Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Grundrechte, eigentlich

Eigen­tum soll dem Wohl der All­ge­mein­heit die­nen, eigent­lich. Grund und Boden, Natur­schät­ze und Pro­duk­ti­ons­mit­tel könn­ten ver­ge­sell­schaf­tet wer­den, eigent­lich. Sicher wis­sen alle, dass es sich dabei um garan­tier­te Grund­rech­te han­delt. Wie­so wer­den Per­so­nen, die sie in Anbe­tracht der kras­sen sozia­len Ungleich­heit umset­zen wol­len, als Staats­fein­de vom Ver­fas­sungs­schutz beobachtet?

Frau­en, gewiss ist euch allen bewusst, dass ihr auf Grund eures Geschlechts nicht benach­tei­ligt wer­den dürft! Kin­der, die ihr das Pech habt, in eine arme Fami­lie hin­ein­ge­bo­ren zu sein, denkt immer dar­an: Ihr habt ein garan­tier­tes Recht auf freie Ent­fal­tung eurer Per­sön­lich­keit! Ihr Beschäf­tig­te bei Schlacht­hö­fen – eure Wür­de ist unan­tast­bar! Ihr Mit­ar­bei­te­rIn­nen in Digi­tal­kon­zer­nen, ver­gesst nicht: Euer Recht auf För­de­rung der Arbeits­be­din­gun­gen durch Betriebs­rä­te ist ein garan­tier­tes Grund­recht! Hal­lo Migran­tin­nen und Migran­ten, viel­leicht habt ihr schon gehört: Eure Wür­de zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller Ämter und Gerich­te, jedes Poli­zi­sten und Poli­ti­kers! Und euer Leben und eure kör­per­li­che Unver­sehrt­heit sowie­so! Eigentlich.

Und hal­lo Staat, hal­lo Geheim­dien­ste: Schon mal gehört, dass die Woh­nung unver­letz­lich ist? Eben­so das Post- und Fern­mel­de­ge­heim­nis? Dass ihr euch an die Men­schen­rech­te als Grund­la­ge jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Frie­dens und der Gerech­tig­keit zu hal­ten habt – auch an die wirt­schaft­lich-sozia­len Men­schen­rech­te! Ihr Volks­ver­tre­te­rIn­nen in Regie­rung und Par­la­ment, erin­nert euch an den alten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Staats­recht­ler Her­mann Hel­ler, der schon 1930, kurz bevor er Deutsch­land ver­las­sen muss­te, den ent­schei­den­den Unter­schied zwi­schen bür­ger­lich-libe­ra­lem und sozia­lem Rechts­staat her­aus­stell­te: Im sozia­len Rechts­staat haben die Grund­rech­te nicht nur for­ma­le Gül­tig­keit, nein, sie müs­sen real für alle Men­schen gel­ten! Das ist in Deutsch­land im Jahr 2020 offen­sicht­lich nicht der Fall.

Viel­leicht habt ihr, die ihr als Macht­eli­te das Leben der Men­schen mas­siv beein­flusst, ver­ges­sen, dass die Staats­ge­walt nicht von unkon­trol­lier­ten, nur dem Pro­fitzwang unter­wor­fe­nen Kon­zern­gi­gan­ten und Schat­ten­ban­ken aus­ge­hen darf, son­dern vom Vol­ke, eigent­lich. Ihr soll­tet dar­an den­ken, denn es gibt auch ein Recht auf Wider­stand, wenn ihr die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung durch Miss­ach­tung der Grund­rech­te zu besei­ti­gen sucht, eigentlich!

Genug der Fra­gen und Appel­le. Hal­ten wir fest: Der deut­sche Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen ver­let­zen Grund- und Men­schen­rech­te auf viel­fäl­ti­ge Wei­se und ver­nach­läs­si­gen so ihre Ver­pflich­tung zum Schutz der Bür­ge­rIn­nen. Gleich­zei­tig kön­nen die Men­schen ihre Ansprü­che gegen­über dem Staat nicht aus­rei­chend gel­tend machen. Die Grund­rech­te sind nicht in guter Ver­fas­sung. Wenn wir uns aber wegen ihrer Miss­ach­tung Sor­gen machen, geht es nicht um Coro­na-Mund­schutz und Distanz­ge­bot, so sehr auch die staat­li­chen Maß­nah­men im Wind­schat­ten der Pan­de­mie zur Schaf­fung einer »neu­en Nor­ma­li­tät« mit Auf­merk­sam­keit und kri­ti­schem Enga­ge­ment zu ver­fol­gen sind: Wer pro­fi­tiert, wer ver­liert? Was wird alles im Namen der inne­ren und äuße­ren Sicher­heit klamm­heim­lich durchgesetzt?

