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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hass

Jeder ist allein. Kei­ner ist allein. Je näher ich einem Men­schen kom­me, desto reich­hal­ti­ger füh­le ich mich. Die Fähig­keit zur Nähe und zur Distanz, das tief­ste mensch­li­che Ver­mö­gen, ent­wickelt sich beim Aus­tausch mit der Welt. Je mehr Ener­gie zum Kon­takt in mir ist, desto mehr Platz habe ich für ande­re. Ich wer­de frei. Ich wer­de zum Sou­ve­rän. Ja, ich kann sogar zum Bewusst­seins­für­sten werden.

Ideo­lo­gien sind groß. Men­schen sind es nicht. Im frei­en Euro­pa der zwan­zi­ger Jah­re des 21. Jahr­hun­derts sind Atten­tä­ter der Gegen­satz zum Bewusst­seins­für­sten. Jeder Gewalt­tä­ter stei­gert, Tag für Tag, sei­ne beschränk­te Wahr­neh­mung der Welt und wird so immer kon­takt­ge­stör­ter. Durch die extre­me Beschrän­kung gewinnt er Sicher­heit. Bevor der Atten­tä­ter zum Täter wird ist er ohne emo­tio­na­len Boden. Er ist ein selbst­un­si­che­rer, eckig, kan­ti­ger Fran­ken­stein. Jetzt will er töten. Jetzt gewinnt er end­lich den Boden unter den Füßen, den er nie hatte.

Rech­te Ter­ro­ri­sten wol­len Deutsch­land ret­ten. Isla­mi­sten wol­len die Welt von den Ungläu­bi­gen befrei­en. Fühlst du dich klein und ohn­mäch­tig, kannst du durch jede Ideo­lo­gie groß und mäch­tig wer­den. War­um? Weil du und die, die genau­so den­ken, immer glau­ben, Recht zu haben.

Wenn du tötest, hast du Macht. Macht über das Leben ande­rer. Du setzt dich in ein Auto, trittst auf das Gas­pe­dal und rast los. Eben noch war alles sinn­los. Eben noch fühl­test du dich beschränkt, ein­sam und ohn­mäch­tig. Jetzt hast du Macht. Du tötest. Das Auto wird dir zur Waf­fe. Oder auch das Mes­ser, die Pisto­le, das Gewehr.

Alle Atten­tä­ter, Ter­ro­ri­sten, Amok-läu­fer haben eine sehr spe­zi­el­le Fami­li­en­ge­schich­te. Karl Ove Knaus­gard beschreibt in sei­nem lesens­wer­ten Essay »Der mono­fo­ne Mensch« den Atten­tä­ter von Oslo als einen end­los ohn­mäch­ti­gen Cha­rak­ter. Schei­dung der Eltern im Klein­kind­al­ter, Vater war nie da, Mut­ter schlief neben ihrem Sohn, am näch­sten Tag war die­se Nähe nicht mehr will­kom­men, das Kind wur­de wie­der weg­ge­sto­ßen. Ein end­lo­ses Her und Hin. In der Jugend­zeit hat­te er kei­ne Freun­din und kei­nen Freund. Kei­ne Bin­dung nir­gends. Die Sexua­li­tät blieb unaus­ge­lebt. Beruf­lich erreich­te der Oslo-Atten­tä­ter nie das, was er sich erträum­te. Alles blieb halt­los, ja sinnlos.

Bis das ras­si­sti­sche Den­ken kam. »Zu den wich­tig­sten Din­gen, die man in der Kind­heit lernt«, schreibt Knaus­gard, »gehört die Fähig­keit, sei­ne Gefüh­le zu beherr­schen.« Wer­den die Gefüh­le stän­dig zurück­ge­wie­sen, ver­küm­mern sie. Was drin­nen übrig­bleibt, das sind allein geblie­be­ne Gedan­ken, die ohne Pau­se, und immer schnel­ler, im Kopf des Betrof­fe­nen her­um­ra­sen. Alle Gefüh­le sind ein ein­zi­ger Mat­sche­pam­pe­klum­pen, der sich ste­tig wei­ter mit Ärger und Wut anfüllt. Das ein­zig übrig geblie­be­ne Gefühl, das durch die­sen stän­di­gen Zufluss grö­ßer wird, ist ein abgrund­tie­fer, im Grun­de ziel­lo­ser Hass, der dann »irgend­ei­ne« Rich­tung sucht – und lei­der manch­mal auch findet.