­ver­samm­lung, in der alle Genos­sIn­nen glei­ches Stimm­recht haben, das heißt es gilt die Regel »ein Mann eine Stim­me« – so hieß es frü­her –, heu­te kann es auch eine Frau sein, unab­hän­gig davon, wie viel Geld (Genos­sen­schafts­an­tei­le) oder Arbeits­lei­stung er oder sie in die Genos­sen­schaft ein­ge­bracht hat. Wenn er/​sie die Genos­sen­schaft ver­las­sen möch­te, kann der ein­ge­zahl­te Anteil wie­der mit­ge­nom­men werden.

 

Es gab auch Gründungsmütter

Hel­ma Stein­bach (1847–1918) war eine Pio­nie­rin der Genos­sen­schafts­be­we­gung und eine der weni­gen Frau­en, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts aus die­sem damals von Män­nern domi­nier­ten Bereich her­aus­rag­ten. Ende des 19. Jahr­hun­derts orga­ni­sier­te sie den ersten Streik der Plät­te­rin­nen im hol­stei­ni­schen Stel­lin­gen, und sie war auch am Streik der Wäsche­rin­nen in Neu-Isen­burg betei­ligt. Sie war Mit­be­grün­de­rin des 1899 in Ham­burg gegrün­de­ten Kon­sum-, Bau- und Spar­ver­eins »Pro­duk­ti­on«, des­sen Sat­zung sie ent­wor­fen hat­te, und gehör­te als ein­zi­ge Frau von der Grün­dung bis zu ihrem Tode dem Auf­sichts­rat der Genos­sen­schaft an. In der Zeit ihres Wir­kens wur­de die »Pro­duk­ti­on« zu einem inter­na­tio­nal bewun­der­ten moder­nen Unter­neh­men, das 1910 sei­ne 46.500 Mit­glie­der durch 69 Läden ver­sorg­te, eine gro­ße Brot­fa­brik und die modern­ste Fleisch­wa­ren­fa­brik Deutsch­lands unter­hielt. Dass die 820 Per­so­nen, die die »Pro­duk­ti­on« beschäf­tig­te, bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und höhe­re Löh­ne hat­ten als in kapi­ta­li­sti­schen Betrie­ben, war für sie selbst­ver­ständ­lich. Sie kann­te aus ihrer Arbeit in einer »Tabak­bu­de«, in der Schul­au­er Zucker­fa­brik und in ande­ren Fabri­ken die Not der Arbei­te­rin­nen. Hel­ma Stein­bach war auch eine der Frau­en, denen es zu ver­dan­ken ist, dass die Gewerk­schaf­ten die Wider­stän­de gegen die Auf­nah­me von Frau­en auf­ga­ben. Dass die »Pro­duk­ti­on« für ihre Mit­glie­der 600 Woh­nun­gen bau­te, erhält heu­te ange­sichts der vie­len Woh­nungs­su­chen­den und der für zahl­rei­che Men­schen nicht mehr bezahl­ba­ren Mie­ten beson­de­re Relevanz.

 

Woh­nungs-, Bau- und Siedlungsgenossenschaften

Unter den rund 8000 Genos­sen­schaf­ten in Deutsch­land sind rund 2000 Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten mit 2,2 Mil­lio­nen Woh­nun­gen. Sie kön­nen – von eini­gen Aus­nah­men abge­se­hen – als »Garan­ten für bezahl­ba­re Mie­ten und sta­bi­le Nach­bar­schaf­ten« gel­ten. Auch sie haben eine lan­ge Geschich­te. Im Bereich des Woh­nungs­baus haben die Woh­nungs- und Bau­ge­nos­sen­schaf­ten seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts das Bild vie­ler Städ­te ent­schei­dend mit­be­stimmt. Sie ent­stan­den in Zusam­men­hang mit der Woh­nungs­not, die durch die Wan­de­rung der Land­be­völ­ke­rung in die schnell wach­sen­den indu­stri­el­len Zen­tren her­vor­ge­ru­fen wor­den war. Nach dem Ersten Welt­krieg kam es ange­sichts der gro­ßen Woh­nungs­not und ange­sichts der ent­täusch­ten Hoff­nun­gen auf eine Sozia­li­sie­rung der Wirt­schaft, die mit dem räte­de­mo­kra­ti­schen Auf­bruch vom Novem­ber 1919 ver­bun­den gewe­sen waren und mit der blu­ti­gen Nie­der­schla­gung der Räte­re­pu­blik geen­det hat­ten, zu einem Boom von Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten. Gan­ze Stadt­tei­le und Sied­lun­gen, durch die die Mit­glie­der nicht nur mit preis­gün­sti­gem Wohn­raum ver­sorgt wur­den, son­dern in denen sie gleich­be­rech­tigt über ihr Zusam­men­le­ben bestim­men und mit neu­en For­men sozia­len Woh­nens und Lebens expe­ri­men­tie­ren woll­ten, ent­stan­den auf die­se Wei­se wäh­rend der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik. Land­frau­en grün­de­ten die ersten Frau­en­genos­sen­schaf­ten. Ver­bän­de berufs­tä­ti­ger, unver­hei­ra­te­ter Frau­en bau­ten Wohn­hei­me für ihre Mit­glie­der, und Archi­tek­tin­nen rea­li­sier­ten Ledi­gen­woh­nun­gen für Frau­en. Frau­en­ver­bän­de grün­de­ten Frau­en-Bau­ge­nos­sen­schaf­ten. In Frank­furt am Main lie­ßen neun berufs­tä­ti­ge Frau­en ihren Traum vom moder­nen Woh­nen wahr wer­den. Sie rea­li­sier­ten 1927 als Sied­lungs­ge­nos­sen­schaft 43 Woh­nun­gen, die spe­zi­ell auf die Bedürf­nis­se »allein­ste­hen­der« Frau­en zuge­schnit­ten waren. Hel­le Far­ben, prak­ti­sche Küchen, schö­ne Mate­ria­li­en, luf­ti­ge Kon­struk­tio­nen zeich­ne­ten die Woh­nun­gen der Frau­en aus. Das Hit­ler-Regime setz­te der hoff­nungs­vol­len Ent­wick­lung der Wei­ma­rer Zeit ein radi­ka­les Ende. Es zer­schlug nicht nur die Frau­en­be­we­gun­gen der Wei­ma­rer Zeit, son­dern auch ihre Projekte.