Miss­ach­tung der Grund­rech­te: Eine schwer­wie­gen­de Behaup­tung, die in der neu­en Aus­ga­be des »Grund­rech­te-Reports« anhand zahl­rei­cher Bei­spie­le belegt wird. Immer wie­der hören wir von staat­li­chen Maß­nah­men und Unter­las­sun­gen (!), die Zwei­fel an ihrer Recht­mä­ßig­keit auf­kom­men las­sen und Kri­tik her­vor­ru­fen, wie bei der Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge und der Über­wa­chung der Bevöl­ke­rung. Nur sel­ten wird die Fra­ge geprüft: Ver­let­zen sie viel­leicht sogar Grund­rech­te? Man scheint sich dar­an gewöhnt zu haben, im Staat eine abge­ho­be­ne Instanz zu sehen, die nicht zwin­gend unse­re Inter­es­sen und Bedürf­nis­se ver­tritt, uns manch­mal sogar feind­lich gegen­über­steht. Die zahl­rei­chen Skan­da­le, in die Mini­ste­ri­en, Geheim­dien­ste und Bun­des­äm­ter ver­wickelt sind (aktu­ell etwa Maut, Wire­card, Waf­fen­lie­fe­run­gen …), rufen nur noch bei weni­gen Empö­rung her­vor. Sie zer­stö­ren aber das Ver­trau­en in den Staat und ver­gif­ten die gesell­schaft­li­che Atmosphäre.

Der Staat und sei­ne Ver­tre­te­rIn­nen begün­sti­gen oft gemein­schafts­schä­di­gen­de Inter­es­sen. Ein beson­ders deut­li­ches Bei­spiel ist der Woh­nungs­markt. Die Ent­wick­lung war früh abseh­bar und poli­tisch gewollt. Die Prei­se für Bau­land sind bun­des­weit seit 1962 um 2300 Pro­zent gestie­gen, in Bal­lungs­ge­bie­ten wie Mün­chen seit 1952 sogar um 39.000 Pro­zent! Für die Stadt­ent­wick­lung hat das fata­le Fol­gen: Bezahl­ba­ren Wohn­raum in Städ­ten fin­den nur noch Wohl­ha­ben­de. War da nicht was mit Daseins­vor­sor­ge und Grund­rech­ten? Woh­nen sei exi­sten­zi­ell, dar­auf hat sogar das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hin­ge­wie­sen: Eine Woh­nung die­ne ele­men­ta­ren Lebens­be­dürf­nis­sen, der Frei­heits­si­che­rung und der Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit. Im Bei­trag über den »frei­en« Woh­nungs­markt wird im »Grund­rech­te-Report 2020« aber beschrie­ben, wie der Staat die Inter­es­sen der Eigen­tü­mer ver­tritt, zumal die­se jede noch so zag­haf­te Ein­schrän­kung als ver­fas­sungs­wid­rig brandmarken.

Ein wei­tes Feld für Sor­ge und Kri­tik bie­tet der Aus­bau der »inne­ren Sicher­heit«: Aus­wei­tung der Befug­nis­se der Poli­zei, Ver­la­ge­rung poli­zei­li­cher Ermitt­lun­gen ins Vor­feld einer ver­mu­te­ten Straf­tat, Zusam­men­füh­rung von Infor­ma­tio­nen aus Poli­zei- und Migra­ti­ons­da­ten­ban­ken, anlass­lo­se Ein­sät­ze zur Gefah­ren­ab­wehr und zahl­rei­che wei­te­re Maß­nah­men signa­li­sie­ren einen Rechts­ruck zum Über­wa­chungs­staat, wobei grund- und men­schen­recht­li­che Stan­dards auf der Strecke blei­ben. Kri­tisch beleuch­tet wer­den im Buch auch der Taser-Ein­satz im Poli­zei­strei­fen­dienst trotz Hun­der­ter doku­men­tier­ter Todes­fäl­le in den USA oder der poli­zei­li­che Daten­miss­brauch für Droh­brie­fe an Anwäl­tIn­nen von Nazi-Opfern, rechts­ra­di­ka­le Netz­wer­ke in den Staats­ap­pa­ra­ten und das neue Urhe­ber­recht als Gefahr für die Mei­nungs­frei­heit. Die Fra­ge drängt sich auf: Wer schützt uns vor dem Staats­schutz und der Miss­ach­tung der Grundrechte?

