Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Heimliche Ehrung

Am 30. Juni hat Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin Chri­sti­ne Lam­brecht (SPD) im Foy­er ihres Ber­li­ner Amts­sit­zes die Büste eines Man­nes ent­hüllt, von dem der Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts Andre­as Voß­kuh­le 2013 sag­te, er habe als Demo­krat und Patri­ot an der deut­schen Geschich­te mit­ge­schrie­ben und sie zum Guten hin beein­flusst. Er mein­te damit den hes­si­schen Gene­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er, der Ausch­witz vor Gericht brach­te und damit Gerichts­tag hal­ten woll­te »über uns selbst, Gerichts­tag über die gefähr­li­chen Fak­to­ren in unse­rer Geschichte«.

Was mag die Mini­ste­rin bewo­gen haben, die Ehrung einer so her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­keit unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit vor­zu­neh­men? Nur die Jüdi­sche All­ge­mei­ne und eine Hand­voll Gäste wur­den ein­ge­la­den, dar­un­ter als pro­mi­nen­te­ster der Vor­sit­zen­de der Jüdi­schen Gemein­de zu Ber­lin, Gide­on Jof­fe. Wel­cher Fritz Bau­er soll­te da geehrt wer­den? Der hes­si­sche Gene­ral­staats­an­walt ent­stamm­te einer assi­mi­lier­ten jüdi­schen Fami­lie, hat­te aber weder Bezie­hun­gen zur jüdi­schen Gemein­de noch zur jüdi­schen Emi­gra­ti­on. Jude war er nach sei­nen eige­nen Wor­ten nur nach den Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­zen der Nazis. Ver­tre­ter der von Fritz Bau­er mit­be­grün­de­ten Huma­ni­sti­schen Uni­on waren anschei­nend nicht unter den ein­ge­la­de­nen Gästen. Jeden­falls hat die Mini­ste­rin nie­man­den aus die­ser Ecke begrüßt.

Mit der Coro­na-Kri­se lässt sich der enge Rah­men wohl­feil begrün­den, aber schon die Benen­nung des Foy­ers nach Fritz Bau­er wur­de auf klei­ner Flam­me gehal­ten. Und das war vor der Pan­de­mie. Schä­men sich die im Justiz­mi­ni­ste­ri­um täti­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten immer noch ihres Par­tei­freun­des, der es trotz aller Anfein­dun­gen nach sei­nem Tod zu Ruhm und Anse­hen gebracht hat und nicht mehr igno­riert wer­den kann? Ihn ein hal­bes Jahr­hun­dert nach sei­nem Able­ben der jüdi­schen Gemein­schaft zuzu­schla­gen und als poli­ti­schen Men­schen zu igno­rie­ren, kenn­zeich­net den Zustand einer Par­tei, die den unbe­que­men Mah­ner immer wie­der im Regen ste­hen ließ, das letz­te Mal genau einen Monat vor sei­nem über­ra­schen­den Tod mit der Zustim­mung zu den von Fritz Bau­er lei­den­schaft­lich bekämpf­ten Notstandsgesetzen.

Im Per­so­nal­bo­gen des Hes­si­schen Mini­ste­ri­ums der Justiz, Akten­zei­chen IIb B 599, beant­wor­te­te Fritz Bau­er nach sei­ner Rück­kehr aus dem Exil die Fra­ge nach sei­nem Glau­bens­be­kennt­nis mit »glau­bens­los«. In der Rubrik mit der Fra­ge, ob er poli­tisch, ras­sisch oder reli­gi­ös Ver­folg­ter sei, bezeich­ne­te er sich expli­zit als »Poli­tisch Ver­folg­ter« (Begleit­buch zu der Aus­stel­lung »Fritz Bau­er. Der Staats­an­walt«, Sei­te 189, Cam­pus Ver­lag, Frank­furt am Main, 2014). Mit sieb­zehn Jah­ren schloss er sich der SPD an und bekämpf­te spä­ter als Vor­sit­zen­der der Stutt­gar­ter Orts­grup­pe des Reichs­ban­ners Schwarz-Rot-Gold die auf­kom­men­de Nazi­be­we­gung. Mit 27 Jah­ren wur­de der hoch­be­gab­te Jurist zum jüng­sten Amts­rich­ter der Wei­ma­rer Repu­blik beru­fen. Die Nazis bezeich­ne­ten ihn als »jüdi­schen Amts­rich­ter«, der sein Amt poli­tisch miss­brau­che, und war­fen ihn gleich nach der Macht­über­nah­me aus dem Justizdienst.