 

Wie­der­auf­bau nach dem Zwei­ten Weltkrieg

Die kon­ser­va­ti­ve Nach­kriegs­po­li­tik in der BRD unter Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er setz­te – anstatt den genos­sen­schaft­li­chen Woh­nungs­bau zu unter­stüt­zen – auf den Bau von Eigen­hei­men, vor allem für die Klein­fa­mi­li­en. Die gro­ße Zahl der Krie­ger­wit­wen mag dazu geführt haben, dass es über­par­tei­li­chen Frau­en­aus­schüs­sen gelang, in eini­gen Städ­ten Wohn­häu­ser für »allein­ste­hen­de« Frau­en mit Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen durch­zu­set­zen. »Dra­chen­burg« wur­den sie im Volks­mund genannt.

Bes­ser als in der Nach­kriegs-BRD gestal­te­te sich das Genos­sen­schafts­we­sen in der DDR. Die Genos­sen­schaf­ten soll­ten aktiv an der staat­li­chen Pla­nung der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung teil­ha­ben. Daher wur­den sie beson­ders geför­dert. Am erfolg­reich­sten war die Genos­sen­schafts­po­li­tik auf dem Land­wirt­schafts­sek­tor (LPG), aber auch die Arbei­ter­woh­nungs­bau­ge­nos­sen­schaf­ten (AWG) expan­dier­ten. Der Staat unter­stütz­te sie durch unent­gelt­li­ches Bereit­stel­len von Bauland.

Erst in den 1970er Jah­ren wur­de im Gefol­ge der Alter­na­tiv­be­we­gung und der Frau­en­be­we­gung auch in der BRD die Genos­sen­schafts­be­we­gung wie­der ent­deckt. Auch wenn nicht alle damals gegrün­de­ten Wohn- und Arbeits­pro­jek­te als eG orga­ni­siert waren, kann von einer Wie­der­be­le­bung des Genos­sen­schafts­ge­dan­kens gespro­chen wer­den. Die Idee »Frau­en woh­nen gemein­sam« wirk­te ansteckend und wur­de viel­fach rea­li­siert. 89 Pro­jek­te haben Ruth Becker und Eve­li­ne Lin­ke bis 2015 in einer Daten­bank zusam­men­ge­tra­gen, dar­un­ter vie­le Genossenschaften.

Unter dem Mot­to »Muti­ge Wei­ber tun sich zusam­men« grün­de­ten 17 Frau­en 1989 in Ber­lin die nach ihren eige­nen Aus­sa­gen »erste Frau­en­genos­sen­schaft seit der Wei­ma­rer Repu­blik«. Zwei Jah­re vor­her war das Frau­en­/­Les­ben-Pro­jekt Hexen­haus bezo­gen wor­den. Die Frau­en, die dort leben, gehö­ren alle dem Ver­ein an. Wie die Genos­sen­schaft Scho­ko­fa­brik eG ist das Pro­jekt aus einer Haus­be­set­zung von 1981 her­vor­ge­gan­gen. Muti­ge Wei­ber gab es auch in Mün­chen. Dort wur­de die Genos­sen­schaft Frau­en­Woh­nen eG am 1. März 1998 gegrün­det. Expli­zi­tes Ziel der Genos­sen­schaft ist es, Wohn­raum in Mün­chen zu schaf­fen, der vor Spe­ku­la­ti­on sicher und bezahl­bar ist. Inzwi­schen hal­ten fast 300 Mit­frau­en Anteil­schei­ne à 1100 Euro. Dadurch sind sie Mit­ei­gen­tü­me­rin­nen der Groß­im­mo­bi­li­en der Genossenschaft.

Ähn­li­che Pro­jek­te fin­den wir in der Zwi­schen­zeit in vie­len Städ­ten und Gemein­den. Genos­sen­schaft­li­ches Woh­nen ist selbst­ver­wal­te­tes und selbst­be­stimm­tes Woh­nen – leben­dig, demo­kra­tisch, inno­va­tiv. Gemein­sa­mes Woh­nen für Frau­en* ist dabei, ein Trend zu werden.

 

Gise­la Notz hat die ersten 24 Jah­re ihres Lebens in einer von ihrem Groß­va­ter 1917 mit­ge­grün­de­ten Genos­sen­schafts­sied­lung ver­bracht. Der Gedan­ke »gemein­sam kann man mehr errei­chen« hat sie nie los­ge­las­sen. Heu­te lebt und arbei­tet sie in einem Frau­en­wohn­pro­jekt. Im Som­mer erscheint ihr Buch »Genos­sen­schaf­ten: Geschich­te, Aktua­li­tät und Renais­sance« beim Schmet­ter­ling-Ver­lag in Stuttgart