Viel zu wenig bekannt ist die Ergän­zung im Grund­ge­setz, wonach der Staat die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen und die Tie­re zu schüt­zen hat (Art. 20a GG). Wer weiß schon, dass die all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts Bestand­teil des Bun­des­rechts sind (Art. 25 GG). Die Berück­sich­ti­gung im Sam­mel­band erwei­tert den Blick auf die gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen Grund­rech­ten und Vor­schrif­ten mit Ver­fas­sungs­rang einer­seits und der poli­ti­schen und sozia­len Rea­li­tät ande­rer­seits. Drei Vier­tel der über 50 AutorIn­nen haben eine juri­sti­sche Aus­bil­dung. Durch ihre doku­men­ta­ri­sche Sach­lich­keit bekom­men die The­men den Cha­rak­ter von Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten; die not­wen­di­ge poli­ti­sche Bewer­tung bleibt aber den Lese­rIn­nen überlassen.

Nach der anre­gen­den Lek­tü­re mag man aus­ru­fen: Also, geehr­te Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, über­neh­men Sie! Sor­gen Sie dafür, dass end­lich der sozia­le Rechts­staat ver­wirk­licht wird und die Grund­rech­te für alle real gel­ten! Oder muss das Volk alles sel­ber machen? Die Fra­ge drängt sich nach der Lek­tü­re auf: Neh­men sich die Reprä­sen­tan­ten ande­rer Län­der auch das Recht her­aus, von Deutsch­land die Ein­hal­tung der Grund- und Men­schen­rech­te zu for­dern? Die Bun­des­kanz­le­rin oder der Außen­mi­ni­ster tun das näm­lich – so wird in den Nach­rich­ten immer her­vor­ge­ho­ben – regel­mä­ßig mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit. Natür­lich nur gegen­über Län­dern, die zu Kon­kur­ren­ten oder gar Fein­den auf­ge­baut wer­den sol­len. Stel­len wir uns vor, der chi­ne­si­sche Prä­si­dent rügt beim Staats­be­such in Deutsch­land: »Die kras­se sozia­le Ungleich­heit und die dar­aus resul­tie­ren­de syste­ma­ti­sche Benach­tei­li­gung stel­len eine gro­be Ver­let­zung von Grund- und Men­schen­rech­ten dar, Herr Maas. Wir müs­sen das mit aller Schär­fe ver­ur­tei­len.« Viel­leicht mahnt der rus­si­sche Außen­mi­ni­ster bei Ver­hand­lun­gen: »Wir müs­sen dar­an erin­nern, dass die Ver­strickung staat­li­cher Stel­len in Mor­de des NSU oder mut­maß­li­che ras­si­sti­sche Mor­de in Poli­zei­ge­wahr­sam Ver­stö­ße gegen Grund- und Men­schen­rech­te dar­stel­len, Frau Mer­kel« – und unse­re Medi­en erwäh­nen es nur nicht?

 

»Grund­rech­te-Report 2020. Zur Lage der Bür­ger- und Men­schen­rech­te in Deutsch­land«, her­aus­ge­ge­ben von: Leo­ni Michal Arm­bruster, Bel­l­in­da Bar­to­luc­ci, Rolf Göss­ner, Julia Heesen, Mar­tin Hei­ming, Hans-Jörg Kreow­ski, John Phil­ipp Thurn, Rose­ma­rie Will, Michè­le Wink­ler, Chri­sti­ne Zed­ler, Fischer Taschen­buch, 240 Sei­ten, 12 €