Zu den weni­gen, die Fritz Bau­er als poli­ti­schen Men­schen zu wür­di­gen wis­sen, gehört die ehe­ma­li­ge Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin Her­ta Däub­ler-Gme­lin (SPD). Es sei tra­gisch für die SPD und Fritz Bau­er gewe­sen, schrieb sie in dem erwähn­ten Buch, dass er mit sei­nen Grund­for­de­run­gen und -the­sen auch in der SPD nicht frü­her brei­te­re Zustim­mung und Unter­stüt­zung bekom­men habe. Über die Umstän­de sei­ner Ent­las­sung aus dem Rich­ter­amt äußer­te sie: »Inter­es­sant ist die Begrün­dung dafür, die fest­stell­te, Bau­er könn­te zwar auch auf der Grund­la­ge von § 3 des Nazi-Geset­zes ›zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums‹ vom 7. April 1933 also auf­grund des ›Ari­er­pa­ra­gra­phen‹ aus dem Amt ent­fernt wer­den, weil Bau­er ja Jude war; gegen ihn käme jedoch wegen sei­ner Akti­vi­tä­ten gegen die Natio­nal­so­zia­li­sten die ›schär­fe­re Bestim­mung des § 4 zur Anwen­dung‹« (Sei­te 21). Der erste Satz die­ses Para­gra­phen lau­tet: »Beam­te, die nach ihrer bis­he­ri­gen poli­ti­schen Betä­ti­gung nicht die Gewähr dafür bie­ten, dass sie jeder­zeit rück­halt­los für den natio­na­len Staat ein­tre­ten, kön­nen aus dem Dienst ent­las­sen werden.«

War­um die­se heim­li­che Ehrung, bei der Fritz Bau­er als poli­ti­scher Mensch igno­riert und in eine fal­sche Schub­la­de gepackt wur­de? Ist sie das Ergeb­nis der auch von dem vor weni­gen Tagen ver­stor­be­nen Hans-Jochen Vogel beklag­ten Geschichts­ver­ges­sen­heit der SPD, die vor zwei Jah­ren mit der Auf­lö­sung der Geschichts­kom­mis­si­on beim Par­tei­vor­stand einen trau­ri­gen Höhe­punkt fand?

Der Deut­sche Jour­na­li­sten-Ver­band erklär­te in einer Stel­lung­nah­me, es sei mit Coro­na nicht glaub­wür­dig zu begrün­den, dass das Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­ri­um »fast kei­ne Pres­se« ein­ge­la­den habe, als die Büste für Fritz Bau­er ent­hüllt wor­den sei. Merk­wür­dig sei auch, dass das Mini­ste­ri­um noch nicht ein­mal eine Pres­se­mit­tei­lung ver­fasst, son­dern sich auf einen Tweet in Twit­ter beschränkt habe. Die rege Reso­nanz auf den Tweet zei­ge, dass es durch­aus öffent­li­ches Inter­es­se an der Fritz-Bau­er-Büste gebe.

 

Im Ossietzky Ver­lag erschien 2018 Kurt Nel­hie­bels Buch »Einem Nest­be­schmut­zer zum Geden­ken. Tex­te zum 50. Todes­tag von Fritz Bau­er«, 119 Sei­ten, 10 zzgl. 1,50 Versandkosten.